Emerging Markets-Fonds – aber bitte ohne China

Es kommen immer mehr Emerging Markets-Fonds auf den Markt, die chinesische Aktien ausschließen. Damit folgen Fondsanbieter ganz dem Zeitgeist. Wir zeigen, was diese Portfolios auszeichnet – und stellen die Frage, ob der Ausschluss Chinas wirklich eine gute Idee ist.

Man muss es Xi Jinping lassen: Er hat es in nur wenigen Jahren geschafft, China vom Quasi-Paulus zum Voll-Saulus zu drehen. Für Entsetzen haben die Berichte gesorgt, dass China die muslimischen Uiguren massiv unterdrückt und ein Gulag-System in der nordchinesischen Region etabliert hat, das offenbar stalinistische Qualitäten hat. Darüber hinaus hat die bellizistische Politik Chinas gegenüber Taiwan und im südchinesischen Meer und die Unterstützung Russlands im Ukraine die westliche Öffentlichkeit aufgeschreckt. Selbst Finanzinvestoren, die gegenüber den Entwicklungen der großen Politik so lange indifferent sind, bis das Kind in den Brunnen gefallen sind, meiden das Reich der Mitte inzwischen. Das liegt weniger an der unappetitlichen Politik der KPC unter Xi Jinping, sondern an einer als willkürlich empfundenen Regulierungspolitik, die ganze Branchen gegen die Wand fährt – siehe China EdTech und chinesische Digitalunternehmen. Seit einigen Jahren flüchten Anleger in Scharen aus China-Aktien und China-Fonds. 

Die Fondsbranche wäre nicht die Fondsbranche, wenn sie nicht auf das China-Dilemma eine Antwort finden würde. Sie bringt immer häufiger Emerging Markets-Aktienfonds auf den Markt, die in ihren Anlagerichtlinien ein Investment in China ausschließen, Das beschränkt sich nicht nur auf aktiv verwaltete Fonds, sondern auch auf ETFs. Gab es vor 2022 allenfalls eine Hand voll Emerging Markets Fonds ex China, so sind allein in den vergangenen zwei Jahren nicht weniger als 17 dieser Fonds und ETFs in Europa auf den Markt gebracht worden. Emerging Markets-Fonds oder Emerging Markets-Fonds ohne China? Schauen wir in Kürze auf die wichtigsten Unterschiede zwischen diesen beiden Investment-Universen.

Die Länder-Allokation

Bedenkt man, dass China in einem klassischen Emerging Markets Portfolio, das nach Börsenwert gewichtet ist,  rund 30 Prozent ausmacht, dann ist klar, dass ein Ausschluss Chinas dieses Portfolio grundlegend verändert. Die untere Tabelle zeigt die Länderaufteilung beim MSCI Emerging Markets und dem MSCI Emerging Markets ex China. Indien, Taiwan und Südkorea bilden das neue Triumvirat, dessen Gewicht gegenüber dem MSCI Emerging Markets von 43 Prozent auf 60 Prozent steigt. Kleinere Länder wie Griechenland, Polen, Thailand oder die Türkei gewinnen an Gewicht, bleiben aber mit unter drei Prozent insgesamt die Zwerge, die sie auch im MSCI Emerging Markets waren.

Emerging Markets-Fonds

Angaben in Prozent, Daten per 30.11.2023, Quelle: Morningstar

Branchen-Allokation

Fällt China aus einem klassischen Marktportfolio, wird die Branchengewichtung deutlich weniger Tech-lastig. Technologie-Aktien machen im MSCI Emerging Markets ex China nur noch 21 Prozent statt 27 Prozent im MSCI Emerging Markets aus. Auch die Finanz- und Rohstoffbranchen verlieren an Gewicht. Derweil steigt infolge der wachsenden Bedeutung Indiens der Sektor der zyklischen Konsumgüter. Auch Telekoms und Gesundheit gewinnen an Gewicht.

Emerging Markets-Fonds

Angaben in Prozent, Daten per 30.11.2023, Quelle: Morningstar

Diversifikation, Risiko und Performance

Die Zahl der Aktien im Marktportfolio ohne China sinkt deutlich – von 1.440 auf 670 Aktien. Die Konzentration an der Spitze nimmt dabei nur leicht zu: von 23 Prozent des Indexgewichts der zehn größten Aktien mit China auf 24 Prozent des Indexgewichts ohne China-Aktien. Es ist nicht verwunderlich, dass die Rendite im Marktportfolio ohne China in den vergangenen 1, 3 und 5 Jahren deutlich besser performt hat als das China-inklusive-Portfolio.

Während Märkte wie Indien und Brasilien stark zugelegt haben, ist China seit zwei Jahren der große Bremser. Hinsichtlich der Bewertungen gibt es keine großen Unterschiede. Emerging Markets sind schon seit Jahren günstig, ein wenig günstiger mit, aber immer noch günstig ohne China – die Kurs-Gewinn-Verhältnisse liegen jeweils zwischen 11 und 12, (fwd PEs).  Auch das Kurs-Buchwert-Verhältnis, ist bei beiden Marktportfolios mit rund 1,6 ähnlich günstig. Nur bei der Dividendenrendite liegt das Ex-China-Portfolio mit 3,4 Prozent merklich vor dem Portfolio inklusive China (3,2 Prozent)

Gute Zahlen, dünne intellektuelle Grundlage

Der obere kursorische Vergleich fällt zugunsten des Schwellenländer-Marktportfolios ohne China aus. Die Bewertungen sind ähnlich günstig, die Diversifikation auf Branchen- und Länderebene besser, und ein Marktportfolio ist mit 670 Aktien immer noch diversifiziert, auch wenn die Streuung bei 1400 Aktien natürlich breiter ist. Auch die Performance der vergangenen fünf Jahre war ohne China-Aktien deutlich besser.

Dennoch hinterlässt dieser Vergleich einen faden Beigeschmack. Viele Anleger werden der Vergangenheits-Performance hinterher optimieren und bei den Gefälligkeits-Produkten der Fondsbranche zuschlagen. Angesichts der schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen des chinesischen Regimes und seiner aggressiven Außenpolitik ist ein Desinvestment vertretbar. Allerdings wirft das die Frage auf, ob die indische Regierung unter Narendra Modi, der eine aggressive nationalistische Hindu-First-Politik betreibt und die ethnischen Minderheiten diskriminiert, so viel besser dasteht? Zuletzt haben Kanada und die USA schwerwiegende Vorwürfe gegen die indische Regierung erhoben, die offenbar Todesschwadrone gegen Oppositionelle im Ausland entsandt hat.

Es lässt sich ebenfalls über die demokratischen Qualitäten Südafrikas und Mexikos streiten, und ich bezweifele, ob die Anleger, die heute im Brasilien Lula da Silvas investieren, gestern unter dem Rechtsextremisten Jair Bolsonaro einen Bogen um brasilianische Aktien gemacht haben? Es gibt gute Gründe, auch politische Faktoren in die Fonds- und Aktienanalyse einzubeziehen. Eine Mit-oder-ohne-China-Dichotomie ist allerdings  unterkomplex und wird der Fragestellung, wie man oder frau in Emerging Markets investieren will, intellektuell nicht gerecht. Aus diesem Grund werden wir in den nächsten Wochen einige Überlegungen und Prämissen zu Emerging Markets Investments anstellen.

Über den Autor

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Ali Masarwah

Ali Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor. Er beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar.
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