Selten war die Divergenz zwischen der Performance von Risiko-Assets und der Stimmung der Entscheider in Politik und Wirtschaft so groß. Wir haben zum Marktstart 2026 den Puls der Märkte gefühlt und die Stimmung bei Portfolio-Profis auf verschiedenen Foren ausgelotet.
Der Januar ist der Monat, in dem sich an den Kapitalmärkten die Weichen für das Jahr stellen. In Davos werden medienwirksam die großen wirtschaftlichen und politischen Linien gezogen. Deutlich detailreicher diskutieren Fondsmanager und Analysten in mehr oder weniger exklusiven fachlichen Kreisen. 2025 war die These von der US-Suprematie klar als Thema gesetzt, dieses Jahr gingen die Meinungen stärker auseinander – egal, ob auf diskreten Treffen in Lech und Andermatt oder auf der Großversammlung der Branche, dem Mannheimer Fondskongress. Wir waren für Sie sowohl in den Alpen als auch im Rheintal dabei und fassen die wesentlichen Thesen der Profis zusammen.
Investitionsboom und K-förmige Wirtschaft
Über alle Gesprächsrunden hinweg war der Tenor ähnlich: Der aktuelle Investitionsboom ist real und dürfte noch einige Jahre anhalten. Gleichzeitig wächst aber die Sorge, dass dieser Zyklus nicht geräuschlos endet. Historisch folgten auf Phasen extrem hoher Investitionsausgaben häufig Abschreibungen und Enttäuschungen. Doch es ging nicht nur um Risiko-Assets: Die Aktienbewertungen sind seit Jahren hoch und sind auch 2025 gestiegen. Auch vermeintliche sichere Häfen wie Gold und Staatsanleihen gelten heute als nicht unbedingt sicher: Der Goldmarkt zeigt nach seinem schier unglaublichen Preismomentum 2025 erste Risse, und Staatsanleihen der Industrieländer gelten seit dem Crash 2022, USA-Downgrades und wackeligen französischen Staatsfinanzen als unsichere Kantonisten.
Problematisch ist das Zusammenwirken mehrerer Faktoren auf der Makro-Ebene: die K-förmige Wirtschaft in den USA, hohe Kapitalrenditen und steigende Produktivität, während Beschäftigung und Einkommenssicherheit unter Druck geraten. Diese Divergenz erhöht die Verwundbarkeit der Konjunktur – insbesondere dann, wenn Investitionen auf eine schwächere Nachfrage treffen.
Am schlimmsten aber würde sich ein abruptes Ende des KI-Investitions-Booms angesichts des angeschlagenen Arbeitsmarktes auswirken. Bedenkt man zudem, dass das Vermögen von US-Haushalten zur Hälfte aus Aktien besteht, könnte auch eine mittelschwere Aktienkorrektur die USA in die Rezession stürzen.
Arbeitsmarkt: KI trifft die Breite
Künstliche Intelligenz wurde nicht visionär, sondern nüchtern diskutiert – etwa mit Blick auf die Folgen für den Arbeitsmarkt, was wir bereits im Rahmen unserer Einschätzung zur gesetzlichen Rente diskutiert haben. Eine Studie von Morgan Stanley zeigt, dass die Zahl neu zu besetzender Stellen bereits deutlich sinkt: um acht Prozent in Großbritannien, um sieben Prozent in Japan und um vier Prozent in Deutschland. Am meisten betroffen: IT-Programmierer, Managementberater mit zwischen minus 50 und 75 Prozent sowie Verkaufsassistenten und Personalmanager mit zwischen minus 25 und 50 Prozent.
Betroffen sind aber zukünftig aber nicht nur diese gut bezahlten Jobs , sondern die größten Berufsgruppen. Bei Männern zählen Fahrer zu den zentralen Tätigkeiten – vom Lkw- über Liefer- bis zum Taxifahrer. Autonomes Fahren ist kein theoretisches Szenario mehr, sondern nur eine Frage der Zeit. Hinzu kommen Arbeitsplätze in der Bedienung von Produktionsmaschinen sowie in Lager- und Logistikprozessen, die zunehmend automatisiert werden.
Bei Frauen ist die Lage mindestens ebenso herausfordernd. Sekretariats- und Assistenzfunktionen sowie Callcenter-Tätigkeiten gehören seit Jahrzehnten zu den größten weiblichen Beschäftigungsfeldern. Genau diese Tätigkeiten lassen sich mit Sprachmodellen, automatisierter Dokumentenverarbeitung und KI-gestützter Kundenkommunikation besonders schnell ersetzen. In den kommenden Jahren dürfte sich das Spektrum der betroffenen Berufe weiter verbreitern.
