Wenn MSCI World und Co. eine schwache Phase haben, dann gilt das für viele Anleger als Kaufsignal. In den vergangenen Jahren war das eine richtige Entscheidung, denn die Kurse stiegen und stiegen – und stiegen. Das prägt die Erwartungshaltung für die Zukunft. Wir wollen heute in die Historie zurückschauen und Anlegern zeigen, dass Verlustphasen länger dauern können, als es den meisten bewusst ist.

Die immer kürzeren Bust-und-Boom-Phasen

Der Brexit war für den MSCI World und andere Märkte nach weniger als einem Monat Geschichte. Der Einbruch nach der überraschenden Entscheidung der Briten Ende Juni 2016, die EU zu verlassen, wurde zügig wieder aufgeholt. Die Korrektur nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten im November desselben Jahres war sogar nach nur wenigen Tagen ausgebügelt. Und den Corona-Crash, immerhin der schnellste Kurseinbruch der modernen Geschichte, hatte der MSCI World nach etwas über sechs Monaten egalisiert.

Die Korrekturen der vergangenen Jahre waren für Aktienanleger die sprichwörtlichen Peanuts. Sie waren nicht nur bedeutungslos, sondern in der Retrospektive eine Kaufchance. Mit jeder Korrektur wurden skeptische Anleger immer weiter ins Abseits gedrängt.

Nun ist es nicht unsere Aufgabe, Wasser in den Wein zu gießen, und es liegt uns fern, Crash-Gefahren herbei zu beschwören. Aber weil immer mehr Anleger an den Markt kommen, die nicht die Dot-Com-Blase platzen hörten und die große Finanzkrise auch nicht aus der Perspektive von Investoren erlebten, wollen wir ein wenig in der Historie der Korrekturen in diesem Jahrtausend stöbern. Wie lange haben Verlustphasen an den Märkten Aktienportfolios geprägt? (Eine noch weitreichendere Analyse zu den Korrekturen im 20. Jahrhundert hat Paul Kaplan von Morningstar für den US-Aktienmarkt vor wenigen Monaten vorgenommen)

2000 bis 2006: Der Dot-Com-Crash und seine Spätfolgen

Ihr Blog-Autor kann sich noch gut erinnern, dass eine prominente deutsche Wirtschaftszeitung Ende 2001 das Ende der Aktien-Korrektur verkündete. Die Begründung: Der DAX habe noch niemals drei Jahre hintereinander Verluste verbucht. Es kam bekanntermaßen anders und der DAX brach 2002 um über 40 Prozent ein.

Anleger, die damals am Markt aktiv waren, hat diese Erfahrung geprägt. Viele waren nicht mehr investiert, als der DAX 2003 um gut 37 Prozent zulegte. Doch auch diejenigen, die bei der Stange geblieben sind, mussten lange warten, bis ihr Aktienportfolio wieder ins Plus drehte und die vorherigen Verluste wieder gut machte.

Der MSCI World* erreichte am 26.3.2000 seinen Höchststand, bevor die Kurse einbrachen. Den Tiefpunkt erreichte der MSCI World im Oktober 2002. Der Verlust bis dahin belief sich auf über 47 Prozent. Zwar kletterten dann die Kurse zügig wieder. Allerdings dauerte es bis Ende Februar 2006, bis die Kurse wieder den Stand vom März 2000 erreichten.

Ähnlich sieht das Bild bei US-Index S&P 500 aus. Er erreichte sein Hoch im September 2000, ging dann um knapp 46 Prozent nach unten und erholte sich erst wieder Ende Oktober 2006.

MSCI World 2000 bis 2006: Tech-Krise und Häuser-Bubble

MSCI World 2000 thru 2006

Quelle: Bloomberg

Deutlich zäher war die Erholung beim DAX, der sich erst im Juni 2007 vom Dot-Com-Crash erholte. Der DAX war um über 71 Prozent zwischen März 2000 und März 2003 eingebrochen. Hier dauerte die Erholungsphase länger als sieben Jahre. Bei europäischen Aktien, in Gestalt des MSCI Europe, waren die alten Pegelstände im Oktober 2006 wieder erreicht.

2007 bis 2013: Die große Finanzkrise und ihre Folgen

Für Anleger in internationalen Aktien, die bei der Stange geblieben waren und den Dot-Com-Crash aussaßen, war die Zeit der Erleichterung kurz. Hatte der MSCI World endlich seine Verluste im Februar 2006 aufgeholt, ging es ab dem 14. Oktober 2007 schon wieder bergab. Die große Finanzkrise schlug erbarmungslos zu. Der Weltindex verlor bis März 2009 gut 57 Prozent.

Es sollte es bis Mai 2013 dauern, bis der alte Index-Stand vom Oktober wieder erreicht wurde. Auch der DAX erreichte Anfang Mai 2013 wieder den alten Höchststand vom Juli 2007.

MSCI World 2007 bis 2013: Große Krise, lange Erholung

MSCI World 2007 thru 2013

Quelle: Bloomberg

Corona-Krise, welche Corona-Krise?

Im Februar 2020 ereilte die Kapitalmärkte das nächste Unheil: die Corona-Krise. In nur wenigen Wochen stürzte der MSCI World Index um fast 32 Prozent ab. In der Woche ab dem 21. März ging es allerdings wieder aufwärts, und nach einer spektakulären Aufholjagd war das alte Hoch bereits Ende August 2020 wieder erreicht. (Beim NASDAQ 100, der aufgrund der Stabilität der großen Tech-Werte noch schneller wieder Boden gut machen konnte, waren die alten Höchststände bereits wieder Anfang Juni 2020 erreicht, also nach gerade einmal dreieinhalb Monaten. Wobei die Verluste mit rund 27 Prozent geringer waren)

MSCI World 2020: Einmal Krise und zurück

MSCI World 2020

Quelle: Bloomberg

Nicht ganz so schnell, aber doch für ihre Verhältnisse recht zügig, war die Erholung bei europäischen Aktien. Der DAX erreichte sein Tal der Tränen in der Woche ab dem 21. März. Bis dahin hatte er in einem Monat gut 35 Prozent verloren. Das alte Hoch vom 16. Februar 2020 erreichte der deutsche Leitindex in der Woche ab dem 9. Januar 2021. Bei europäischen Aktien dauerte es bis Ende März 2021.

Fazit: Bei Aktien ist langer Atem nötig

Die Zeit nach der Finanzkrise hat Anleger verwöhnt. Der MSCI World konnte zwischen März 2009 und dem Beginn der Corona-Krise um jährlich 13,3 Prozent zulegen. Der DAX stieg in den knapp elf Jahren um jährlich 11,8 Prozent, und der MSCI Europe legte um jährlich 11,1 Prozent zu. Der NASDAQ 100 Index, den auch viele Anleger verfolgen (bzw. über ETFs in ihn investieren) schoss zwischen 2009 und Anfang 2020 mit einem jährlichen Plus von über 22 Prozent die Lichter aus.

Wer also in der Zeit ab 2009 anfing zu investieren, hat durchgehend gute Erfahrungen mit Aktien gemacht. Und auch die Corona-Krise tat dem positiven Mindset der meisten Anleger wegen der rasanten Erholung keinen Abbruch.

Doch wer auf die gesamte Börsenentwicklung dieses Jahrtausends zurückblickt, der hat eine ganz andere Erfahrung gemacht. Zwischen 2000 und heute schlugen zwei Jahrhundert-Crashs voll ins Kontor. Für längerfristige Investoren gilt die Zeit seit der Jahrtausendwende sogar als eine mehr oder weniger verlorene Dekade.

Die letzten 20 Jahre waren die verlorene Aktiendekade

Der DAX legte zwischen Januar 2000 und Mitte September 2021 jährlich nur um 3,8 Prozent zu. Wer in einen ETF investierte, wird wegen der Kosten etwas weniger verdient haben, sodass real recht wenig bei Anlegern an Aktienrendite übrigblieb. (Aktiv verwaltete Fonds, die Nebenwerte beimischen, konnten mit durchschnittlich 4,2 Prozent etwas besser abschneiden.)

Entspannter, aber ohne Euphorie fuhren Anleger mit globalen Aktien. Der MSCI World stieg um jährlich 5,6 Prozent zwischen Januar 2000 und September 2021. Global anlegende Fonds schnitten allerdings schlechter ab: Sie legten nur um 4,4 Prozent jährlich zu. Abzüglich der Inflation bleibt auch hier unter dem Strich real nicht so viel übrig, wie man es vermuten würde.

Unsere Rechenspiele haben nicht das Ziel, Anleger zu verunsichern oder abzuschrecken, und sie sind auf keinen Fall als Warnung vor einem „Jahrhundert-Crash“, geschweige denn als Plädoyer für das „gute, alte“ Sparbuch zu verstehen. Sie sollen allerdings dafür sensibilisieren, dass Aktien stark schwanken können und dass die Aktienkurse nach Kapitalmarktkrisen häufig sehr viel länger als drei Monate brauchen, um wieder die alten Niveaus zu erreichen.

Um langfristig erfolgreich zu investieren, ist es wichtig, dass sich Anleger gedanklich für die unvermeidlichen Krisen wappnen. Performance in Schönwetterperioden zu erzielen, ist keine Kunst. Langfristig durchzuhalten, ist es dagegen schon. Und wie Kenner der Materie wissen, waren künstlerische Krisen sogar eine wichtige Voraussetzung für die Erschaffung beeindruckender Werke.

* Die Berechnungen in diesem Beitrag basieren auf der Performance des MSCI World Net Return in US-Dollar. Das bedeutet, dass (besteuerte) Dividenden wieder in die Performance eingeflossen sind. Gleiches gilt für den MSCI Europe (in Euro), den S&P 500 und den NASDAQ 100 (in Dollar). Üblich sind für diese Benchmarks eine Performance-Berechnung ohne den Dividenden-Effekt. Wir sind deshalb so vorgegangen, um eine bessere Vergleichbarkeit mit dem DAX herzustellen, der ein Performance-Index ist. 

So geht Fondshandel bei Envestor

Fonds handeln bei Envestor

 

Inhalte teilen