2020: Ein einschneidender Wendepunkt? (Teil 1: Anleihen und Inflation)

Viele Entwicklungen der letzten Jahre, insbesondere bei Anleihen und Inflation, werden sich kaum weiter fortschreiben lassen. Jahreswechsel sind ein beliebter Zeitpunkt, gleichzeitig zurück zu blicken und in die Zukunft. Und der Beginn des Jahres 2020 erscheint ganz besonders dazu angetan, einen bedeutenden Wendepunkt zu verkünden.

Abseits simpler Zahlenmagie stehen die Chancen gut, dass sich Anleger an 2020 als ein einschneidendes Datum zurückerinnern werden. Aus diesem Grund werden wir in einer Artikel-Serie versuchen, diejenigen Trends an den globalen Kapitalmärkten zu identifizieren, deren baldige Umkehr sowohl wahrscheinlich als auch potentiell besonders folgenschwer erscheint.

Ende der Rally bei Anleihen?

Eine Entwicklung, die sich kaum so weiter fortschreiben lassen wird, ist der Abwärtstrend bei Zinsen bzw. der Aufwärtstrend bei den Kursen von Anleihen. Zunächst von fallender Inflation und zuletzt von unkonventioneller Zentralbankpolitik getrieben, hält dieser Trend seit nunmehr fast 40 Jahren an und machte selbst vor der Nulllinie nicht halt. 2019 markierte einen Rekord beim Volumen negativ verzinster Anleihen: Deutsche Staatsanleihen mit bis zu 15 Jahren Laufzeit garantieren ihrem Käufer heute bereits vor Abzug der Inflation einen Verlust.

Dieser Umstand ist kein spezifisch deutsches Problem. Zeitweise wiesen weltweit Anleihen im Wert von über 15 Billionen Euro eine negative Nominalrendite auf. Selbst risikobehaftete Unternehmensanleihen versprechen bisweilen nurmehr negative Zinsen, denn auch die Risikoaufschläge sind in den letzten Jahren dramatisch eingebrochen. Wer überhaupt noch eine Chance auf nennenswerten laufenden Ertrag haben will, muss schon zu Ramschanleihen mit materiellen Ausfallrisiken greifen. Wie groß angesichts dieser Situation das Volumen von Anleihen sein wird, das im Rückblick eine negative reale Rendite erzielen wird, darüber kann heute nur spekuliert werden.

Langlaufende Anleihen als pure Spekulation

Anleihen – zumindest solche hoher Bonität – haben damit ihre aus Anlegersicht wichtigste Funktion eingebüßt, nämlich die Generierung berechenbarer laufender Erträge. Nach vorne gerichtet eignen sie sich nur noch als rein spekulatives Investment: Nur wer an weitere Kursgewinne infolge noch negativerer Zinsen oder an ein Szenario starker, langanhaltender Deflation glaubt, für den können Anleihen überhaupt noch attraktiv sein. Wer laufende Erträge sucht, der muss sich anderweitig umschauen: Dividendenstarke Aktien – insbesondere solche von Unternehmen aus wenig konjunktursensiblen Branchen mit starker Bilanz – sind eine langfristig überlegene Alternative. Die Anleihe als reines Spekulationsobjekt und die Aktie als Quelle stabiler Erträge: Verkehrte Welt im Jahr 2020.

Trendwende bei der Inflation?

Eine bedeutende Triebfeder für die Anleiherally und damit der wichtigste mögliche Auslöser für eine nachhaltige Trendwende im Jahr 2020 ist die Entwicklung der Inflation.

Die vergangenen 40 Jahre waren geprägt von Disinflation infolge der durch die Globalisierung stetig sinkenden globalen Produktionskosten.

Insbesondere die Integration der Schwellenländer – allen voran China – in eine zunehmend arbeitsteilige Weltwirtschaft wirkte hier als massiv und nachhaltig dämpfender Einfluss. Doch genau dieser Einfluss kommt nun von zwei Seiten unter Druck: Einerseits steigen nicht zuletzt aufgrund sich wandelnder Demographie die Lohnkosten in den Schwellenländern, andererseits führen in vielen entwickelten Ländern die Auswirkungen der Globalisierung auf den Arbeitsmarkt zum Erstarken populistischer Kräfte, die sich explizit gegen Globalisierung wenden.

Handelskonflikte oder sogar ein Zurückdrehen globaler Integration werden wahrscheinlicher, zumindest kann eine weitere Zunahme der Integration der Weltwirtschaft praktisch ausgeschlossen werden. Gemeinsam mit der gleichzeitig schrumpfenden Arbeitsbevölkerung in den entwickelten Ländern lassen beide Effekte stärker steigende Produktionskosten für Güter und Dienstleistungen fast unausweichlich erscheinen. Kaum auszudenken, was passieren würde, wenn sich zusätzlich auch noch Rohstoffpreise auf breiter Front erhöhen sollten.

Gold als Stabilisator durchaus interessant

Angesichts dieser Ausgangslage bieten Anleihen mit langer Restlaufzeit und hoher Bonität – insbesondere Euro-Staatsanleihen – ein denkbar ungünstiges Chance-Risiko-Profil. Ihre einzige positive Eigenschaft, nämlich die kurzfristig negative Korrelation mit Aktien, könnte zwar im Falle einer Verschärfung der Situation im Nahen Osten zu positiver Performance führen, langfristig aber macht eine Investition auf dem aktuellen Renditeniveau keinen Sinn. Wer nach einem Stabilisator für sein Depot sucht, könnte bei Gold oder anderen Edelmetallen und Rohstoffen fündig werden.

Für eine Anlage in Gold spricht, dass es anders als kurzfristige Anleihen zumindest keine Opportunitätskosten in Form negativer Zinsen aufweist. Man sollte sich jedoch immer bewusst sein, dass sowohl der Wert von Gold als auch sein Nutzen als Krisenwährung seit der Aufhebung der Goldbindung des globalen Währungssystems einzig und allein auf dem kollektiven Glauben der Anleger an seinen Wert beruht. Betrachtet man die aktuellen Top Seller Fonds auf Envestor, so scheinen nicht nur Star-Manager wie Kaldemorgen oder Flossbach bereit zu sein, diesen Pferdefuß in Kauf zu nehmen.

Keine Alternative zu Aktien?

Wer nicht nur nach eher kurzfristiger Absicherung, sondern nach langfristiger Rendite strebt, wird mit Gold wohl eher keine Freude haben. Aktienanlagen machen auf lange Sicht trotz ebenfalls hoher Bewertungen schon mehr Sinn, denn längerfristig sollte sich ein Anstieg der Inflation nicht allzu negativ auf die realen Unternehmensgewinne oder deren Wachstum auswirken. Trotzdem existieren selbst hier kurzfristig erhebliche Risiken.

Daher werden wir uns im zweiten Teil unseres Ausblicks sehr ausführlich mit den Chancen und Risiken der globalen Aktienmärkte sowie der unterschiedlichen Anlagestile auseinandersetzen.

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