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Fondspreis-Analyse: Komplexität, Intransparenz – und Anlegerschutz

Wer morgens beim Kaffee auf den Kurs seines Fonds schaut, glaubt oft, einen aktuellen „Wetterbericht“ für sein Depot zu sehen. Doch das ist oft nicht der Fall. Eine kleine Fondspreis-Analyse anhand des Beispiels eines fiktiven Schwellenländer‑Fonds.

Post-Irankrieg-Rally: Wann kommt sie bei Fonds an?

Sonntagnacht in den USA am 14. Juni: US-Präsident Donald Trump postet, dass es einen „Deal“ mit dem Iran gebe. Die Absichtserklärung stehe und er habe die Wiedereröffnung der Straße von Hormus autorisiert. Prompt sprangen die Aktien-Futures an. Wenn Sie nun am Montagmorgen des 15. Juni auf Ihr Fondsdepot geschaut haben, herrschte die totale Ruhe. Die Preise Ihrer Fonds reflektieren den letzten berechneten Nettoinventarwerte (NAV), und dieser wurde zum 12. Juni kalkuliert. Der NAV ist der rechnerische Wert aller Wertpapiere eines Fonds oder ETFs, abzüglich der Fondsschulden (wie abgegrenzten Gebühren), dividiert durch die Zahl der begebenen Anteile. Der Gesamtwert Ihres Portfolios spiegelt somit die Summe Ihrer Anteile multipliziert mit dem jeweiligen NAV wider.

Doch wann ist die Iran-Erholungs-Rally in Ihren Fonds angekommen? Bei einem Fonds oder ETF auf europäische Aktien ist es einfach: Kurz nach Handelsschluss am 15. Juni wurde der finale Preis berechnet. Bei ETFs gibt es dabei eine Sonderregel: Der tagsüber fortlaufend ermittelte Kurs, auch als indikativer Nettoinventarwert (iNAV) bezeichnet, wird nach Handelsschluss „aktualisiert“. Während des Börsenhandels schwankt der iNAV fortwährend, der offizielle NAV steht erst nach Handelsschluss fest. Klassische Investmentfonds berechnen nur einmal am Tag einen NAV, unabhängig davon, wie die Wertpapiere tagsüber im Wert schwanken.

Aber was ist mit einem ETF oder Fonds, der in mehrere Märkte in verschiedenen Zeitzonen investiert? Wie werden etwa die Preise von Fonds berechnet, die in illiquide Märkte investieren? Schauen wir uns das Beispiel des fiktiven Emerging-Markets-Fonds an, der aktiv verwaltet wird: den Superfonds von Mega Alpha Asset Management.

Das Ding mit der Cut-off-Zeit

Wir starten mit dem Wissen, dass das Portfolio des Superfonds einmal täglich berechnet wird. Das erfolgt regelmäßig zu einer festen Uhrzeit, zur so genannten Cut‑off-Zeit, die sich an der Zeitzone orientiert, in der Mega Alpha Asset Management seinen Sitz hat. Das wäre hier der frühe Nachmittag deutscher Zeit, sagen wir um 14 Uhr. Anleger, die früh genug kaufen, können sicher sein, den nach 14 Uhr veröffentlichten Preis zu bekommen. Wirklich sicher? Nicht unbedingt: Es kann sein, dass Anleger, die am 15. Juni um 13 Uhr eine Kauforder für den Superfonds aufgegeben haben, nicht den am 15. Juni ermittelten Fondspreis „einfangen“, sondern nur den vom Folgetag, dem 16. Juni.

Warum? Dass laut Prospekt von Mega Alpha Asset Management der Superfonds den Datumsschnitt um 14 Uhr vornimmt, ist das eine. Das andere ist, dass die Depotbanken, über die Anleger ihre Orders platzieren, ihre eigenen Cut-off-Zeiten für die Weitergabe von Fondsorders an die Fondsgesellschaft haben. Die können einige Stunden vor der Cut-off-Zeit des eigentlichen Fonds liegen. Die erste Lektion lautet also: Um einen möglichst aktuellen Fondspreis einzufangen, müssen Anleger die Fristen der Depotbanken im Blick behalten. Unser Beispielanleger fasst sich ein Herz und platziert am Montagvormittag, ermutigt von den guten Nachrichten vom Persischen Golf, eine Order für den Superfonds. Er stockt also seinen Bestand rechtzeitig vor dem Datumsschnitt auf.

Settlement-Zeit – wann landet der Fonds im Depot?

Ermutigt von den Kurssteigerungen am Montag blickt unser Beispielanleger am nächsten Tag, also am Dienstag, 16. Juni, erneut in sein Depot. Zunächst sieht er nichts Neues: Seine Fondsorder ist zwar akzeptiert worden, aber es sind keine neuen Fondsanteile in seinem Depot gelandet. Keine Überraschung für unseren Anleger, einen Fonds-Routinier: Er weiß, dass es bis zum „Settlement“ (der wertpapiertechnischen Abwicklung) meist zwei bis drei Werktage dauert – „T+2“ oder „T+3“ heißt das in der Fachsprache. Seine Kauforder kommt also erst am Donnerstag im Depot „an“. Die Online-Anzeige im Depot hinkt der tatsächlichen Abrechnung oft hinterher, sodass er die Anteile erst am Freitag sieht – eingebucht werden sie aber rückwirkend zum Kurs vom Montag.

Welche Kurse liegen dem Fondspreis zugrunde?

Doch was steckt eigentlich hinter dem Fondspreis vom Dienstag? Ein Mosaik aus unterschiedlichen Kursdaten der Aktien, die der Superfonds hält. Wir erinnern uns, dass es sich beim Superfonds um einen Emerging-Markets-Aktienfonds handelt. Er investiert auch in Aktien aus Pakistan. Die pakistanische Börse schließt, wenn bei uns noch Vormittag ist. Für sie fließen in den NAV vom Dienstag die Schlusskurse vom Montag ein – das klingt ziemlich aktuell, und das ist es ja auch – zumindest der Idee nach. Doch dazu unten mehr.

Anders ist es bei den Aktien aus Brasilien: Die Börse in São Paulo öffnet erst gegen 15 Uhr deutscher Zeit. Zum Bewertungszeitpunkt des Superfonds um die Mittagszeit des 15. Juni gibt es dort keine aktuellen Kurse zu vermelden. Der Superfonds-Fondspreis vom Dienstag spiegelt also noch die Kurse aus Brasilien vom vorherigen Freitag wider.

Kühne Pläne: Fonds‑Arbitrage möglich?

An diesem Punkt kommt unserem Anleger beim zweiten Kaffee der Gedanke: Könnte er sich nicht aus den Zeitverschiebungen einen Vorteil verschaffen? Wenn er morgens sehen kann, dass die Futures von Aktien steigen, ließe sich dann nicht durch eine zügig platzierte Order mutmaßlich steigende Kurse weltweit im Fondspreis des Folgetages einfangen? Fonds-Arbitrage möglich?

Für die Asien‑Aktien im Portfolio haut das schon mal nicht hin: Wenn indische oder pakistanische Aktien stark steigen, sind diese Bewegungen im NAV desselben Tages bereits enthalten – Sie können nicht mehr „vor“ der Preisfeststellung handeln. Anders sieht es auf dem Papier bei Brasilien‑Aktien aus. Wenn US‑Futures und Brasilien‑ETFs am Vormittag deutlich nach oben deuten, könnte man theoretisch noch zum „alten“ NAV mit brasilianischen Kursen vom Vortag zeichnen und den Anstieg am Abend im neuen NAV „mitnehmen“.

Hier bekommt unser Hobby‑Arbitrageur leider einen Dämpfer. Denn Mega Alpha Asset Management hat – wie andere Fondsanbieter auch – Vorkehrungen gegen das sogenannte „Market Timing“ (oft fälschlicherweise Frontrunning genannt, was das illegale Ausnutzen von Kundendaten beschreibt) getroffen. Wenn die Signale aus den USA und die Brasilien-Futures eindeutig sind, wird das Fonds-Management die Kurse von Brasilien-Aktien rechtzeitig in der NAV‑Berechnung anheben. Die vermeintliche Lücke schließt sich also, bevor die Order des Möchtegern-Arbitrageurs durch ist.

Bewertungslogik und Fair Value

Bei Schwellenländer-Fonds kommt bei der Ermittlung von Fondspreisen ein weiterer Faktor hinzu. Sie können illiquide sein. Die Kursverläufe sind hier mitunter – je nach Handelsvolumen – erratisch. Dünne Liquidität führt oft zu sprunghaften Kursbewegungen. Deshalb arbeiten Manager mit besonderen Bewertungsregeln. Hier kommt das Stichwort Fair‑Value‑Pricing ins Spiel: Mega Alpha Asset Management kann die Kurse „glätten“, wenn offizielle Marktpreise als nicht verlässlich sind. Dann kann das Team den Wert einer, sagen wir, brasilianischen Aktie anpassen, obwohl am dortigen Markt noch kein Handel stattgefunden hat.

In der Praxis bedeutet das: Der NAV des Superfonds setzt sich aus einem Sammelsurium an Wertpapierkursen zusammen. Neben „echten“ Schlusskursen gibt es auch modellierte „Fair Values“. Hinzu kommt, dass bei manchen Frontier-Aktien, also bei Titeln aus Schwellenländern aus der zweiten Reihe, an manchen Tagen mitunter gar kein Handel stattfindet. Fondsanbieter werden dann Auf‑ oder Abschläge vornehmen, die den fairen Marktwert einer Aktie widerspiegeln. Kurse können also geschätzt werden.

Fondspricing heute: kompliziert und fair

Was als scheinbar einfache Fondspreisermittlung beim Morgenkaffee gestartet ist, entpuppt sich beim Blick hinter die Kulissen als ziemlich komplex. Der NAV eines Fonds setzt sich nicht zwingend aus der Summe aller zuletzt ermittelten Kurse an den Zielbörsen zusammen, sondern aus einer Mixtur aus aktuellen, bereinigten und mitunter geschätzten Preisen.

Wer nun den Verdacht hegt, dass diese ausgeklügelten Bewertungsregeln willkürliche Fondspreisentwicklungen zur Folge haben, kann beruhigt sein: Die aufwendige Preisermittlung ist einerseits die logische Folge der Erschließung illiquider Märkte. Immer mehr Anleger suchen immer mehr mutmaßlich hoch rentierliche Nischenmärkte, und die sind nicht so ohne weiteres erschließbar: Kein Fonds oder ETF kann liquider sein als sein zugrunde liegender Markt, auch wenn er Anlegern regelmäßige Preisfeststellungen bietet.

Zum anderen haben Fondsanbieter fiduziarische Pflichten: Der Fonds-Governance liegt das Gebot des Anlegerschutzes zugrunde. Für den langfristig orientierten Anleger kann es sinnvoll sein, dass der Fonds-NAV nicht so aktuell wie möglich ausfällt. Zudem können von Profis geschätzte Preise fairer sein als solche, die willkürlich zustande kommen. Wer seine Fonds versteht, ärgert sich weniger über vermeintlich ‚späte‘ Reaktionen und kann Preisschwankungen gelassener einordnen.

 

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Autor

  • Ali Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor. Er beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar.

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