Risiko, Volatilität, Standardabweichung oder darf es gar der Maximum Drawdown sein? Selbst in Fachkreisen herrscht teilweise Verwirrung darüber, was genau hinter den Begriffen steckt. Es gibt verschiedene Größen, mit denen man das Risiko einer Kapitalanlage messen kann. Für Anleger ist das nicht immer ganz einfach. Denn häufig finden sie in Fonds-Factsheets und Datenbanken unterschiedliche Begriffe für letztlich ein und dieselbe Größe.

So steckt etwa hinter dem sehr allgemeinen Begriff Risiko oder dem etwas spezifischeren Begriff Volatilität (von lat. volare für schwanken) nichts anderes als die bereits oben erwähnte Standardabweichung. Das ist in diesem Zusammenhang die präziseste Bezeichnung und auch der Begriff, den die Envestoren auf unseren Factsheets finden. Was aber bedeutet es eigentlich, wenn ein Fonds eine Standardabweichung von beispielsweise 15% hat? Auf diese und weitere Fragen wollen wir in diesem Beitrag eingehen.

Risiko und Ertrag – Zwei Seiten der gleichen Medaille

Der Nobelpreisträger Harry Markowitz hat bereits in seinem 1952 erschienenen Artikel „Portfolio Selection“ den Zusammenhang zwischen den Größen Risiko und Ertrag hergestellt. Er hat gezeigt, dass sie zwei Seiten derselben Medaille sind. Da jeder Anleger für die Übernahme von Risiko eine Entschädigung fordert, müssen riskantere Anlagen eine höhere Rendite bieten als weniger riskante. Umgekehrt sind Anlagen, die einen höheren Ertrag erzielen sollen als beispielsweise Festgeldanlagen, zwangsläufig mit höheren Risiken behaftet.

Als Grundannahme gilt dabei, dass Risiko und Ertrag in Form der oben erwähnten Standardabweichung und ihrem Mittelwert dargestellt werden können. Der Mittelwert ist sozusagen der Ertrag, der mit der höchsten Wahrscheinlichkeit eintritt. Die Standardabweichung gibt an, wie stark die Anlage um diesen Mittelwert herum schwanken kann. Je höher also die Standardabweichung, desto höher die möglichen Schwankungen und damit das Risiko der Anlage.

Beim Konzept von Standardabweichung und Mittelwert unterstellt man, dass die positiven und negativen Abweichungen gleichmäßig um den Mittelwert herum verteilt sind, und spricht von der Normalverteilung der Renditen. Das bedeutet: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Rendite 10% über dem Mittelwert liegt, ist genauso hoch wie die Wahrscheinlichkeit, dass sie 10% darunter liegt. Folgende Abbildung zeigt das Konzept von Standardabweichung und Mittelwert.

Normalverteilung der positiven und negativen Standardabweichungen um den Mittelwert

 Abb.: Verteilungsfunktion einer Normalverteilung, Quelle: Eigene Grafik

In dieser Abbildung bezieht sich der Mittelwert auf das mögliche Vermögen eines Anlegers am Ende seines Anlagehorizonts. Sie zeigt, dass der Mittelwert genau das Endvermögen ist, das mit der höchsten Wahrscheinlichkeit erreicht wird. Das Erreichen besserer oder schlechterer Vermögenswerte ist somit weniger wahrscheinlich. Je weiter entfernt ein Portfolioendwert vom Mittel liegt, desto unwahrscheinlicher ist es, dass er tatsächlich eintritt.

Statistisch kann man die Fläche, die unterhalb der oben dargestellten Kurve liegt, in einzelne Intervalle einteilen und genau bemessen. So umfasst beispielsweise die Fläche im Intervall einer Standardabweichung 68% aller möglichen Ergebnisse. Die Fläche, die im Intervall zweier Standardabweichungen liegt, umfasst 95% der Gesamtfläche. Oder anders interpretiert: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent werden die Portfoliowerte innerhalb dieses Intervalls liegen.

Ein konkretes Beispiel

In einem Beispiel soll nun angenommen werden, dass der Mittelwert der Renditen einer Anlage, also die Rendite, die mit der höchsten Wahrscheinlichkeit eintritt, 10% und deren Standardabweichung 15% sein soll. Aus der oben beschriebenen Gesetzmäßigkeit der Standardabweichung können nun folgende Schlüsse gezogen werden:

  • 68% aller möglichen Renditen liegen zwischen -5% (10% – 15%) und +25% (10% plus 15%)
  • 95% aller möglichen Renditen liegen zwischen -20% (10% – 2 mal 15%) und +40% (10% + 2 mal 15%).

