Fünf Finanztipps für Anleger zum Jahresanfang

Viele Investoren haben in den ersten Wochen des neuen Jahres Zeit, sich um ihre Finanzen zu kümmern – ein guter Anlass, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Fünf Finanztipps für Anleger zum Jahresanfang, die 2024 relevant sein werden. *

Ruhig bleiben, auch wenn die Rezession kommt

Aktuell führen die Märkte einen Hexentanz auf. Ob Aktien, Anleihen, Bitcoin oder auch Gold: Seit Anfang November steigen Risiko-Assets durch die Bank. Anleger gehen davon aus, dass die Inflation besiegt ist. Das wäre gut für Aktien, weil hohe Zinsen die Investitionen von Unternehmen hemmen. Sinkende Zinsen reduzieren wiederum die Opportunitätskosten für Risiko-Assets wie Gold und Bitcoin, die keine Cashflows erwirtschaften und Anlegern keine Zinsen liefern. Kurzfristig liegt eine bestechende Logik in der heutigen Turbo-Rally. Anleger wetten allerdings inzwischen darauf, dass die US-Notenbank die Zinsen gleich sechsmal (!) 2024 senken wird. Das würde sie aber nur im Falle einer harten Landung der US-Wirtschaft tun. Das wäre schlecht für Aktien.

Vorsichtige Anleger haben also gute Argumente dafür, nicht alles auf die Risikokarte zu setzen. Wer aber jetzt zu viele Karten vom Tisch nimmt, droht überzureagieren. Wer nach Argumenten für einen Crash sucht, findet sie garantiert. Wer müllerdirksche Doomsday-Szenarien an die Wand malt, hat zumeist die heftigen Finanzkrisen der Vergangenheit vor Augen. Nicht jede Rezession mutiert aber zum Crash, ja, manche Rezessionen entfalten nur kurzfristig negative Wirkungen an der Börse. „Solange die Musik spielt, muss man aufstehen und Tanzen“, sagte Charles Prince, der vielgescholtene Citigroup-Chef kurz vor Beginn der Finanzkrise 2008. Doch er hatte in einem Punkt Recht: Es ist keine gute Idee, wegen diffuser Ängste bei Aktien nicht dabei zu sein. Wer die langfristigen Aktienrenditen vereinnahmen will, muss nun einmal langfristig bei der Stange bleiben. Diversifikation über verschiedene Asset-Klassen kann vor Korrekturen schützen, und wer langfristig investiert, sitzt zwischenzeitliche Verluste locker aus.

Zurückhaltung ist bei unerprobten Trend-Produkten angesagt

Auch wenn ich wie jemand klinge, der behauptet, nach den Beatles habe es keine gute Musik mehr gegeben, sollten sich Anleger bei neuen Finanzprodukten zurückhalten. Es ist oft riskant, Fonds, ETFs oder Zertifikate zu kaufen, die heiße Trends aufgreifen. Denn ein Trend ist ein Trend, wenn ihn auch wirklich alle als Trend erkannt haben. Dann sind die Bewertungen hoch – wie auch die Korrekturgefahr. Wirklich nützliche Innovationen kommen meist unauffällig daher. Der ehemalige Fed-Chef Paul Volcker hat einmal gesagt, dass die letzte große Innovation der Banken die Erfindung des Geldautomaten war. Offene Laufzeitfonds, die automatisch mit zunehmendem Alter von Investoren von Aktien in Anleihen umschichten, sind so ein Beispiel (sie finden in Deutschland leider viel zu wenig Anklang!). Auch die Einführung von ETFs im Jahr 2000 hat Anleger überflüssige Gebühren erspart und damit einen Performance-Turbo verschafft.

Aber die Liste der gescheiterten Investments ist lang. Hyperkomplexe Produkte, die auf vergangene Krisen optimiert sind, sind ein Beispiel – wie auch stark spezialisierte Themenfonds. Dort ist der Weg zum Einzeltitelrisiko nicht mehr weit. Wer heute in spezialisierte KI- und Cloud- ETFs investiert, fährt mitunter besser mit einem Nasdaq 100 ETF, wo die wichtigen Träger des KI-Fortschritts auch vertreten sind und wo kein Small-Cap-Risiko droht.

Es gibt keine dummen Fragen

Dass Investoren schlechte Produkte in ihrem Portfolio vorfinden, liegt zum Teil auch an ihnen selbst: Viele haben Angst, Fragen zu stellen. Sie trauen sich nicht, den Finanzberater zu fragen, warum er genau diesen Fonds empfiehlt bzw. was hinter den Marketing-Aussagen der Produktanbieter steht. Viele Anleger fürchten, dumm oder hinterwäldlerisch zu wirken, wenn sie Produkte nicht verstehen. Aber es ist ihr gutes Recht, gut aufgeklärt zu werden. „Wie funktioniert das Produkt?“ und „Was kann schief gehen?“, sind zwei elementare Fragen, die jeder stellen sollte. Oft sind die einfachen Fragen die besten. Leider neigen manche Vertreter der Finanzbranche dazu, sich hinter Fachbegriffen zu verschanzen. Das ist unfair, weil sie die – prinzipiell unproblematische – Informationsasymmetrie missbrauchen und ein Machtgefälle herstellen. 

Ein Portfolio kann überdiversifiziert sein

Die wichtigste Investment-Regel ist, das Vermögen möglich breit über verschiedene Asset-Klassen und Fonds zu streuen. Die Summe der Risiken ist dann geringer als das Risiko der einzelnen Teile. Doch man kann es auch mit der goldensten Regel übertreiben. Mehr ist nicht immer mehr. Viele Anleger nehmen sich die Diversifikation zu sehr zu Herzen. Wer in einen Fonds investiert, hat bereits ein diversifiziertes Portfolio. Manche Fonds investieren in 100, 200 oder sogar 1.000 Wertpapiere. Es ist also meistens nicht nötig, denselben Markt mit 2 oder 3 Fonds abzudecken. Mir sind schon häufiger Anlegerportfolios mit 50, 60, 70 oder mehr Fonds untergekommen, und die waren nicht millionenschwer.

Gerade bei Mischfonds setzen viele Manager auf Big-Tech und beliebte Konsumgüterkonzerne. Dann unterliegen Anleger dem Phänomen der Scheindiversifikation. Wer zu viele Fonds oder ETFs im Portfolio hat, läuft mitunter Gefahr, seine Investmentthese aus den Augen zu verlieren bzw. zu konterkarieren. Und wer sich mit den besten Absichten ein Portfolio aus Star-Fondsmanagern zusammenstellt, macht nicht immer alles richtig, auch wenn jeder Manager für sich einen Mehrwert erzielt. Wer zu viele aktive Manager im Portfolio zusammenführt, läuft Gefahr, am Ende bei einem Marktportfolio zu landen. Minus Kosten, denn Alpha-Manager haben eine Gemeinsamkeit: sie sind teuer.

Wer ein ausgeglichenes Portfolio mit günstigen Produkten aus den Anlageklassen Aktien, Anleihen, Edelmetallen und Cash hat, wird mit zusätzlichen Positionen keinen nennenswerten Diversifikationsvorteil erlangen.

Schrott bleibt Schrott

Wer nicht einsieht, dass Krypto-Währungen sinnvolle Investments sind, sollte seine Meinung nicht ändern, wenn deren Preis um ein paar 100 Prozent steigt. Skeptiker haben die Eigenschaft, den großen Zeh (und mitunter den ganzen Fuß) dann ins Wasser zu tauchen, wenn die Rally von vermeintlich magischen Assets weit fortgeschritten ist. Echte Krypto-Jünger hodeln, koste es, was es wolle. Null-acht-fuffzehn-Anleger, und das sind die meisten Investoren, können die Volatilität von Bitcoin und Co. zumeist nicht aushalten. Sie werfen bei Verlusten frühzeitig das Handtuch. Auch risikobereite Investoren, die einen 50-Prozent-Verlust bei, sagen wir, einer beliebten, innovativen Mainzer Biotech-Firma locker vertragen können, haben Probleme, eine vergleichbare Krypto-Kernschmelze auszuhalten – wer keinen Bezug zu einem Asset hat, wird dieses Asset nie wirklich „ownen“. Sich das einzugestehen und bei einer Krypto-Rally außen vor zu bleiben, ist alles andere als eine Schande, sondern vielmehr eine souveräne Entscheidung.

*Dieser Beitrag ist eine leicht editierte Fassung meiner envestor Kolumne, die ich Ende Dezember 2023 für den Blog der Frankfurter Börse verfasst habe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung.

Über den Autor

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Ali Masarwah

Ali Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor. Er beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar.
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