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Anleihen kontra Aktien: Wann die 100‑Prozent‑Garantie sticht

Anleihen kontra Aktien – wer sticht? Wenn eine Aktie abstürzt, greifen Anleger gern zum Trostsatz: „Langfristig kommt sie schon wieder.“ Manchmal stimmt das, manchmal nicht, gelegentlich nie. Anleihen folgen anderen, systematisch‑strengeren Regeln, die sie eigentlich zu Anlegerlieblingen machen sollten. Wir erklären den Zauber des Pull‑to‑Par‑Effekts.

Aktien punkten bei Anlegern mit Visionen von Reichtum. In der Praxis sind für viele Investoren die besseren Begleiter. Vielen ist ein ganz besonderer Zauber des Rentenmarkts unbekannt bzw. unbewusst: Anleihen besitzen einen eingebauten Gummiband‑Effekt, der ihren Kurs mit der Zeit zurück zu einem festen Punkt zieht: dem Rückzahlungswert. Der sogenannte Pull‑to‑Par‑Effekt egalisiert Verluste bei Anleihen oft bemerkenswert  schnell – ganz im Gegensatz zu Aktien. Anleger in japanischen Aktien, die eine Durststrecke von 1990 bis 2024 erdulden mussten, können davon ein Lied singen. 34 Jahre dauerte es, bis Anleger im damals vermeintlichen Wachstumsmarkt ihren Einsatz zurückbekommen haben. Das war nur eine extreme Variante eines nicht so seltenen Phänomens: Viele Aktienmärkte fallen nach einer Hype‑Phase tief und brauchen dann lange, bis Verluste aufgeholt werden. Für viele Anleger zu lange.

Auch der heutige Anlegerliebling, der Nasdaq‑100‑Aktienindex, der vollgeladen ist mit den beliebten US‑Tech‑Plattformen, brauchte 14 Jahre, um die Verluste der Dot‑Com‑Bubble aufzuholen. Ja, die theoretischen Gewinne sind für Aktienanleger unbegrenzt, die Praxis zeigt allerdings, dass die meisten Aktienanleger langfristig und systematisch schlechtere Renditen erzielen, als es die Entwicklung des Aktienmarkts nahelegen könnte – erste Ursache dafür sind die klassischen Anlegerfehler, aber auch hohe Fondskosten.

Die Mathematik hinter dem Gummiband

Im Kern ist eine klassische Anleihe ein einfacher Vertrag: Der Emittent verpflichtet sich, bis zu einem bestimmten Datum für das Darlehen Zinsen (Kupons) zu zahlen und am Ende einen fixen Betrag – meist 100 Prozent des Nennwerts – zurückzuerstatten. Dieser Rückzahlungsbetrag wirkt wie ein Gummiband. Je weiter sich der Marktpreis von der 100 entfernt, desto stärker zieht es ihn mit der Zeit wieder dorthin zurück. Je kürzer die Zeit bis zum Laufzeitende, desto straffer ist das Gummiband. Da höherverzinsliche Anleihen (High Yields) typischerweise kurze Laufzeiten haben, sind die Risiken nachhaltiger Kursverluste nicht so hoch – wenn auch die Ausfallrisiken naturgemäß höher sind als bei Qualitätsanleihen.

Zinsen, Risikoaversion und Liquidität können den Kurs einer Anleihe zwischendurch kräftig hin‑ und herschieben. Aber je näher die Fälligkeit rückt, desto weniger Spielraum bleibt: Am Ende steht der Kurs – wenn der Emittent nicht ausfällt – bei 100.

Aktien kennen dieses Gesetz bekanntlich nicht. Eine Aktie hat keine Fälligkeit, keinen festgelegten Rückzahlungsbetrag und auch keine festen Zahlungen in der Zukunft. Fällt der Kurs von 100 auf 80, muss die Aktie um 25 Prozent steigen, um wieder bei 100 zu landen. Ob es so kommt und wie lange die Aufholjagd dauert, ist offen. Das Geschäftsmodell eines Unternehmens kann sich nach einer Krise erholen, oder die Firma stagniert nachhaltig oder geht in die Insolvenz. Dann fällt der Kurs der Aktie von 80 auf 0. Der „Zug“ zurück zum alten Kurs existiert nur in den Hoffnungen der Aktionäre, nicht in den Vertragsbedingungen.

Mathematisch gilt für eine Anleihe bei 80 Prozent dasselbe wie für eine Aktie, die von 100 auf 80 gefallen ist: Auch der Anleihenkurs muss um 25 Prozent steigen, um wieder bei 100 zu landen. Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der Prozentzahl, sondern in der Gewissheit: Bei der Anleihe ist der erneute Sprung auf 100 fest terminiert – solange der Emittent nicht scheitert. Daher ist die Prognose von Aktienkursverläufen oft Voodoo‑Kram, bei Anleihen indes Mathematik pur.