 Standardabweichung für einzelne Fonds

Wenn Anleger also in Informations-Datenbanken sehen, dass das Risiko, die Volatilität oder eben die Standardabweichung eines Fonds 15% beträgt, dann bedeutet das, dass die in der Vergangenheit erzielte Rendite mit einer Schwankungsintensität von 15% „erkauft“ wurde.

Diese Größe gibt aber nicht an, wie groß der maximale Verlust war, den ein Fonds erleiden musste. Genau das besagt dagegen der Maximum Drawdown. Hier ist aber zur Vorsicht aufgerufen. Wirklich aussagekräftig ist diese Kennzahl nämlich nur dann, wenn ein Fonds auch schon Crash-Phasen erlebt und überlebt hat. Bei jungen Fonds, die nur Boom-Phasen kennen, kann die Kennziffer zu optimistisch ausfallen. Wie sich ein Fonds während der Corona-Krise verhalten hat, ist aber durchaus ein interessantes Indiz dafür, welche Risiken ein Anleger bereit sein muss zu verkraften. Dennoch würden wir empfehlen, den Maximum Drawdown immer nur in Verbindung mit der Standardabweichung zu analysieren.

Die Envestor-Factsheets weisen außerdem die sogenannte SRRI-Kennzahl aus. Die Abkürzung steht für „Synthetic Risk and Reward Indicator“. Auch hinter SRRI steckt nichts anderes als die Standardabweichung. Die Fonds werden – abhängig von der Höhe ihrer Standardabweichung – bestimmten Risikoklassen zugeteilt. Der Risikoindikator SRRI wird in der gesamten Europäischen Union nach einheitlichen Standards berechnet und kann einen Wert zwischen 1 (risikoarm) und 7 (risikoreich) haben.

Risikoklassen und Volatilitätsintervalle

Quelle: ESMA

Standardabweichung für Fonds-Portfolios

Die Standardabweichung kann aber nicht nur für einzelne Fonds, sondern auch für ganze Fonds-Portfolios berechnet werden. Dies ist wichtig, damit Anleger im Vorfeld einer Investition entscheiden können, ob ein Portfolio zu ihrer individuellen Risikoneigung passt. Envestor hat hierfür ein eigenes Software-Tool entwickelt. Mit dem Envestor-Risikosimulator im internen Bereich können Anleger erkennen, wie sich die oben erwähnten SRRI-Klassen auf ihren persönlichen Anlagebetrag auswirken. Mit anderen Worten, der Anleger erhält ein plastisches Bild von dem Risiko, das mit seiner Anlage verbunden ist.

Abb.: Die Vermögensentwicklung eines weniger riskanten Portfolios (SRRI 2) und eines riskanteren Portfolios (SRRI 6) im Zeitablauf

Vermögensentwicklung eines weniger riskanten Portfolios (SRRI 2) und eines riskanteren Portfolios (SRRI 6) im Zeitablauf

Quelle: Envestor Risikosimulator

Die Abbildungen zeigen, wie sich ein Vermögen von 100.000 Euro über einen Zeitraum von ein bis zehn Jahren entwickelt. Einmal bei SRRI 2 und einmal bei SRRI 6. Anleger können so mit Hilfe eines Schiebereglers testen, welche SRRI-Klasse am ehesten zu ihren individuellen Wünschen und Bedürfnissen passt.

Vermögenswerte mit einer hohen Eintrittswahrscheinlichkeit werden dunkelgrün dargestellt – je niedriger die Eintrittswahrscheinlichkeit, desto stärker geht es Richtung hellgrün. Auch Anleger, die noch kein Depot bei Envestor haben, haben einen kostenfreien Zugriff auf den Risikosimulator.

Fazit

  • Größen wie Risiko, Volatilität und auch der SRRI-Faktor basieren auf dem statistischen Maß der Standardabweichung
  • Standardabweichung kann sowohl für einzelne Fonds als auch für ganze Portfolios herangezogen werden
  • Je höher die Standardabweichung, desto höher die Wahrscheinlichkeit und auch das Ausmaß eines möglichen Verlusts
  • Der Maximum Drawdown ist eine wichtige Kenngröße. Das Auflagedatum des Fonds und die zurückliegende Marktentwicklung können aber erheblichen Einfluss auf diesen haben

Ausblick

Es gibt ein mächtiges Instrument, wie man das Risiko von Portfolios senken kann, ohne dabei Renditeeinbußen in Kauf nehmen zu müssen: die Diversifikation. Genau auf diese und die damit verbundene Größe der Korrelation werden wir im nächsten Beitrag eingehen.

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