Der klassische Markt liefert langfristig ziemlich ordentliche Renditen. DAX, MSCI World und Co. bündeln die Vermögensschöpfung der wenigen Gewinner. Doch es gibt effizientere Marktstrategien. Warum Anleger ein Blick auf Momentum, Quality und andere Faktoren werfen sollten.
Im ersten Teil unseres Artikels über Marktrenditen haben wir die aktuelle wissenschaftliche Auswertung abgehandelt, die zeigt, dass klassische Marktindizes recht gut die wenigen langfristigen Gewinner‑Aktien einfangen. Wer von Anfang an einfach „den Markt“ gehalten hat, ist automatisch in Aktien von Allianz, SAP, Rheinmetall, Apple, Microsoft, Nvidia, Oracle und Co. hineingewachsen, ohne diese Titel aktiv wählen zu müssen.
Bessembinder zeigt in seinen Studien immer wieder, dass die statistische Wahrscheinlichkeit, von vornherein die Gewinner der Zukunft zu identifizieren, der Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleichkommt. Daher, so die logische Schlussfolgerung klassischer ETF‑Anleger, sollte man gleich den ganzen Heuhaufen kaufen. Aber findige Analysten haben sich frühzeitig die Frage gestellt, ob man nicht den Heuhaufen so zurechtschneiden kann, dass die Aktien mit den Gewinner‑Genen systematischer identifiziert werden können.
Im Jahr 1992 verkündeten die Finanzwissenschaftler Eugene Fama und Kenneth French, dass neben der Marktrendite alternative Performance‑Quellen existierten: Value und Size. Günstig bewertete und kleine Unternehmen lieferten demnach systematische Renditequellen, und diese seien langfristig den allgemeinen Marktrenditen überlegen. Damit wurden die sogenannten Size‑ und Value‑Faktoren geboren. Mit der Zeit wurden immer mehr Investment‑Faktoren entdeckt. Es gibt Unternehmen mit bestimmten Eigenschaften, sodass man als Anleger nicht vor der großen Dichotomie „Markt oder Einzelaktie?“, sondern vor der Frage „Markt oder Aktien‑Cluster?“ steht.
Momentum, Quality etc: Willkommen im Faktor‑Zoo!
Steigen wir jetzt eine Ebene tiefer ein, in die Welt der Faktoren, etwa Value, Growth, Momentum, Quality und Low Volatility. Den ersten Faktor schätzen wir, auch wenn wir ihn oft nicht kennen: den Momentum‑Effekt. Momentum bedeutet, dass Aktien mit guten Kursentwicklungen dazu neigen, weiterhin gut zu laufen. In einem klassischen Index steigt das Gewicht einer Aktie, wenn sie Gewinne erzielt, und fällt, wenn sie schwächelt. Der Index „hält“ seine Gewinner länger und sägt die Verlierer im Zeitablauf ab. In einer Welt mit extrem positiver Schieflage – wenige Gewinner, viele Verlierer – ist das genau das, was man haben will.
Ein großer Teil der Marktperformance ist also auch ein Ergebnis des Momentum‑Effekts, nur eben unbewusst umgesetzt. Jeder, der in klassische Marktportfolios investiert, setzt auch auf den Momentum‑Faktor. Dieser lässt sich in Momentum‑Fonds und ‑ETFs in noch höherem „Reinheitsgrad“ einfangen. Kein Wunder also, dass langfristig Momentum‑Portfolios vergleichbaren Marktportfolios mitunter überlegen sind.
Doch es gibt einen weiteren Faktor, der vor allem in den vergangenen Jahren bei US‑Aktien gigantischen Wohlstand schaffen konnte: den Quality‑Faktor. Die Magnificent 7 sind fast durchweg Qualitätsaktien. Sie zeichnen sich durch hohe Profitabilität, starke Marktpositionen, solide Bilanzen, immer stärker auch verlässliche Dividenden und Aktienrückkäufe aus. Wer genau hinschaut, findet in den Tabellen des ersten Teils unseres Beitrags keine Zockerwerte ohne substantielle Geschäftsbasis unter den langfristigen Spitzenreitern. Schrott‑Aktien sterben oft jung und einsam; Wirecard und Enron waren prominente Ausnahmen, die aber die Regel bestätigen. Die gute Performance des Qualitätsfaktors lässt sich damit erklären, dass die Mehrzahl der langfristigen Superstars genau diese Merkmale kombiniert: Gewinne, Wachstum, Bilanzstärke.
