Der Avaron Emerging Europe Fund investiert in die Länder Mittel- und Osteuropas, eine Region, die aus verschiedenen Gründen aus dem Fokus von Anlegenden geraten ist. Die Erfolgsbilanz des Fonds ist langfristig solide, auch wenn er in den vergangenen 12 Monaten geschwächelt hat. Das eingespielte Team setzt eine Qualitätsstrategie um und nutzt seine lokale Marktexpertise.
Avaron Emerging Europe Fund: Die Einordnung
Avaron Asset Management wurde 2007 in Tallinn, Estland, gegründet und hat sich seit Firmengründung auf Osteuropa-Aktien spezialisiert. Der Avaron Emerging Europe Fund ist das Flaggschiff der Gesellschaft. Der rund 130 Millionen Euro große Fonds wurde im April 2007 aufgelegt und ist ein EU-regulierter UCITS mit Basis-ESG-Filter (SFDR 8). Avaron ist inhabergeführt, zwei der drei Gründer sind die Fondsmanager des Avaron Emerging Europe, Vladur Jaht und Peter Priisalm. (Die Dritte im Bunde ist die CEO-Gründerin Kristel Kvirnurm-Priisalm.) Die meisten Mitarbeiter sitzen in der Zentrale in Tallinn, ein Teil des Analystenteams in Danzig.
Avaron verwaltete ein Vermögen von rund 300 Millionen Euro. Das ist überschaubar, was auch an der fehlenden Wachstumsdynamik des osteuropäischen Kapitalmarkts liegt. Lange Zeit wurde die Region Osteuropa gleichgesetzt mit Russland und einem bisschen polnischem Beifang. Seit der russischen Vollinvasion der Ukraine 2022 ist die Region anlagetechnisch in einen Dornröschenschlaf versunken.
Die Vernachlässigung liegt auch an der Fixierung von Anlegern auf ETFs und Indizes. Schwellenländerindizes und ETFs werden dominiert von Aktien aus Asien, Polen, Griechenland; die Türkei und Ungarn sind mit zwischen 0,4 und 1 Prozent am MSCI Emerging Markets jenseits der Wahrnehmungsgrenze. Die baltischen Länder, Slowenien und Rumänien sind im MSCI-Frontier-Index vertreten, den kaum ein ETF-Anleger auf dem Schirm hat. Kroatien ist zurzeit in keinem regionalen oder globalen Schwellenländerindex von MSCI vertreten und gehört nur nach der Logik des Indexanbieters FTSE zu den Frontier-Märkten.
Management und Investment-Strategie
Das Team ist über viele Jahre stabil geblieben. Kristel Kvirnurm-Priisalm, Vladur Jaht und Peter Priisalm sind Mitgründer und seit 2007 im Haus; Rain Leesi ist ebenfalls seit den Anfangsjahren dabei und verantwortet heute Research und Trading. Ergänzt wird das Team durch erfahrene Analysten mit regionaler Zuständigkeit, darunter Piotr Jurga für Polen und nördliche Märkte, Reino Pent für Südosteuropa und Silver Schmeiman für die baltischen Märkte.
Die personelle Struktur ist auf langfristige Zusammenarbeit ausgelegt. Drei Investmentmanager und zwei Senioranalysten sind am Unternehmen beteiligt, zudem haben die Gründer und Avaron nach eigenen Angaben insgesamt rund 7,2 Millionen Euro in die verwalteten Fonds investiert. Daraus ergibt sich eine enge Verbindung zwischen Unternehmens- und Fondsinteresse.
Der Fonds investiert in attraktiv bewertete Unternehmen aus Emerging Europe ex Russland mit dem Ziel einer positiven risikoadjustierten Rendite über den Marktzyklus. Die Portfoliokonstruktion orientiert sich an Einzeltiteln und nicht an Länder- oder Indexvorgaben. Allerdings fließen Annahmen zu volkswirtschaftlichen Größen und Währungen in die unternehmensspezifischen Analysemodelle ein.
Der Prozess beginnt mit einem quantitativen Screening. Avaron arbeitet mit einem Mindestmarktwert von 100 Millionen Euro und einer täglichen Mindestliquidität von 100.000 Euro pro Tag. Dadurch wird das investierbare Universum auf rund 550 Unternehmen reduziert.
Im qualitativen Teil des Investmentprozesses steht der direkte Kontakt mit dem Management im Vordergrund. Der Fonds investiert nicht ohne vorherige Gespräche, möglichst vor Ort beim Unternehmen. In einer Scorecard mit Werten von 0 bis 100 Punkten werden Managementqualität, Geschäftsmodell und finanzielle Stärke bewertet. Titel unter 55 Punkten werden ausgeschlossen.
