Die Riester‑Rente war für Anleger ein Renditekiller, für die Finanzindustrie dagegen eine Gebührenbonanza. Das neue Altersvorsorgedepot begradigt diese Schieflage. Warum die Verantwortlichen in der Finanzindustrie gut daran täten, sich weniger zu beschweren und stattdessen ihre zweite Chance zu nutzen.
Wer ab 2002 einen Riester‑Vertrag abgeschlossen hat, erzielte bestenfalls mickrige Renditen. Im Alter fehlt als Geld. Selbst wer tapfer seinen Vertrag bespart hat, kommt in der Auszahlphase laut Bundesfinanzministerium im Schnitt auf weniger als 150 Euro im Monat. Es ist deshalb keine Übertreibung, von einem unwiederbringlichen Schaden für zwei Generationen zu sprechen. Gewinner der Riester‑Rente 1.0 waren Versicherer, Vertriebe, Banken und Fondsanbieter. Für sie war die Riester‑Rente ein Profitbringer – dank hoher Gebühren, die sich auch aus staatlichen Zuschüssen speisten und noch immer speisen.
Das neue Altersvorsorgedepot ist nicht perfekt, aber es hat eines erreicht: Produktanbieter und Verkäufer haben nicht länger ohne Weiteres die Möglichkeit, sich an staatlich geförderten Spargeldern leistungsfrei satt zu verdienen. Wer Altersvorsorgeprodukte an die Frau und den Mann bringen will, muss künftig mit klaren Strukturen, niedrigen Kosten und guter Beratung arbeiten. Dass diese Selbstverständlichkeit in manchen Vorstandsetagen der Finanzindustrie für schlechte Laune sorgt, ist bedauerlich, kommt aber angesichts der Riester-Historie nicht überraschend.
Auch der Staat hat bei Riester 1.0 versagt. Das Parlament hat aber seine Hausaufgaben gemacht und, wenn auch sehr spät, einen ordentlichen Wurf gelandet. Kern der Reform ist ein renditeorientiertes Depot mit gedeckelten Effektivkosten und ohne zwingende Vollgarantie; die Verträge sind flexibel, und erfasst werden auch Selbstständige, von denen aktuell viele einem finanziell prekären Lebensabend entgegenschuften.
Besonders groß ist der Unmut der Finanzbranche über das geplante öffentlich verwaltete Standarddepot. Der Staat steigt mit in die Bütt, und das treibt so manchen Verantwortlichen bei den Banken und Versicherern der Schaum vor den Mund. Auch beim Fondsverband BVI wird gegen „Wettbewerbsverzerrungen“ gewettert, weil mit dem Staat angeblich ein „übermächtiger“ Konkurrent auftrete. Schlüssiger erscheint mir das Argument, dass die bisherige Intransparenz der Riester‑Produkte die eigentliche Wettbewerbsverzerrung darstellt.
Staatlich verwaltetes Depot als Messlatte
Anleger, die sich für ein Altersvorsorgedepot der Privatwirtschaft entscheiden, werden stets vergleichen können. Wer teure, mies performende und komplizierte Konstruktionen anbietet, muss in Kauf nehmen, dass eine schwache Rendite seines Produkts eine Abstimmung der Anleger mit Füßen nach sich ziehen wird. So gesehen wird das staatlich verwaltete Standarddepot als sinnvolle Messlatte fungieren. Es definiert, was unter fairen Kosten und klarer Anlagelogik möglich ist.
Für gute Berater ist das neue System kein Angriff, sondern eine Klärung der Rollen. Wenn das Produktregal entschlackt wird und ein ernstzunehmender Wettbewerb auf Produktebene entsteht, verschiebt sich die Wertschöpfung vom Produkt hin zur Beratung. Dann geht es darum, ob die Aktienquote zum Risikoprofil passt, ob Überzahlungen sinnvoll sind, wie zwei Verträge genutzt und mit gesetzlicher und betrieblicher Rente verzahnt werden. Das lässt sich nicht per Factsheet ablesen. Wer hier kundenorientiert arbeitet, hat Anlegern einen guten Dienst erwiesen und wird seine Leistung immer noch ordentlich vergütet bekommen.
Am Ende können die Verantwortlichen in der Finanzindustrie drei Kreuze machen, dass am Freitag, dem 27. März 2026, nicht der von Bündnis 90/Die Grünen geforderte „Bürgerfonds“ gekommen ist, der ein direktes Mitwirken der Finanzindustrie an der reformierten Altersvorsorge ausgeschlossen hätte. Mit dem Altersvorsorgedepot hat die Finanzbranche eine zweite Chance bekommen zu beweisen, dass sie ihren Kunden und damit den Bürgern Gutes tun und damit ihren gesellschaftlichen Nutzen unter Beweis stellen kann.
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Autor
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Alle Beiträge ansehenAli Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor. Er beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar.