Miese Stimmung, stagnierendes Wachstum und ausufernde Bürokratie: Der Wirtschaftsstandort Deutschland steht in der Kritik. Spiegelt die düstere Stimmung die Lage der Unternehmen wider? Ein Gespräch mit Roger Peeters, Fondsmanager des DWS Concept Platow, ein Fonds für deutsche Nebenwerte.
Ob es um die aktuelle Standortkrise, die Rolle deutscher Zulieferer in der globalen KI-Infrastruktur oder die gezielte Einzeltitelauswahl geht: Roger Peeters, Geschäftsführer des Vermögensverwalters pfp Advisory, erläutert im Interview mit envestor, worauf es bei der Auswahl von deutschen Nebenwerten ankommt – und warum er trotz des düsteren Bildes für den Wirtschaftsstandort Deutschland Chancen für Value-Aktien sieht. Peeters steuert gemeinsam mit Christoph Frank seit dem Jahr 2006 den erfolgreichen Nebenwerte-Aktienfonds DWS Concept Platow.
envestor: Medien und Volkswirte zeichnen ein düsteres Bild zum Wirtschaftsstandort Deutschland: kein Wachstum, Strukturprobleme, Legacy-Industrien. Warum sollte ein Anleger jetzt deutsche Aktien kaufen?
Roger Peeters: Die Realität ist nicht schwarz-weiß, sondern hat viele Facetten. Zuerst darf aus dem Firmensitz keine Standortbeurteilung für das komplette Geschäft des Konzerns abgeleitet werden. Europäische Aktien sind auch in der Breite mit Bewertungsabschlägen etwa gegenüber US-Unternehmen gepreist. Da liegt in der schlechten Stimmung eine Chance. Last but not least geht es den Unternehmen unterschiedlich gut. Viele Mittelständler bezeichne ich als Hidden Champions. Sie arbeitenin Nischen, in denen sie gute Ergebnisse erzielen. Auch am Standort Deutschland. In Industrien wie etwa dem Versicherungsmarkt, insbesondere Rückversicherungen, sind globale Marktführer hier ansässig. Bei diesem Geschäft etwa sind hohe Energiekosten egal.
envestor: Alles gut, also?
Peeters: Nein, am Wirtschaftsstandort Deutschland gibt es Anlass zu viel Kritik, es müssen viele Baustellen dringend angegangen werden – allen voran die erdrückende Bürokratie, die hohen Energiekosten und die erhebliche Steuer- und Abgabenlast. Aber für die Beantwortung Ihrer Frage ist ein ganz anderer Aspekt wesentlich entscheidender: die Rückkopplung zum Aktienmarkt. Wenn Sie eine sogenannte deutsche Aktie kaufen, investieren Sie in der Regel in einen global agierenden Konzern, der lediglich seinen Sitz in Deutschland hat. Als Aktionär betrifft es Sie daher nur bedingt, wenn die deutsche Konjunktur schwächelt, weil das operative Geschäft zu einem Großteil im Ausland stattfindet.
envestor: Was bedeutet das konkret?
Peeters: Der Umsatzanteil, den die DAX-40-Konzerne auf dem deutschen Heimatmarkt erwirtschaften, ist im Schnitt überschaubar. Im Schnitt machen diese Konzerne mehr Umsatz in den USA als in Deutschland. Die Musik spielt für deutsche Konzerne also global. Gleichzeitig darf man den von mir erwähnten ‚Firmensitz-Faktor‘ nicht auf die Summe aller negativen Faktoren reduzieren. Der Standort Deutschland sticht in vielerlei Hinsicht: Wenn wir uns vor Augen führen, welche dramatischen Erfahrungen Anleger in der jüngeren Vergangenheit beispielsweise mit russischen Aktien machen mussten, wird der unschätzbare Wert einer soliden Rechtsgrundlage bewusst. Die Rechtssicherheit in Deutschland ist ein massiver Standortvorteil: Hier sind Eigentumsrechte und Rechtsansprüche im eigenen Land glasklar definiert und im Ernstfall auch real durchsetzbar.
envestor: Der Fonds DWS Concept Platow, den Sie beraten, investiert in deutsche Nebenwerte. Schlägt Ihr Herz aktuell eher für die mittelgroßen Werte im MDAX oder für die kleineren Titel im SDAX?
