Indien-Aktien: Das Beste kommt noch

Indien-Aktien gelten als hoch bewertet im Vergleich zu anderen Emerging Markets. Auch sonst haben Beobachter viel zu kritteln. Der Subkontinent wachse zu behäbig, die Bürokratie sei überbordend. Warum die Kritik zu einseitig ist und der Riese alles andere als schläft, erläutern wir in einer zweiteiligen Serie zu Indien-Aktien. Teil I: Die Übersicht.

Es gibt eine gängige Erzählung mit Blick auf Indien-Aktien. Die Kurse profitierten derzeit von der Verbannung chinesischer Aktien aus den Portfolios westlicher Investoren, die einen Handelskrieg zwischen der EU und den USA mit China aufziehen sehen. Doch diese Kurssteigerungen basierten auf einem Ausbau der Bewertungen der Börsen (Multiple Expansion), die nicht durch das Wachstum gestützt seien.

Auch informierte Beobachter bemängeln, dass das Wachstum der indischen Wirtschaft viel zu gering sei, um die Geschäftsexpansion indischer Unternehmen in dem Maße zu stützen, wie das im Falle Chinas in den 1990-er und Nullerjahren dieses Jahrtausends der Fall gewesen sei. Lange Zeit war die chinesische Wirtschaft mit zehn Prozent p.a. gewachsen. Diesen Wert hat Indien nur einmal in diesem Jahrtausend erreicht, nämlich im Jahr 2010. Ansonsten schwankte das BIP-Wachstum seit dem Jahr 2000 um zwischen sechs und sieben Prozent p.a. Oft wird der Investitionsstau, die mangelnde Produktivität und eine überbordende Bürokratie kritisiert.

Falsche China-Analogie und unterschätzter Fortschritt

Diese Kritik ist im Einzelnen nicht falsch, verkennt aber wesentliche Aspekte der Entwicklung Indiens und auch die rasante Entwicklung des indischen Kapitalmarkts. „Es macht keinen Sinn, die Situation Indiens heute mit dem Wachstum Chinas von vor 20 Jahren zu vergleichen“, gibt Vetri Subramaniam, CIO von UTI International, einem der größten Asset Manager Indiens, zu bedenken. Der Aufstieg Chinas zur globalen Export-Werkbank auf dem Höhepunkt der Globalisierung sei in einer historisch einzigartigen Situation passiert. Indien habe „dieses Fenster“ zwar verpasst, glänze aber heute mit hohen realen Wachstumsraten. Der UTI-Chefanleger macht darauf aufmerksam, dass das inflationsbereinigte BIP-Wachstum Indiens in den vergangenen zehn Jahren nahezu gleichauf mit China gelegen habe und für die nächsten fünf Jahre gemäß IWF-Prognosen mit 6,5 Prozent pro Jahr weit vor China liegen werde.

Die indische Wachstums-Story zeichnet sich weniger durch spektakuläre Sprints als durch stetige und gleichermaßen robuste Fortschritte aus. Dass Anleger nach dem Verlust der Mehrheit der Regierungspartei in der Parlamentswahl in einer ersten Reaktion indische Aktien in großem Stil verkauften, liegt auch an der reformorientierten Politik der Modi-Regierung. „Wichtige Reformen in den Bereichen Infrastrukturentwicklung, digitale Wirtschaft und Haushaltskonsolidierung haben ein wachstumsförderliches Umfeld geschaffen“, loben Avinash Vazirani und Colin Croft vom britischen Vermögensverwalter Jupiter. Mit seinem Fokus auf Initiativen wie das Nationale Infrastrukturprogramm (NIP) habe Indiens Regierung den Ausbau der Infrastruktur maßgeblich vorangetrieben.

Die erste negative Reaktion der Anleger auf das Wahlergebnis wurde inzwischen weitgehend an den Märkten ausgeglichen. Zu Recht, findet der UTI-Chefanleger. „Das Wahlergebnis hat das System der Checks und Balances gestärkt, und dass Indien von einer Koalitionsregierung geführt wird, ist keine neue Entwicklung, das war zwischen 1989 und 2014 gängige Praxis“, so Subramaniam. Dass dem Strongman Narendra Modi bei den Parlamentswahlen die Flügel gestutzt wurden, deuten heute viele Beobachter als positiv; Indiens Wähler hätten Modis hinduistisch-nationaler Politik eine Absage erteilt.

Neues Paradigma nach 2016: Inflation Target

Auch wenn das Haushaltsdefizit Indiens im Zuge der Corona-Krise – wie in den meisten Ländern – dramatisch nach oben auf über acht Prozent gesprungen ist, gilt die Regierung Modi nicht als spendierfreudig. Im Gegensatz zu den USA sind nach 2020 keine Schecks an Haushalte für den Konsum verschickt worden, sondern der Anteil der Investitionen an den staatlichen Ausgaben gestiegen. Inzwischen ist das Haushaltsdefizit deutlich gesunken und soll 2025 auf rund fünf Prozent zurückgehen. Flankiert wird die investitionsfreudige Politik Modis mit einer konsequenten Inflationsbekämpfung.

Die indische Notenbank verfolgt eine Begrenzung der Teuerung auf 4 Prozent „plus/minus zwei Prozentpunkte“. Ein Inflationsziel von zwischen zwei und sechs Prozent klingt für westliche Ohren nach Scheunentor, ist faktisch aber eine beachtliche Neuerung, da Inflationsbekämpfung bis 2016 kein Thema für die RBI (Reserve Bank of India) war.

Das Jahr 2013 brachte mit dem „Taper Tantrum“ der US-Notenbank Indien und Emerging Markets allgemein ein traumatisches Ereignis. In Erwartung höherer Zinsen zogen Anleger massenhaft Geld aus den Emerging Markets ab, was etlichen Staaten hohe Leistungsbilanzdefizite bescherte und ihnen die eigene Verletzlichkeit bzw. Abhängigkeit von ausländischen Kapitalströmen vor Augen führte. Indien wurde die zweifelhafte Ehre zuteil, zusammen mit Brasilien, der Türkei, Südafrika und Indonesien als besonders schwer getroffene Gruppe der „fragile five“ bezeichnet zu werden. Das hatte eine Signalwirkung. „Danach lautete das primäre Ziel der indischen Regierung auf makroökonomische Stabilität in Gestalt von Inflationskontrolle, fiskalischer Disziplin und einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik“, so der CIO von UTI International. Aktuell weist Indien ein niedriges Verhältnis von externer Verschuldung relativ zum BIP von unter 20 Prozent auf, und das bei üppigen Fremdwährungsreserven, mit denen Indiens Importe für elf Monate gedeckt sind.

Der Erfolg der neuen Geldpolitik der RBI kann sich sehen lassen. Die Zeiten zweistelliger Inflationsraten sind lange vorbei, für kommendes Jahr erwartet das Office of Economic Advisor eine Rate von 4,5 Prozent, nicht weit entfernt von dem Vor-Pandemie-Niveau. 

Indien Aktien_Inflation

Quelle: UTI International

Indien-Aktien: Ausblick leicht bewölkt bis sonnig

Und wie sieht es an der Unternehmensfront aus? Die Bewertungen sind aktuell mit einem Forward-KGV von 22 beim Index NSE 500 weit über dem langjährigen Durchschnitt von 16,4. Indische Aktien weisen aktuell eine Bewertungsprämie von 68 Prozent gegenüber dem MSCI Emerging Markets auf. Das liegt zwar auch am Bewertungsaussbau, aber eben auch daran, dass der mit Abstand größte EM-Markt, China, seit Jahren immer günstiger wird – dank der geopolitischen Spannungen und der erratischen Politik der kommunistischen Partei, die ausländische Anleger verschrecken.

Fundamental geht es indischen Unternehmen gut. Das am 31. März 2024 beendete Geschäftsjahr hat indischen Unternehmen Rekordgewinne beschert. Die aggregierten Nettogewinne der Nifty 50-Unternehmen sind um 18 Prozent gegenüber dem Vorjahresniveau gestiegen, rechnen die Fondsmanager bei Jupiter vor. Die anschließende Anhebung der Analystenerwartungen für die Unternehmensgewinne für die Geschäftsjahre 2025 und 2026 zeigten „das anhaltende Anlegervertrauen und die positiven Ertragsaussichten der indischen Unternehmen“, schreiben die beiden Jupiter-Fondsmanager in ihrer Markteinschätzung.

Und das Beste könnte noch kommen: Aktuell arbeitet die indische Regierung am strukturellen Wandel der indischen Wirtschaft von agrardominiert hin zu einem größeren Anteil für die Industrie – bei beschleunigter Digitalisierung. Beim Dienstleistungssektor – 54 Prozent BIP-Anteil bei einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 6,4 Prozent – ist man bereits auf dem Niveau eines Industrielandes. Werden dann auch noch die Hürden für den Zugang ausländischer Investoren zu Indiens Kapitalmärkten gesenkt und wird das Steuersystem vereinfacht, könnte das für einen Produktivitätsschub sorgen.  Vetri Subramaniam von UTI International, sieht bei der Entwicklung der Eigenkapitalrenditen indischer Unternehmen nach einem Jahrzehnt der Seitwärtsbewegung noch viel Spielraum nach oben. Kommt alles zusammen, dann braucht sich ein unverändert demokratisches Indien nicht vor den Wachstumsraten Chinas in Zeiten der ungebremsten Globalisierung zu verstecken – wie auch Anleger keine grundsätzlichen Bedenken gegen die relativ hohen Bewertungen von Indien-Aktien hegen müssen.

In der nächsten Woche dreht sich alles um den indischen Aktienmarkt: Marktstruktur, Branchen, Aktien, Fonds, ETFs, alles!

Quelle: UTI International

Über den Autor

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Ali Masarwah

Ali Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor. Er beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar.
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