Wie sich ein Buchverlust in Rendite verwandelt

Der Pull‑to‑Par‑Effekt zeigt sich besonders deutlich nach Zinsänderungen. Stellen wir uns eine Anleihe vor, die aktuell eine Rendite von 5 Prozent bietet. Da das allgemeine Zinsniveau gestiegen ist, notiert diese Anleihe bei einem Kurs von 94,00 %. Viele Anleger sehen an dieser Stelle nur den Buchverlust und fragen sich, ob sie die Differenz zum Nennwert jemals wiedersehen. Die Anleihe selbst gibt darauf eine klare Antwort: ja, und zwar zum Laufzeitende. Die untere Tabelle illustriert diese Mechanik.

Was passiert, wenn die Zinsen von nun an stabil bei 5 Prozent bleiben und der Anleger die Anleihe bis zum Ende hält? Mit jedem weiteren Jahr rückt die Rückzahlung bei 100 näher, das „Gummiband“ zieht. In unserem Beispiel gehen wir von einer Restlaufzeit von zwei Jahren aus. Der Anleger macht nun zwei Arten von Gewinn gleichzeitig:
Erstens erhält er weiterhin den jährlichen Kupon von 2,00 Prozent auf den Nennwert. Zweitens kommen die „fehlenden“ 6 Euro zwischen dem Kurs von 94 und der Rückzahlung bei 100 als eingebauter Kursgewinn obendrauf. Verteilt auf die zwei verbleibenden Jahre ergibt das einen automatischen Wertzuwachs von 3,0 Prozent pro Jahr. Wer bei 94 investiert bleibt, bekommt also nicht nur die Zinsen, sondern die restlichen 6 Euro bis zur 100 als integrierten Bonus.

In der Sprache der Anleiheprofis heißt das: Die ursprüngliche Rendite beim Kauf ist Vergangenheit. Entscheidend ist nun die Rendite bis zur Fälligkeit, die „Yield to Maturity“. Sie liegt in unserem Beispiel bei rund 5,0 Prozent – bestehend aus dem 2 % Kupon und dem fest eingeplanten Weg von 94 zurück auf 100. Der Kursverlust aus der Vergangenheit ist dann keine dauerhafte Narbe im Depot, sondern die Quelle der künftigen Mehrverzinsung.

Spiegelbildlich dazu ist der Weg einer Anleihe, die über Par bei 106,00 % notiert (Anleihe B), ebenso vorgezeichnet: Hier erhält der Anleger zwar einen hohen Kupon von 8,00 %, muss aber damit rechnen, dass der Kurs bis zur Fälligkeit in zwei Jahren von 106 auf 100 zurückgleitet. Dieser Aufschlag von 6 Euro wird über die Zeit „abgeschmolzen“ und mindert die laufende Rendite um 3,0 Prozent pro Jahr. Aus Sicht der Profis ist dieser Abschlag ein negativer Kursbeitrag, der den hohen Kupon teilweise wieder auffrisst, sodass am Ende ebenfalls eine marktgerechte Gesamtrendite von 5,0 % steht. Schematisch lässt sich der Pull-to-Par-Effekt so darstellen:

Grenze des Pull‑to‑Par‑Effekts: Die Bonitätsfrage

Natürlich ist auch dieser Mechanismus kein Gratis‑Lunch. Die Pleite des Emittenten kann das Gummiband durchschneiden. Gerade bei Hochzinsanleihen liegen bei niedrigeren Rating‑Stufen Ausfallquoten von 5 bis 10 Prozent im Normbereich. Deshalb ist bei Anleihen die Qualität – also die Bonität des Emittenten – wichtiger als die Hoffnung auf Kursfantasie. Kreditanalyse, Diversifikation und ein wachsamer Blick auf die Bilanz bleiben zentral.

Aktien kontra Anleihen: Beiden Anlageklassen ist einiges gemein: Sie sind an öffentlichen Märkten notiert, schwanken im Wert und verlangen eine sorgfältige Analyse der Bilanzen und die Disziplin, in volatilen Märkten nicht ausgerechnet an den Kurstiefpunkten in Panik zu verkaufen. Aber Anleihen‑Anleger können in turbulenten Zeiten besser schlafen.

Für die alte Grundsatzfrage „Aktien oder Anleihen?“ liefert der Pull‑to‑Par‑Effekt keine einfache Schwarz‑Weiß‑Antwort. Aktien bleiben das bessere Instrument, um langfristig am Wachstum der Weltwirtschaft zu partizipieren – mit offenem Aufwärtspotenzial, „the sky is the limit“. Anleihen dagegen haben einen gedeckelten Ertrag: Die Rendite bis zur Fälligkeit bildet die Obergrenze. Dafür bieten sie Anlegern etwas, das Aktien nicht kennen: ein vertraglich fixiertes Gummiband, das zurück zum Ausgangswert führt. In einer Welt, in der wir mehr Volatilität am Aktienmarkt bekommen, als uns zuträglich ist, bieten Anleihen für viele Anleger regelrecht ein Verwöhnprogramm.

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Autor

  • Ali Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor. Er beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar.

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