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Altersvorsorgedepot und aktive ETFs – letzte Chance für Fonds-Ideologen

Altersvorsorgedepot und aktive ETFs – letzte Strohhalme für aktive Manager? Es ist absehbar, dass ein immer schon absurder Kulturkampf endlich sein Ende findet: „ETFs kontra aktiv gemanagte Fonds“. Aktive Manager, die sich ein Vierteljahrhundert dem absehbaren Trend zu günstigen Fonds verweigert haben, bekommen eine zweite, vermutlich die letzte Chance.  

Es ist im Fonds-Geschäft nicht anders als in anderen Wirtschaftszweigen: sich auf fixe Ideen zu versteifen, ist selten eine gute Idee. Das Altersvorsorgedepot und das zarte Pflänzlein aktive ETFs bieten aktiven Fondshäusern, die sich bis zuletzt dem Trend zu passiven Fonds verweigert haben, eine letzte Chance.  

Im Geschäftsleben hängt der Erfolg auch von der Fähigkeit ab, pragmatisch zu agieren, den Unternehmenskurs dann zu adjustieren, wenn sich die Nachfrage bei Kunden erkennbar verschiebt und das eigene Angebot die Nachfrage nicht erfüllt. Die Rede ist hier von dem Siegeszug von ETFs bei Privatkunden. Erstaunlicherweise haben viele aktive Manager es auch ein gutes Vierteljahrhundert lang nach dem Start des ETF-Segments in Europa geschafft, den immer offenkundigeren, säkularen Trend zu ignorieren und sich auf den Kulturkampf „ETFs kontra aktiv gemanagte Fonds“ zu versteifen. Das ist vor allem deshalb erstaunlich, weil ETFs lediglich ein alternativer Vertriebsweg für Asset-Management-Produkte sind – „ETFs“ steht für exchange traded funds, also börsennotierte Fonds. Nicht mehr und nicht weniger.

Häuser wie Allianz Global Investors (AGI) und Union Investment stehen für die vielen Verfechter eines Schismas, das eigentlich nie eines war. Sie sind bzw. waren quasi ideologische Verfechter der rein aktiven Portfolioverwaltung. Fondsanbieter wie die DWS oder Deka waren hier pragmatischer (lies: schlauer, weil geschäftstüchtiger). Sie haben – nicht ohne Knarzen im Gebälk – beide Fondstypen in ihre Geschäftsmodelle integriert.

Doch auch die resistentesten antifaschistischen Schutzwälle werden mit der Zeit porös. Und da wir uns im Jahr 2026 befinden, mussten auch AGI und Union Investment erkennen, dass ETFs im Privatkundengeschäft die „Go to“-Produkte geworden sind. Aktiv verwaltete Fonds mögen den Anbietern die höheren Margen bringen, aber sie haben einen schlechten Leumund. Dafür gibt es gute Gründe: Um den Provisionsvertrieb zu füttern, haben die Anbieter aktiver Fonds so lange die Kosten ihrer Produkte erhöht, bis auch Strategien, die vor Kosten einen Mehrwert bringen, netto hinter die Vergleichsindizes zurückgefallen sind. Insofern lässt sich der vermeintliche Kulturkampf auf den nicht ganz so kurzen Nenner bringen: „Fondsanbieter, die ihren Kunden eine Chance auf faire Renditen bieten vs. Fondsanbieter, denen vor allem daran gelegen ist, viele Fondsverkäufer für sich zu gewinnen, die dann teure Fonds an den Mann und an die Frau bringen“. (Puh!)

AGI und Union Investment steigen also in das Privatanlegergeschäft mit ETFs ein. Es ist eine hübsche Ironie, dass ausgerechnet die lautesten Verfechter des „aktiven Mehrwerts“ ETFs hinterherlaufen, die sie jahrelang wie Feinde bekämpft und als wesensfremd für das eigene Geschäftsmodell betrachtet haben. Zwei Umstände tragen dazu bei, dass beide Häuser trotz einer Verspätung von gut einem Vierteljahrhundert eine halbwegs realistische Chance auf Erfolg haben.

Einmal haben Privatanleger verstanden, dass aktives Management nicht „Alles oder nichts“ heißen muss. Hochkonzentrierte Portfolios sind inzwischen nicht mehr das Gebot der Stunde, immer mehr Anleger verstehen, dass Diversifikation stetigere und daher langfristig zumeist bessere Renditen bringt. Günstige Strategien, die nah am Index bleiben, können durch inkrementelle Outperformance langfristig einen erheblichen Mehrwert erzielen. JPMorgan Asset Management hat diesen Trend rechtzeitig erkannt und sich einen Riesenvorsprung mit seinen „enhanced research ETFs“ erarbeitet. Die hohen Zuflüsse in JPM ETFs sind ein beredtes Zeugnis dafür, dass auch ETF Anleger die Konfidenz entwickeln können, dass aktives Management zum richtigen Preis funktionieren kann. Aktive ETFs liefern aktiven Managern die Blaupause für eine Last Minute Anpassung veralteter Geschäftsmodelle.

Zum anderen kommt 2027 das Altersvorsorgedepot, der Nachfolger der Riester Rente. Mir wurde auf einer Konferenz in dieser Woche eine Schätzung des Marktpotenzials dieser neuen Vorsorgeform zugerufen: 220 Milliarden Euro für die nächsten Jahre. Solche Zahlen können aus Ideologen Pragmatiker machen. Jedenfalls hat Union Investment für sein „Standarddepot“ den Einsatz aktiver ETFs angekündigt, die mutmaßlich von ihrer quantitativ arbeitenden Tochtergesellschaft Quoniam Asset Management verantwortet werden.

Fondsanbieter, die ihren Kunden eine Chance auf faire Renditen bieten vs. Fondsanbieter, denen vor allem daran gelegen ist, viele Fondsverkäufer für sich zu gewinnen, die dann teure Fonds an den Mann und an die Frau bringen

Der Zug zu ETFs rollt, und Vermögensverwalter, sofern sie sich als Geschäftsleute verstehen, werden das Motto verfolgen: „If you can’t beat them, join them“. Allianz Global Investors, Union Investment und die anderen Träger der Standarte von aktivem Fondsmanagement haben eine second Chance, nicht hoffnungslos aus der Zeit – und aus dem Fondsgeschäft – zu fallen. Ob sie diese Chance nutzen werden, hängt mit vielen Imponderabilien zusammen: mit der Kompetenz der Entscheidungsträger, der Vertriebsstrategie, der Qualität der Strategien – und deren Kosten. Und, last but not least, mit der Marktentwicklung. Fällt der DAX in den nächsten sechs Monaten um 50 Prozent, wird die Abschlussbereitschaft der Kunden beim Altersvorsorgedepot Anfang 2027 deutlich geringer ausfallen, als wenn der DAX um 50 Prozent steigen würde. Viele Imponderabilien, gewiss, aber nichtsdestoweniger die unverhoffte Last-Entry-Chance.

envestor als unabhängiger Vermögensmanager wird auch beim Altersvorsorgedepot so agieren, wie es unsere Kunden gewohnt sind: Unsere Depots werden diversifiziert sein, die besten Produkte am Markt umfassen und niedrige Kosten aufweisen. Neutralen, unabhängigen Plattformen wie envestor ist es einerlei, ob sich ein Baustein im Depot „Fonds“ oder „ETF“ nennt: Das Zusammenspiel muss Kunden einen erkennbaren Mehrwert liefern. An diesem Punkt kann man uns gerne unterstellen, Ideologen zu sein.

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Autor

  • Ali Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor. Er beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar.

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