Und was ist mit den anderen bekannten Faktoren: Value – also günstig bewertete Aktien gemessen an Kennzahlen wie Kurs‑Gewinn‑Verhältnis oder Kurs‑Buchwert‑Verhältnis – und Low Risk, also defensive, wenig schwankende Titel? Dass die großen Vermögensschöpfer eher in der Schnittmenge von Qualität und Wachstum liegen als im klassischen „Deep‑Value“-Segment, ist das eine. Das andere ist, dass Aktien, die besonders stark von konjunkturellen Aufschwüngen profitieren, zeitweilig sehr erfolgreich sein können. Das spricht dafür, dass Value als bewusster Gegenpol zu Momentum über bestimmte Zyklen durchaus funktioniert, aber nicht die eigentliche Quelle des Marktwachstums ist.
Es gibt weitere Faktoren, die – gemessen an der allgemeinen Marktrendite – eine gemischte Bilanz haben, aber gerade wegen ihrer Abweichung vom Markt für etliche Anleger hochattraktiv sind: Die Rede ist von niedrig schwankenden Aktien, die Kern des sogenannten Low‑Risk‑Faktors sind. Sie sind langfristig mit einer ziemlich hohen Wahrscheinlichkeit sichere Verlierer, liefern aber für Anleger mit einer niedrigen Risikotoleranz oder kürzeren Anlagedauern einen passablen Zugang zur Aktienprämie. Wenn klassische Marktindizes langfristig Renditen von 8 bis 12 Prozent jährlich liefern, dann sind ein Plus von 6 bis 8 Prozent absolut in Ordnung, wenn diese Aktien die Verluste minimieren – auf der Renditeseite sind eher Anleihen die Messlatte von Low‑Risk‑Portfolios, und die liefern längerfristig eher Renditen von 3 bis 6 Prozent.
Fazit: Bricht der Faktoren‑Krug im AI-Hype?
Damit rückt eine Kombination ins Blickfeld, die viele quantitative Anleger seit Jahren nutzen: Momentum und Qualität als Kernstrategien, ergänzt um Value und Low Risk zur Glättung von Zyklen. Bessembinders Studie, die wir im ersten Teil des Artikels vorgestellt haben, ist ein Plädoyer für „klassische“ Marktportfolios. Doch viele Anleger fühlen sich berufen, einen Schritt weiterzugehen. Hinter der kleinen Gruppe der Reichmacher stehen die Faktoren Momentum und Quality. Strategien, die die Risiken begrenzen und systematisch konjunktursensitive Aktien einfangen, sind wiederum für ganz bestimmte Anleger eine gute Wahl.
Zum Schluss stellt sich eine unbequeme Frage: Wie weit kann der Momentum‑Quality‑Hype gehen? Je mehr Anleger in klassische ETFs investieren, desto stärker profitieren die Unternehmen, die ohnehin schon groß und erfolgreich sind. Ihr Indexgewicht nimmt immer weiter zu, neues Geld fließt nach – ein sich selbst verstärkender Mechanismus.
Im Extremfall führt das zu Fehlallokationen. Kapital steuert nicht unbedingt zu den Firmen mit den besten Zukunftsprojekten, sondern zu denen mit der höchsten aktuellen Marktkapitalisierung. Solange der AI‑Hype anhält, wird der Momentum‑Faktor funktionieren. Allerdings werden die Hyperscaler, die sich gerade durch hohe Verschuldung ihre Cashflows killen, irgendwann nicht mehr Quality‑Kriterien erfüllen. Das könnte der Vorbote einer gesunden Korrektur sein – die dann Low‑Risk‑ und Value‑Investoren in die Karten spielen könnte.
Kein Trend ist ewig. Strukturbrüche – technologische Revolutionen, Regimewechsel in der Geldpolitik, geopolitische Schocks – können bewährte Geschäftsmodelle abrupt entwerten. Gerade weil so viel Vermögen in wenigen Riesenfirmen konzentriert ist, sind Anfälligkeiten für Brüche und die potenziellen Verluste in einer konzentrierten Marktstruktur erheblich. Der Krug kann lange immer wieder zum Brunnen gehen, aber irgendwann wird er brechen – ob mit einem Knall oder schleichend mit sich vertiefenden Rissen, sei hier dahingestellt.
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Autor
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Alle Beiträge ansehenAli Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor. Er beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar.