Omicron-Panik, Inflationsängste, und der ganz normale Börsenwahnsinn

Am Ende eines trüben November stand die Omicron-Panik, und dennoch entbehrte das Geschehen nicht einer gewissen Ironie. Am vergangenen Freitag, als erstmals die Nachricht von der Ausbreitung der neuen Coronavirus-Variante Omicron die Runde machte, ging die Black Friday Woche zuende, eine jährliche Aktion des Einzelhandels, in der Konsumenten günstige Waren feilgeboten werden. Weil die Aktienmärkte die Grätsche machten, ist davon auszugehen, dass eher die Verkäufer und nicht die Schnäppchenjäger die Szene beherrschten. Seitdem ging es immer wieder heftig auf und ab. Wie ist das einzuordnen?

Die Volatilität kommt zurück – aber nicht immer und überall

Zunächst die Feststellung, dass die Volatilität an die Märkte zuletzt zwar zurückgekehrt ist, aber die Folgen insgesamt doch überschaubar sind. Der US-Aktienmarkt, in Gestalt des S&P 500, konnte den November mit einem ordentlich Plus von gut zwei Prozent aus Sicht von Euro-Investoren abschließen. Der NASDAQ 100, in dem die großen Tech-Unternehmen vertreten sind, stieg sogar um knapp fünf Prozent. Der MSCI World lag mit rund 0,6 Prozent im Plus.

Das Bild ist etwas schmeichelhaft. Denn diese Zuwächse gehen im Wesentlichen auf Währungsgewinne zurück. Der Euro tendierte im November deutlich schwächer gegenüber dem US-Dollar. Auf Dollar-Basis verlor der MSCI World 2,2 Prozent, und der S&P 500 büßte 0,7 Prozent ein. Lediglich der NASDAQ 100 erwies sich erneut als Titan und erzielte ein Plus von 1,9 Prozent aus Sicht eines Dollar-Investors. Vermutlich trifft angesichts des Home Bias vieler Anleger das Minus von 3,8 Prozent im DAX daher am ehesten die Stimmung des Anlegers hierzulande. Die untere Tabelle zeigt die Performance ausgewählter Indizes im Laufe des November.

Tabelle: Performance ausgewählter Indizes im November (in Euro)

November Performance

Halten wir also zunächst fest, dass die Diversifikation über verschiedene Märkte und Währungen eine prinzipiell gute Idee ist, auch wenn man aus einer November-Mücke wahrlich keinen Elefanten machen sollte.

Was uns die Märkte im November noch lehren? Blicken wir auf zyklische Aktien. Diese erlitten einen empfindlichen Rückschlag. Die MSCI Indizes für Banken und Energie brachen auf Dollar-Basis um 5,8 Prozent bzw. knapp sieben Prozent ein. Entsprechend gingen auch Value-Aktien um 3,8 Prozent im November zurück. Auch Emerging Markets litten unter Geldentzug, wie die Verluste im MSCI Emerging Markets zeigen. Wie gesagt: Euro-Anleger verloren Dank des Dollar-Effekts weniger stark als es die Entwicklung der Indexstände andeuteten.

Spiegelbildlich dazu begrenzte der World-Growth-Index von MSCI die Verluste. Aktien für Tech-Hardware legten sogar ordentlich zu, Luxuskonsumgüter traten auf der Stelle und Basiskonsumgüter verloren nur leicht. Passend dazu legten Bundesanleihen in Gestalt des RexP um 1,4 Prozent zu. Das zeigt, dass im November die Konjunkturpessimisten das Geschehen an den Märkten bestimmten. Konjunktursensitive Aktien waren die Verlierer, Wachstumsaktien aus den Technologie- und Luxusgüterbranchen sowie sichere Anleihen konnten zulegen.

Doch der November zeigt uns auch, dass unterhalb der Oberfläche volatile Trends zu beobachten sind. Während sich die großen Tech-Werte im NASDAQ 100 insgesamt erfreulich stabil zeigten, mussten High Growth-Unternehmen massive Einbrüche verkraften. Die europäische Fonds-Variante des ARK Innovation ETF, der Nikko AM ARK Disruptive Innovation, verlor über elf Prozent (in Euro gerechnet). Dass der BIT Global Internet Leaders „nur“ um gut 7,7 Prozent nachgab, ist ebenfalls der Euro-Schwäche zu verdanken. Auch einige MSCI Internet-Aktienindizes verloren im November kräftig.

Fazit: Alles eine Frage des Szenarios

Unsere kleine November-Umschau zeigt, dass die Volatilität zurückgekommen sein mag, dass aber per Saldo wenig passiert ist. Natürlich gibt es Nischen, in denen es ordentlich zur Sache ging, nach oben wie nach unten, aber hier dürften nur wenige Privatanleger vertreten sein. Ein Blick auf die gesamte Jahres-Performance in der oberen Tabelle zeigt indes, dass die meisten Märkte unverändert ordentlich im Plus sind.

Bekanntermaßen ist nichts so irrelevant wie die Performance von gestern? Das stimmt. Und wie könnte es morgen aussehen? Natürlich weiß das kein Mensch, aber die Wege zu unterschiedlichen Szenarien sind klar: Wer der Meinung ist, dass sich Omicron und Armageddon nicht zufällig reimen, der wird schwerlich zyklische Aktien, wie sie übrigens im DAX zuhauf vertreten sind, übergewichten. Die Rückkehr von Lockdowns und damit einer erneuten Corona-Rezession würde den sogenannten Stay-at-Home-Aktien helfen. Dann würde der ARK-ETF von Cathie Wood kräftig punkten.

Wer indes der Meinung ist, dass die neue Virus-Variante kein „Game Changer“ ist, wird eher auf eine weitere Erholung der Weltwirtschaft hoffen und damit auch auf zyklische Branchen setzen. Das würde bedeuten, dass Wachstums-Aktien eher im Nachteil sein dürften und Anleihen zu vermeiden wären. Dann würden sich eher Inflationsschutz-Papiere anbieten – sofern die Inflationserwartungen einen angemessenen Schutz vor einer möglichen Teuerung nahelegten. Daher sollten, und diese Empfehlung zu kurzfristigen Entscheidungen sind für uns ungewöhnlich, Anleger genau nachvollziehen, wie sich die Pandemielage entwickelt und darauf ihr Investment-Szenario für 2021 aufsetzen. Wir werden Sie dabei unterstützen und in den kommenden Wochen für die verschiedenen Szenarien etwas „Futter“ liefern.

 

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah

Ali Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor. Er beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar.
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