Für Bürger bedeutet das: volatilere Erwerbsbiografien, unsicherere Konsumtrends, bei zugleich steigender Bedeutung der privaten Vorsorge.
Systemrisiken, Schulden und Reservewährungen
Auf dem Fondskongress in Mannheim brachte Nassim Nicholas Taleb die systemische Perspektive auf den Punkt. Die erratische Wirtschaftspolitik – insbesondere in den USA – nehme Unternehmen Planungssicherheit. Zugleich befinde sich das globale Finanzsystem im Umbruch. Reservewährungen wie US-Dollar und Euro würden künftig weniger selbstverständlich genutzt, auch weil das Risiko des Einfrierens von Geldvermögen durch Sanktionsregime real geworden sei. Seine Schlussfolgerung: Sachwerte, insbesondere Gold und Silber, sind im Aufwind.
Diese Sichtweise passt zur fiskalischen Realität. Die US-Verschuldung ist stark gestiegen, und ein erheblicher Teil liegt am kurzen Ende. In den kommenden Jahren droht eine Emissionsflut. Am Ende könnte den USA nur die Möglichkeit bleiben, über die Notenbank Staatsanleihen vom Markt zu nehmen – mit absehbaren Folgen für den Dollar.
Selbst manchen Pragmatikern des Portfoliomanagements sind die Märkte nicht geheuer: “Ich gehe davon aus, dass dieses Jahr eher ruppiger wird. Die Spreads sind für meinen Geschmack viel zu eng, die Euphorie viel zu groß. Jeder erzählt mir, was für tolle Investments sie machen – das macht mich eher nervös”, sagte uns etwa Luca Pesarini, Fondsmanager des Rentenfonds Ethna-Defensiv. Pesarini sieht im Gegensatz zu Taleb Gold nicht als Hedge. “Der Goldpreis heute ist ein purer Momentum-Trade, der nichts mit dem inneren Wert des Goldes zu tun hat und auch nicht mit Angst“. Und weiter: “Das Problem bei Momentum ist, dass man nie weiß, wann die Korrektur kommt.”
Energie und Rohstoffe: Gefragtes und Vernachlässigtes
Bei Rohstoffen gehen die Meinungen außeinander. Gold und Silber sind weit gelaufen. Bert Flossbach sieht beim Silberpreis Warnsignale. Gleichzeitig verwies er auf einen historischen Vergleich: 1980 waren die globalen Goldreserven in Summe so viel wert wie die damals ausstehenden Staatsanleihen – heute nicht einmal mehr die Hälfte im Verhältnis zur aktuellen Verschuldung.
Interessant sind für manche Profis Rohstoffe, die bislang nicht von der Euphorie erfasst wurden. Ein ehemaliger Top-Trader für Rohstoffe brachte es prägnant auf den Punkt: Historisch ist keine Energieform in absoluten Zahlen geschrumpft. Auch im KI-Zeitalter bleibt Energie ein Engpassfaktor. Vor diesem Hintergrund könnte Öl, das seit geraumer Zeit unter Druck steht, überraschen, vor allem weil der Konsens lautet: Der Verbrenner verschwindet, Öl braucht keiner mehr.
Ähnliches gilt für Uran, das vom steigenden Strombedarf der Rechenzentren profitieren dürfte. Kleine fabrikfertige Atomkraftwerke (Small Nuclear Reactors) gelten aktuell als ein potentieller Gewinner des Energiehungers der Datenzentren, der sich bis 2030 auf 4 Prozent der Weltbedarfs verdoppeln soll.
KI-Boom: Rekordinvestionen – rechnen sie sich?
Der KI-Boom selbst wurde auf den Fachveranstaltungen nicht infrage gestellt. Sehr wohl aber die Renditeaussichten der Träger der Innovation, der Hyperscaler. Stehen die geplanten Investitionen im Verhältnis zu den künftig erzielbaren Umsätzen? Laut Berechnungen von Flossbach sollen laut Analysten 3,1 Billionen Dollar allein von den großen 4 Hyperscalern (Amazon, Alphabet, Meta und Microsoft) bis 2029 investiert werden, in den aktuellen schon nicht unsportlichen KGVs von 30 sind die resultierenden Abschreibungen nicht enthalten, zusätzliche Umsätze in Billionenhöhe (Sie lesen die Zahl richtig) müssen her, um diese Investitionen rentierlich zu machen.
Auch bei Unternehmen wie OpenAI ist bislang nicht absehbar, ob die Rechnung aufgeht; dort können die erforderlichen Investitionen nicht wie bei den Hyperscalern aus dem laufenden Cashflow bezahlt werden. Bleibt die Monetarisierung hinter den Erwartungen, drohen Abschreibungen bei Venture-Capital-Investoren, Private-Equity-Häusern und Gläubigern. In den Gesprächen wurde offen diskutiert, dass dies auch das Umfeld großer Technologieanbieter belasten könnte. Hoch verschuldete Unternehmen wären in einem solchen Szenario besonders anfällig.
Zinsen, Spreads und Marktbreite
Die Zinsdebatte wurde kontrovers geführt. Luca Pesarini stellte in Mannheim deflationäre Effizienzgewinne durch KI steigender Staatsverschuldung gegenüber. Während KI Kosten und Löhne und damit die Inflation dämpft, sorgen hohe Schulden und politische Eingriffe für Unsicherheit an den Zinsmärkten.
Entscheidend: Sollten aufgrund der erratischen Politik Trumps die Käufer (aus dem Ausland) das Vertrauen verlieren und dauerhaft ausbleiben, werden die Zentralbanken in großem Stil Anleihen kaufen müssen. Der US Dollar bleibt in diesem Szenario weiter massiv unter Druck.
Im Kreditmarkt sind die Risikoaufschläge historisch niedrig. Hochzinsanleihen notieren unter dreihundert Basispunkten, Unternehmensanleihen unter hundert Basispunkten. DWS-Fondsmanager Klaus Kaldemorgen formulierte es treffend: “Der Zins regiert die Welt. Gefährlich wird es, wenn sich Spreads ausweiten.”
Thematisiert wurden auch die Perspektiven von Nebenwerten. Portfolioberater Frank Thelen verwies darauf, dass Nebenwerte mit deutlich über zwanzig Prozent Abschlag gegenüber Large Caps handeln. Fondsmanager Jens Ehrhardt ergänzte, dass die erwarteten Gewinnsteigerungen in diesem Jahr für den Russell 2000 bei neunundvierzig Prozent liegen, während für den S&P 500 bei nur vierzehn Prozent erwartet werden.
Fazit: Warum Fachkompetenz 2026 beim Anlegen den Unterschied macht
Der Januar hat gezeigt: 2026 wird kein Jahr für einfache Standardlösungen. Hohe Bewertungen, enge Risikoaufschläge und politische Eingriffe erhöhen die Anforderungen an die Kapitalallokation. Gleichzeitig entstehen gerade deshalb Chancen – durch Bewertungsspreizungen, strukturelle Trends und alternative Ertragsquellen für Anleger, die selektiv und diszipliniert vorgehen.
Gold und Silber sind weit gelaufen, die Luft wird dünner, wie die Preiskorrektur von über zehn Prozent beim Goldpreis in nur zwei Tagen, am 29. und 30. Januar, zeigt. Interessant werden könnten Rohstoffe wie Öl oder Uran, die strukturell gebraucht werden, aber nicht euphorisch bewertet werden. Doch das setzt voraus, dass die Weltwirtschaft weiter wächst und das Angebot nicht massiv ausgeweitet wird. Es gilt, die verschiedenen Ideen nicht theoretisch zu diskutieren, sondern über systematisch strukturierte Portfolios umzusetzen. Ali Masarwah, mein Kollege und Geschäftsführer von envestor sowie ehemaliger Morningstar-Analyst und ich halten viele Bälle in der Luft und setzen Strategien um, die auf langfristige Angebots- und Nachfragestrukturen setzen.
Auch im Anleihebereich gehen wir über Standardlösungen hinaus. Neben klassischen Credits nutzen wir Bondfonds im Bereich der Katastrophenanleihen, strukturierte Anleihen oder auch Konsumentenkredite. Bei den Aktien ergen sich Gelegenheiten in Emerging Markets und Nebenwerten. Viele dieser Assetklassen folgen eigenen Renditelogiken – die natürlich ihre eigenen idiosynkratischen Risiken haben. Schwellenländer-Aktien wiederum profitieren nach einem verlorenen Jahrzehnt von deutlich niedrigeren Bewertungen und einer wieder breiteren Gewinnerbasis.
Die Gespräche von Davos über Lech und Andermatt bis nach Mannheim liefern kein fertiges Drehbuch. Aber sie geben Impulse. Für Anleger entsteht der Vorsprung durch die Fähigkeit, diese Erkenntnisse in konkrete, investierbare Lösungen zu übersetzen.
Autor
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Steffen Gruschka ist CFO und Co-Geschäftsführer von envestor und blickt auf rund 30 Jahre Erfahrung im aktiven Management von Schwellenländer-Aktienfonds zurück. In seiner Laufbahn wurde er mehrfach als Fondsmanager des Jahres ausgezeichnet. Zuletzt erreichte er 2025 in der Kategorie Aktien Emerging Markets die Spitzenposition und gehörte damit laut Handelsblatt zu den besten Fondsmanagern Deutschlands.
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