Peeters: Mein Partner Christoph Frank und ich agieren da agnostisch. Wir operieren strikt bottom-up, betrachten also die Chancen der einzelnen Werte. Ob das zu mehr großen, kleinen oder mittleren Werten führt, legen wir eben nicht vorab fest. Und „über das Herz“ sollte man eh nie agieren, nur strikt rational.Zum 2. Teil der Frage: In den vergangenen Jahren galt an der Börse global fast überall das Motto „Big is beautiful“, immer mehr Geld floss in größere Werte, diese Entwicklung befruchtete sich selbst. Das führt zu günstigeren kleinen Werten. Dieses Potenzial wird aber erfahrungsgemäß erst gehoben, wenn der Markt umdenkt.
envestor: Genau scheint ein nachhaltiges Problem zu sein. Das große Geld fließt schon seit mehr als einem Jahrzehnt vor allem in US-Tech-Giganten, bei denen KI das Megathema ist. Ist der Zug beim Thema KI für deutsche Unternehmen nicht längst abgefahren?
Peeters: Man muss zunächst eine nüchterne Bestandsaufnahme machen: Wenn man sich die Standorte der Marktführer ansieht, findet das Thema KI im Kern nicht in Europa statt. Die dominanten Akteure sitzen in den USA, einige wenige noch verteilt in Asien. Blickt man jedoch auf die gesamte KI-Infrastruktur, sieht es etwas anders aus. Es gibt durchaus europäische Unternehmen, die von diesem Trend profitieren: Zulieferer im Chipbereich, Ausrüster von Rechenzentren, Energieunternehmen und einiges mehr.
envestor: Wie stark sollten Investoren, die auf KI setzen wollen, den KI-Vorprodukte-Standort Deutschland im Portfolio gewichten?
Peeters: Das muss der Investor selber abwägen. Anleger müssen sich die Frage stellen, wie viel des KI-Hypes sie in ihrem Depot haben wollen, zumal ja auch viele vermeintlich globale Indizes bereits sehr stark in diesem Bereich exponiert sind.
envestor: Ein Blick auf die Risikokennzahlen Ihres Fonds überrascht. Sie erzielen eine spitze Rendite, aber das Risikorating von Morningstar beschreibt eine unterdurchschnittliche Volatilität im Vergleich zur Kategorie. Wie schafft man es, in dem tendenziell schwankungsanfälligen Small-Cap-Bereich die Abwärtsrisiken so effektiv abzufedern?
Peeters: Unser Ansatz basiert nicht darauf, Risiken Top-down etwa über Derivate auszusteuern und dabei gegebenenfalls neue Risiken einzugehen. Wir konzentrieren uns auf die fundamentale Aktienauswahl. Wenn man hier erfolgreich ist, spiegelt sich das in der Rendite und der Volatilität wider. Bei uns steht und fällt alles mit der Auswahl der einzelnen Werte.
envestor: Zum Schluss die Frage: Wenn wir uns in einem Jahr wieder unterhalten, warum wird dann der MDAX besser gelaufen sein als der Nasdaq 100?
Peeters: Netter Versuch, mir eine kurzfristige Prognose zu entlocken, aber damit kann ich nicht dienen. Wenn Anleger weiter auf Momentum gehen, sollte der Nasdaq 100 vorne liegen, in einem Umfeld, wo Bewertungen eine wichtigere Rolle spielen, hat der MDAX wesentlich bessere Chancen.
envestor: Vielen Dank für das Interview
Das Interview führte Marcel Claussen
Autor
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Alle Beiträge ansehenMarcel Claussen ist Werkstudent bei envestor und studiert International Business (B.Sc.) an der EBS Universität in Oestrich-Winkel. Er beschäftigt sich insbesondere mit Finanz- und Kapitalmarktthemen und der immer wichtigeren KI Thematik.