Je schwächer die Qualität in der Scorecard, desto höher das erwartete Upside-Potenzial einer Aktie. Der faire Wert eines Unternehmens wird mit den Datenpunkten EV/EBITDA, KGV, KBV, Dividendenrendite und Cashflow-Multiples ermittelt. Der Zielpreis wird um die erwarteten Dividenden ergänzt und regelmäßig überprüft, mindestens nach jeder Quartalsberichterstattung.
Portfolio und Performance
Das Portfolio ist regional breit, in der Praxis aber auf rund 50 Aktien konzentriert. Regionale Schwerpunkte sind Polen mit gut 30%, Griechenland und der Türkei mit 20 bzw. 13% Gewicht, ergänzt um Rumänien, Ungarn, Slowenien, Kroatien und die baltischen Märkte. Der Fonds investiert dort, wo Qualität, Bewertung und Liquidität zusammenpassen. Letztere beiden Punkte verhindern derzeit eine höhere Gewichtung der baltischen Märkte.
Stilistisch liegt der Fonds näher an quality-value als an klassischem Deep Value. Avaron bevorzugt Unternehmen mit führenden Marktpositionen, wiederkehrenden Erträgen und nachvollziehbaren Geschäftsmodellen. Es existiert eine Neigung hin zu kleinen Unternehmen, auch wenn Avaron auch einen Small-Cap-Fonds im Repertoire führt.
Die Langfristentwicklung ist positiv, ohne dass das Produkt in einzelnen Jahren spektakulär wirkt. In den vergangenen 12 Monaten lag der Fonds ziemlich weit hinten in der Kategorie der Osteuropa‑Fonds, was das Management mit einem Cash‑Drag und negativen Performance‑Beiträgen bei türkischen Unternehmen begründet. Über 3, 5, 7, 10 und 15 Jahre bleibt die relative Entwicklung gegenüber dem Index und der Vergleichsgruppe jedoch positiv.
Risikomanagement und ESG‑Screening
Das Risikomanagement folgt einem mehrstufigen Limit‑System mit täglichen Kontrollen. Avaron arbeitet mit weichen und harten Grenzen für Positionen, Liquidität, Konzentration und Handelbarkeit, um Grenzwertverletzungen vor Eintritt des Problems zu erkennen. Auch Positionen mit langen Liquidationsdauern werden separat überwacht. Das ist in kleinen Märkten essentiell.
Nachhaltigkeit (ESG) ist in den Investmentprozess integriert. Der Fonds ist Artikel‑8‑Fonds, nutzt Negativ‑Screening und eine interne ESG‑Bewertung mit mehr als 90 Kriterien. Die Beurteilung erfolgt nicht über externe Standard‑Ratings, sondern über eigenes Research. Allerdings schließt das Management derzeit Investments in Rüstungsunternehmen nicht mehr aus. Das entspricht der allgemeinen Tendenz, auch bei der EU‑Regulatorin, den Bereich Verteidigung per se als nicht nachhaltig zu kategorisieren. Das Management ist jedoch angesichts der hohen Bewertungen im Verteidigungssektor und der damit verbundenen Rückschlaggefahr für die Kurse – etwa im Falle eines Friedensschlusses zwischen Russland und der Ukraine – vorsichtig.
Avaron Emerging Europe Fund: Das Fazit
In Zeiten, in denen Anleger mechanisch auf ETFs setzen, ist der Avaron Emerging Europe ein sehr willkommenes Tool, um eine von Anlegenden vernachlässigten Region zusammenzuführen. Osteuropa ist in der ETF‑Indexwelt zwischen Industrieländern (Polen gemäß der Logik von FTSE), Schwellenländern aus der ersten Reihe (Griechenland), Frontier‑Märkten (Rumänien nach MSCI‑Logik) und gar keiner globalen Indexvertretung (Kroatien) aufgeteilt. Sinnvoll ist das nicht. Mehr noch als Lateinamerika zählt Osteuropa zu den weißen Flecken auf der Karte vieler Investoren. Zu Unrecht.
Hinzu kommen die Stärken des Fonds: Er hat eine lange Historie, ein eingespieltes Team und einen klar definierten, wertorientierten und vor allem bewährten Investmentprozess. Die Kombination aus Qualitätsfilter, Bewertungsdisziplin und Liquiditätskontrolle prägt den Fonds. Nach eigenen Angaben stecken rund 3 Prozent des Fondsvermögens in den Depots des Firmenmanagements. Das dürfte die Fragen nach der Interessenidentität beantworten.
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Autor
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Alle Beiträge ansehenAli Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor. Er beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar.