Strategie-ETFs: Smart Beta oder doch nur dummes Alpha?

ETFs bilden nicht nur Indizes wie den DAX, MSCI World oder S&P 500 ab. Die ETF-Fabriken iShares, Xtrackers, Amundi und Co. legen jede Menge sogenannter Smart Beta ETFs auf, die alternative Indexkonzepte verfolgen. Wie erfolgreich sind Strategie-ETFs? Teil I unserer Serie: Zünden Strategie-ETFs den Performance-Turbo?

Nicht alle Indexfonds bilden klassische Benchmarks ab; Strategie-ETFs haben das Ziel, Marktindizes und aktiv verwaltete Fonds zu übertreffen. Und weil ohne Marketing alles nichts ist, versehen ETF-Anbieter diese Produkte mit dem Attribut „smart“. In einer dreiteiligen Serie schauen wir, was sich hinter Strategie-ETFs verbirgt, wie sie funktionieren und wie ihre Performance-Bilanz aussieht im Vergleich zu aktiven Fonds und den Indizes, die diese ETFs übertreffen sollen. Im ersten Teil unserer Serie beschäftigen wir uns mit den wichtigsten Definitionen und kategorisieren Smart-ETFs nach ihren Eigenschaften.

Strategie-ETFs oder als die Faktoren laufen lernten

Es war einmal eine Zeit, in der es für Wertpapiere nur eine Referenz gab: den Markt, auf dem sie agieren. US-Aktien wurden durch den S&P 500 abgebildet, deutsche Aktien durch den FAZ-Index, später dann durch den DAX, der FTSE 100, auch „Footsie“ genannt, stand für den britischen Markt. Und so weiter und so fort. Privatanleger und Vermögensverwalter galten als geschickt, wenn sie „Mr. Market“ übertrafen. Über die Gründe wurde nicht gesprochen, alles war Alpha, also Können.

Die Überlegung dahinter: Der Markt ist effizient und bildet das systematische Risiko der auf ihm vertretenen Aktien ab. Was waren das für Zeiten!

Ab den 1990-er Jahren nahm die Leistungsfähigkeit von Computern zu, und die Rechenschieber wurden nach und nach ausgemustert. Die Finanzmarktforschung profitierte von der Rechenkapazität, und, siehe da: Wertpapierrenditen waren nicht bloße Wertpapierrenditen, sondern Faktorprämien: Im Jahr 1992 verkündeten Eugene Fama und Graham French, dass neben der Marktrendite alternative Performance-Quellen existierten: Value und Size. Günstig bewertete und kleine Unternehmen lieferten demnach systematische Renditequellen, und diese seien langfristig den allgemeinen Marktrenditen überlegen. Damit wurden die sogenannten Size- und der Value-Faktoren geboren.

Mark Carhart ergänzte das Modell 1997 um den Momentum-Faktor, und einige Jahre später haben Fama und French zwei weitere Faktoren „entdeckt“. Heute zählt der Indexanbieter S&P über 70 Einzelfaktoren für verschiedene Märkte auf. Nicht nur Kritiker sprechen heute vom „Faktor-Zoo“.

Der Faktor-Zoo macht die ETF-Welt komplex

Seit 1992 muss man Verfechtern der “Mr. Market hat immer Recht“-Lehre also die Frage zurückspielen: “Welchen Markt meinst du denn?”. Das war die intellektuelle Geburtsstunde der Smart-Beta-Welle, die die ETF-Industrie in diesem Jahrtausend ausgelöst hat. Die Überlegung: Wenn Value-, Momentum-, Quality-, Low-Volatility-Aktien, Nebenwerte usw. systematische Performance-Vorteile haben, dann müssten ETFs bzw. Indizes, die solche Aktien zusammenbringen, bessere Renditen erzielen als der übergeordnete Markt (DAX, S&P 500 usw.). 

Diese Faktor-Proliferation wird von einzelnen Finanzwissenschaftlern kritisiert, aber die ETF-Industrie hat sich dem Prinzip “smarter” ETFs verschrieben und legt entsprechende ETFs in großem Stil auf. Diese ETFs folgen der Kalkulationslogik von Faktor-Indizes und gewichten die Wertpapiere nicht (oder nicht nur) nach Marktkapitalisierung, sondern nach den als günstig identifizierten Eigenschaften, etwa Value, Growth, Quality oder Momentum. ETFs sind also nicht mehr die einfach verständlichen Produkte, die das Ziel hatten, einen Index – minus Kosten – abzubilden. Seit einigen Jahren spielen ETFs das Outperformance-Spiel der aktiven Manager mit: sie wollen den Index übertreffen. Anhand der eher gemischten Bilanz aktiver Manager stellt sich die Frage, ob Strategie-ETFs wirklich Smart Beta liefern – oder doch nur dummes Alpha?

Strategie-ETFs: Beispiele und das verwaltete Vermögen

Strategie-ETFs sind keine neue Erscheinung. Der älteste Smart Beta ETF in Europa ist der iShares DivDAX, der im April 2005 aufgelegt wurde und die dividendenstärksten DAX-Aktien zusammenbringt.  In den ersten Jahren beschränkten sich Smart Beta ETFs auf Dividendenstrategien. Erst 2007 brachte Invesco sogenannte fundamental investierende ETFs von ihrer Tochter Research Affiliates (Rafi) auf den Markt. Mit Low-Volatility Strategien durch State Street und iShares gewann der Markt für Smart Beta ab 2012 an Dynamik.

Aktuell machen Strategie-ETFs in Europa gemäß Morningstar knapp 100 Milliarden Euro aus. Das entspricht rund sechs Prozent des europäischen ETF-Markts. Strategie-ETFs sind also nur eine Ergänzung klassischen ETFs. Aber 100 Milliarden sind andererseits kein Pappenstiel, zumal gerade Anleger in Deutschland auf Dividenden-Strategien schwören, die oft nicht die beste Performance zeigen. Rund ein Drittel des Vermögens in Strategie-ETFs steckt in Dividenden-ETFs, Quality und Value Folgen mit jeweils 12 Milliarden Euro, gefolgt von Low-Beta-ETFs, die das Ziel haben, das Risiko herkömmlicher Indizes abzufedern. Multi-Faktor-ETFs, die mehr als eine Strategie implementieren, Momentum, Growth und fundamental investierende ETFs runden das Bild ab.

Die Performance-Qualität von Strategie-ETFs vs. Kategorien

Fangen wir mit einem Rendite-Vergleich zwischen zehn Strategie-ETF-Gruppen und den Fonds der Kategorien an, denen sie zugeordnet sind. Die Untersuchung umfasst drei Zeiträume: 1 Jahr, 3 und 5 Jahre. Die untere Tabelle lesen Sie so: Ist die Zahl in einem Feld positiv (grün untermalt), signalisiert das, dass Strategie-ETFs in einem Zeitraum den durchschnittlichen Fonds in der Kategorie übertroffen haben. Ist die Zahl negativ (rot gezeichnet), bedeutet das, dass der durchschnittliche Strategie-ETF schlechter abgeschnitten hat als der durchschnittliche Fonds der Kategorie, der er angehört.

Strategie Beta vs Kategorie
Relative Rendite vs. Kategorie-Durchschnitt, in Euro und Prozentpunkten, ab 1 Jahr annualisiert, Daten per 31.3.2024, Quelle: Morningstar

Wie aus der oberen Tabelle hervorgeht, haben aus in den vergangenen fünf Jahren Momentum-, Quality- und Value-ETFs konstant über alle drei Perioden den Durchschnittsfonds in der jeweiligen Kategorie übertroffen. Gemischt, aber überwiegend positiv sieht die Bilanz der Strategie-ETFs bei Anleihen, Dividenden, Growth und bei „sonstigen“ Strategien aus. Überwiegend schwach schneiden Multi-Faktor ETFs aus, Low-Volatility-ETFs liegen dagegen in ihren jeweiligen Kategorien in den vergangenen fünf Jahren hinten. Letzteres Ergebnis verwundert nicht, da die vergangenen fünf Jahre per saldo gute Jahre für Aktien waren. ETFs, die das Risiko reduzieren, wurden logischerweise nur im Jahr 2022 belohnt. Insofern sollte die eher mäßige Bilanz im ungewichteten Gesamt-Durchschnitt nicht überschätzt werden, da sie vor allem von den Risiko-Reduzierern negativ beeinflusst wurde. Strategie-ETFs sind also im Vergleich zu vielen aktiv verwalteten Fonds, die das Gros der Fondskategorien ausmachen, in gewisser Weise „smart“.

Die Performance-Qualität von Strategie-ETFs vs. Indizes

Wiederholen wir nun den oberen Test mit einem Vergleich mit den jeweiligen Kategorie-Indizes. Hier fällt die Bilanz deutlich schwächer aus, wie die untere Tabelle zeigt. Lediglich die Gruppe der fundamental investierenden ETFs vermag in allen drei Perioden zu überzeugen. Ansonsten können Growth-ETFs, Momentum-ETFs, Quality- und Value-ETFs nur in einer der drei Perioden mit klassischen Marktindizes standhalten. Durchgehend schlecht schneiden Dividenden-ETFs, Multi-Faktor-ETFs und Risik-orientierte ETFs ab.

Strategie Beta vs Index
Relative Rendite vs. Kategorie-Index, in Euro und Prozentpunkten, ab 1 Jahr annualisiert, Daten per 31.3.2024, Quelle: Morningstar

Man muss wissen, dass die Morningstar-Kategorie-Indizes kapitalisierungsgewichtete Benchmarks sind, derweil Strategie-ETFs zumeist anhand der Faktoren gewichtet sind. Ein Value-ETF wird also zumeist nach Value-Faktoren gewichtet, derweil der Kategorie-Index kapitalisierungsgewichtet ist. Manche Strategie-ETFs sind zudem oft nicht speziellen Faktor-Kategorien zugeordnet. Asien-Dividenden-ETFs werden in den Korb der Asien-Aktienfonds eingruppiert, ETFs auf den oben erwähnten DivDAX finden sich in der Gruppe der Aktienfonds für deutsche Standardwert und Momentum-ETFs in der Gruppe für Standardwerte Welt, Europa oder USA wider.  

In Summe liefern Strategie-ETFs im Vergleich zu ihren Benchmarks also tatsächlich „dummes Alpha“. ETF-Anbieter handeln also mit Zitronen, wenn sie die damit werben, dass ihre Produkte klassischen Indizes überlegen sind. Besonders bedenklich ist, dass Dividenden-ETFs, die die beliebteste Gruppe der Strategie-ETFs darstellt, konsequent nirgendwo adäquate Indizes übertreffen können. Wenig schmeichelhaft für ETF-Anbieter: Ihre Multi-Strategie-ETFs, die mehrere Faktoren unter einem Dach vereinen, liegen deutlich hinter adäquaten Markt-Indizes.

Strategie-ETFs: Was von der Performance übrig blieb

Vergleicht man Strategie-ETFs dagegen mit Fonds, dann liefern sie tatsächlich einen Mehrwert. Allerdings tun das auch herkömmliche ETFs. Wiederholte Untersuchungen, auch von envestor, haben gezeigt, dass nicht nur Aktien-, sondern auch Anleihen-ETFs in wichtigen Märkten einen Mehrwert gegenüber aktiv verwalteten Fonds liefern. Wer also von Strategie-ETFs wundersame Performance-Ergebnisse erwartet, könnte enttäuscht werden.

Interessant können Strategie-ETFs dagegen dann sein, wenn man seinem Portfolio einen etwas anderen „Dreh“ verleihen will. Sind Märkte etwa überbewertet, können Anleger durch die Beimischung risikokontrollierenden Low-Volatility-ETFs gegensteuern, ohne ihr Aktienportfolio zu liquidieren. Und wer etwa in einem Value-Markt wie Europa unterwegs ist, kann durch die Hinzunahme von Quality-ETFs Unternehmen mit stabilen Geschäftsmodellen den zyklischen europäischen Aktien etwas Stabilität über den Zyklus verleihen. Es geht also bei Strategie-ETFs nicht um Top-oder-Flop-Lösungen, es handelt sich hier also nicht um „Silver Bullets“.  

Im zweiten Teil unserer Serie steigen wir eine Ebene Tiefer ein und analysieren, in welchen Fondskategorien Strategie-ETFs eine gute Lösung sind – und wo nicht.

Über den Autor

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Ali Masarwah

Ali Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor. Er beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar.
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