Wir setzen die Index‑WM mit dem Duell Nikkei 225 kontra MSCI Japan fort. Der Nikkei‑Index ist aus guten Gründen für Profi‑Anleger ein geschmähter Dino. Dummerweise hat sich der Dino für Puristen zum Performance‑Alptraum entwickelt: Er ist dem MSCI Japan in den vergangenen Jahren weit enteilt. Was hinter der Outperformance des Schrott‑Index steckt und wie Anleger reagieren sollten.
Wer an Japan‑Aktien denkt, dem kommen oft träge Banken und die verstaubte Wirtschaftsstruktur der 1980er‑Jahre in den Sinn. Und das ist gar nicht einmal so falsch. In Japan dominieren noch immer viele Banken das Geschehen wie auch Autohersteller und Industriekonglomerate. Viele dieser Unternehmen sind binnenorientiert und leiden unter dem demografischen Wandel. Doch dann gibt es die spannende Welt der Halbleiterzulieferer und Elektronik-Konzerne. Was findet sich in Japan-ETFs wider?
Der Index-Platzhirsch MSCI fängt effizient und methodisch sauber – wie könnte es anders sein – mit dem MSCI Japan die größten Large‑ und Mid‑Caps des japanischen Marktes ein – 85 Prozent der frei handelbaren Marktkapitalisierung. Ganz anders macht es der traditionsreichere Indexrivale Nikkei 225. Es handelt es sich um eine Benchmarkt aus der Zeit der bunten Rechenschieber: Er ist kursgewichtet. Je höher der Kurs einer Aktie, desto höher ist ihr Gewicht. Er funktioniert also wie der US-Index-Dino Dow Jones Industrial Average.
Natürlich folgen im Zuge der Professionalisierung der Finanzmärkte und der Dominanz von ETFs die allermeisten Produkte „modernen“ Indizes. Laut Morningstar stecken weltweit nur noch 30 Prozent der Mittel in Japan-Indexfonds in den Trackern des Nikkei 225.
Warum also, fragen sich hier unsere geschätzten kritischen Leser, rufen wir im Zuge unserer Index‑WM das Duell MSCI Japan kontra Nikkei 225 auf? Nun, aus einem ganz banalen Grund: Der Schrott‑Index aus dem Hause Nikkei performt alle anderen Indizes in Grund und Boden. Der Xtrackers Nikkei 225 ETF legte etwa um knapp 40 Prozent (in Euro gerechnet) in den ersten sechs Monaten 2026 zu, der iShares MSCI Japan ETF stieg um nur 18,6 Prozent; 2025 waren es 13,4 Prozent vs. 10 Prozent, 2024 lag der Nikkei 225 ETF mit Plus 15,7 Prozent leicht besser als der MSCI Japan ETF, 2023 waren es gut 2,5 Punkte mehr. Inzwischen haben das immer mehr Anleger mitbekommen: Viele schichten in diesem Jahr um. Dino hin oder her, wenn Dinos Performance bringen, dann wächst die Dino-Fangemeinde. Höchste Zeit also für unser Index‑Duell!
Aufnahmekriterien und Systemfehler
Beim MSCI Japan (und dem breiten Inlands‑Pendant TOPIX) geht es wissenschaftlich exakt zu. Die Indizes gewichten ihre Mitglieder streng nach der Free‑Float‑Marktkapitalisierung. Wer ökonomisch groß und bedeutend ist, bekommt viel Gewicht. Der Nikkei 225 hingegen agiert rein kursgewichtet. Der absolute Aktienkurs einer Firma bestimmt ihr Gewicht im Index. Die Marktkapitalisierung ist für die Gewichtung irrelevant. Das bedeutet, dass der Nikkei 225 faktisch ein purer Momentum-Index ist.
Diese Konstruktion führt zu skurilen Entwicklungen: Die Modekette Fast Retailing (Uniqlo) besaß im Nikkei 225 phasenweise ein zehnmal höheres Gewicht als der Automobilgigant Toyota, weil die Uniqlo‑Aktie einen viel höheren Preis pro Aktie hat.
In der Finanzwissenschaft gilt der Nikkei wegen dieser Willkür seit jeher als Fehlkonstruktion. Wir können hier nur zustimmen: Wegen dieser erdrückenden Logik geht der MSCI Japan verdient mit 1:0 in Führung.
Schlagabtausch: Das „Zwei‑Klassen‑Japan“
Wer die Börsenwelt Japans verstehen will, darf nicht die Realwirtschaft vergessen: Der MSCI Japan bildet die gesamte Breite der Wirtschaft ab und schleppt dadurch viel Ballast mit sich herum. Noch immer wurden nicht alle Tretminen aus der ewig langen Deflationsphase ab 1990 beseitigt. Im MSCI Japan dominieren traditionelle Megabanken (wie Mizuho oder MUFG) und schwerfällige Industriekonglomerate. Viele Firmen halten noch immer gigantische Cash‑Berge auf ihren Bilanzen. Dass angesichts von viel totem Kapital diese Aktien keinen Turbo an der Börse gezündet haben, verwundert nicht. Im MSCI Japan machen Finanzdienstleister knapp 18 Prozent des Indexgewichts aus, Industrie‑Aktien sind mit 23 Prozent gewichtet. Im Nikkei 225 sind diese beiden Sektoren indes mit nur knapp 3 bzw. 16 Prozent gewichtet.
Viel wichtiger noch: Tech‑Aktien sind mit 22 Prozent im MSCI Japan viel niedriger gewichtet als im Nikkei 225, wo dieser Sektor 37 Prozent ausmacht. Durch puren Zufall hat der Nikkei 225 mit seinem Konstruktionsfehler unfreiwillig eine hocheffiziente Qualitäts‑ und Tech‑Auslese des modernen Japans aufgesetzt. Die global wettbewerbsfähigsten Exportfirmen aus der Halbleiter‑ und Elektronikbranche weisen historisch hohe nominale Aktienkurse auf. Die Tech‑Dominanz übersetzt sich in Halbleiter‑Schwergewichte wie Tokyo Electron und Advantest (jeweils gut zehn Prozent im Index) sowie SoftBank (8 Prozent), die zusammen gut ein Viertel des Nikkei 225 ausmachen. Diese Aktien finden sich in deutlich niedrigeren Dosen im MSCI Japan.
Mit einem sehenswerten Stolperer‑Tor stochert der Nikkei 225 den Ball zum 1:1‑Ausgleich über die Tor‑Linie.
Performance‑Walze hat gute Argumente
Beim Investieren ist – wir wiederholen hier das Helmut‑Kohl‑Bonmot vom letzten Duell, versprochen, ein letztes Mal! – entscheidend, was hinten rauskommt. Hier lässt der Geisterfahrer Nikkei 225 den nach wissenschaftlichen Kriterien aufgesetzten MSCI Japan seit Jahren hinter sich.
Der Nikkei 225 geht dank eines erdrückenden Pressing‑Spiels verdient mit 2:1 in der 80. Minute in Führung.
Weniger Freak-Risiken: MSCI schlägt zurück
In der Endphase des Duells offenbart der Nikkei allerdings seine extreme Instabilität. Das System ist so anfällig, dass ein einfacher Aktiensplit das Indexgefüge verschieben könnte bzw. bereits in der Vergangenheit verschoben hat. Macht ein Unternehmen einen Aktiensplit, schlägt sich das im Nikkei 225 sofort durch. Da sich fundamental am Wert des Unternehmens nichts ändert, passiert im MSCI Japan folgerichtig: nichts.
Ausgerechnet Top‑Wert im Nikkei, Tokyo Electron, liefert ein Beispiel für dieses Risiko: Im März 2023 vollzog der Halbleiter‑Gigant einen Aktiensplit im Verhältnis 1:3, was sein Gewicht im Index über Nacht künstlich abstürzen ließ. Am 30. September 2026 folgt übrigens der nächste Split, sogar im Verhältnis 1:5. Die Folgen sind absehbar.
Um dieses Chaos zu bändigen, haben die Nikkei‑Rechenschieber im Jahr 2022 eine Gewichtsobergrenze bei 10 Prozent eingeführt. Aber das ändert aber nichts daran, dass der Nikkei ein fragiles Konstrukt ist, dessen Gewichtungen ziemlich random zustandekommen.
Der MSCI Japan gleicht in der Nachspielzeit, quasi mit dem Schlusspfiff, zum 2:2 aus.
Schlusspfiff und das Fazit für Anleger
Das Duell endet unentschieden. Das ist – wie im echten Fußball‑Leben – auch für Anleger unbefriedigend, die gerne klare Verhältnisse haben möchten. Sollen sie die schwachen Zahlen der klassischen kapitalisierungsgewichteten Indizes ignorieren und auf die methodisch klinisch reinen ETFs auf den MSCI Japan setzen? Oder doch auf den Rechenschieber‑Dino setzen, nach dem Motto: Augen zu und durch und reich werden? Aktuell setzen Anleger offenkundig auf letzteres Szenario, wie die Abflüsse aus MSCI‑Japan‑ETFs und die Zuflüsse in Nikkei‑225‑ETFs signalisieren.
Weder noch. An dieser Stelle endet die Fußball‑Analogie. Im Anlegerleben sind wir nicht auf zwei Alternativen zurückgeworfen: Wir haben dank der Breite und Tiefe des Fondsmarkts in Europa hervorragende Alternativen. Diese bestehen weniger in einem alternativen ETF, etwa einem auf den Nikkei‑400‑Index. Dieser Index, der seit 2014 live ist, adressiert einige Schwächen des Nikkei 225, produziert aber neue. Der kapitalisierungsgewichtete, mit qualitativen Filtern ausgestattete Nikkei 400 leidet unter der sehr engen Begrenzung auf der Einzeltitelebene und vor allem darunter, dass die Filter rückwärts gerichtete Kennzahlen nutzen.
Richten wir also den Blick auf aktiv verwaltete Fonds. In ineffizienten Märkten – und ja: der japanische Markt ist ineffizient – raten wir bei envestor Kunden zu aktiv verwalteten Fonds. Während der Nikkei 225 blind und zufällig die Tech‑Gewinner übergewichtet, sortieren aktive Fondsmanager die Value‑Fallen der alten 80er‑Jahre‑Konglomerate heraus. Tech‑ und Halbleiterperlen, die vom globalen KI‑Boom profitieren, werden erfasst und mit den Profiteuren der japanischen Zinswende kombiniert. Wer in Japan die Spreu vom Weizen trennen und die Effekte der Corporate‑Governance‑Reformen im Depot nutzen will, verlässt sich weder auf verstaubte Rechenschieber noch auf sterile mathematische Modelle – sondern auf fundiertes, Stock‑Picking.
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Autor
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Alle Beiträge ansehenAli Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor. Er beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar.