ETF Ratings: Wohin geht die Reise?

Im letzten Teil unserer Serie zur Qualität von ETFs gehen wir auf die künftige Richtung von ETF Ratings ein. Weil Fonds- und ETF-Ratings träge sind, schlagen sich aktuelle Performance-Entwicklungen in den Bewertungen erst künftig wider. Wir blicken nach vorn und sagen, was aus der Rating-Dynamik abzuleiten ist.

Nachdem wir im ersten Teil unserer großen Serie zur ETF Qualität auf die Märkte eingegangen sind, in denen die börsennotierten Indexfonds mit guten Morningstar Ratings punkten und im zweiten gezeigt haben, wo ETFs eine schlechte Wahl waren, wollen wir heute einen Blick nach vorne wagen: Anhand des aktuellen Rating-Momentums von ETFs lässt sich eine Prognose über die zukünftigen Ratings ableiten. Wir wollen schauen, wie das aktuelle Rating-Momentum bei wichtigen Fondskategorien aussieht und, vor allem, was Anleger für Erkenntnisse aus sich abzeichnenden Rating-Verschiebungen ziehen sollten.

Wir müssen an dieser Stelle etwas weiter ausholen und einige Sätze zu den Morningstar Ratings für Fonds verlieren. Das Morningstar Rating ist eine relative Bewertungsmethode. Sie misst die risikoadjustierte Rendite von Fonds und ETFs einer Kategorie und vergleicht sie miteinander. Das Ergebnis wird in den Ratingnoten 5 (sehr gut) bis 1 (sehr schwach) Sterne* verdichtet. So weit, so bekannt. Weniger bekannt ist, dass sich das Morningstar-Rating in drei Komponenten aufteilt: ein 3-Jahres-Rating, ein 5-Jahres-Rating und ein 10-Jahres-Rating. Das stellt sicher, dass auch die Langfristbilanz von Fonds und ETFs erfasst wird. Existiert nur eine dreijährige Fondshistorie, wird diese zu 100 Prozent das Fonds-Rating ausmachen; existiert eine 5-Jahres-Historie, wird das Gesamt-Rating zu 60 Prozent aus der Fünfjahres-Bilanz und zu 40 Prozent aus der 3-Jahres-Rating-Bilanz gespeist. Existiert eine 10-Jahreshistorie, dann wird das Gesamt-Rating zu 50 Prozent aus dem 10-Jahres-Rating, zu 30 Prozent aus dem Fünfjahres-Rating und zu 20 Prozent aus dem Dreijahres-Rating gespeist.

Das Rating-Momentum für ETFs berechnen

Wenn man nun das 3-jährige Teil-Rating ins Verhältnis zum 10-jährigen Teilrating setzt, lässt sich die Richtung der künftigen Morningstar Ratings besser taxieren. Fällt die kurzfristige Bilanz besser aus als die langfristige, dann ist zu erwarten, dass das Gesamt-Rating künftig besser ausfallen lässt – die schwächere Langfristbilanz wird nach und nach “rausgerollt” und damit gewinnt die kürzerfristige Bilanz an Gewicht. Umgekehrt signalisiert ein schwächeres Kurzfrist-Rating, dass die bessere Langfrist-Bilanz nach und nach aus der Rating-Berechnung herausfällt und das Gesamt-Rating tendenziell schwächer wird.

Zum Untersuchungsdesign: Wir haben die Differenz zwischen den 3- und 10-jährigen Teil-Ratings von ETFs Kategorie für Kategorie berechnet. In der ersten Tabelle weiter unten haben wir die 20 Kategorien ermittelt, in denen sich die 3-Jahres-Teil-Ratings gegenüber den 10-Jahres-Teil-Ratings am stärksten verbessert haben. Danach haben wir in einer zweiten Tabelle die ETFs mit der größten negativen Abweichung ermittelt. Neben der Kategorie steht das aktuelle durchschnittliche Gesamtrating, der grüne Pfeil signalisiert ein hohes Aufwärts-Rating-Momentum, der rote Pfeil in der unteren Tabelle signalisiert ein starkes Abwärts-Rating.

Durchschnittliche Morningstar Sterne Ratings per 30.4.2023, Quelle: Morningstar

Die obere Tabelle zeigt, dass ETFs für Asien-Pazifik Aktien zwar nur im Schnitt ein Rating von 2,5 Morningstar Sternen haben, aber der Unterschied zwischen der guten Kurzfristbilanz steht im krassen Kontrast zur langfristig miesen Rating-Note. Woran liegt das? Des Rätsels Lösung ist die Outperformance von Value-Aktien 2021 und 2022. Drei der vier ETFs in der Kategorie Asien-Pazifik sind Dividenden-ETFs. Die beiden ETFs iShares Asia Pacific Dividend ETF und iShares DJ Asia Pacific Sel Dividend 50 weisen jeweils ein schwaches 2-Sterne-Rating auf. Perspektivisch dürften sich diese Noten erhöhen, weil das kurzfristige 3-Jahres-Teilrating bei 4 Sternen liegt.

Im laufenden Jahr hat sich der Trend allerdings umgekehrt: Value-Aktien, also Banken, Rohstoff-Hersteller und Energiekonzerne haben underperformt. Anleger sollten die Ursachen der erwartbar höheren Ratings also zur Kenntnis nehmen. Sind sie der Überzeugung, dass zyklische Value-Aktien auch künftig outperformen werden, wären die verbesserten Ratings also ein Gütesiegel. Da allerdings viele Auguren mit einer Verlangsamung des globalen Wachstums rechnen, ist diese Prämisse umstritten. Künftig bessere Ratings von Dividenden-Aktien-ETFs sind also nicht zwingend ein Gütekriterium. In dieselbe Schublade gehören die verbesserten ETF-Ratings der Kategorie Dividenden Großbritannien. Manche dieser ETFs setzen recht blind auf die Aktien mit der höchsten Dividendenrendite am britischen Markt. Hierzu zählt der iShares UK Dividend ETF. Anleger müssen sich also überlegen, ob ein “Deep-Value” ETF im heutigen Markt das beste Rezept für die Zukunft ist.

Anders ist es bei der Kategorie der global anlegenden Dividenden ETFs. Hier weisen u.a. der SPDR S&P Global Dividend Aristocrats ETF und der UBS S&P Dividend Aristocrats ESG Elite bessere Kurzfrist-Teilratings als langfristige auf; die Qualitätsfilter, die in solchen Strategie ETFs eingesetzt werden, haben kurzfristig bessere Ergebnisse gebracht, was die Ratings der ETF der Kategorie nach oben gezogen hat.

Wiederum anders verhält es sich bei ETFs für Schweizer Aktien. Die Kurzfrist-Ratings haben sich vor allem bei den relativ breit diversifizierten ETFs auf den SLI-Index verbessert. Die relativ niedrige Gewichtung von Aktien wie Nestle, Roche oder Novartis im SLI hat den SLI-ETFs geholfen. Weil diese zahlreich stärker vertreten sind als die ETFs auf die wesentlich kopflastigeren Indizes SMI oder MSCI Switzerland, sind die ETF-Ratings für Schweizer Aktien also im Vorwärtsgang.

ETF-Ratings mit negativem Momentum

Ein besonders starkes Abwärtsmomentum weisen derzeit Rohstoff-ETFs auf. Auch wenn die Bilanz mit einem durchschnittlichen 4-Sterne-Rating noch gut aussieht, hat die Korrektur in den letzten 12 Monaten bei ETFs Spuren hinterlassen. Besonders gelitten hat die Kurzfrist-Bilanz beim iShares Global Timber & Forestry ETF, der im 3-Jahres-Teilrating nur ein 2-Sterne-Rating aufweist. Hier hat sich der hohe Anteil an Nebenwerten negativ bemerkbar gemacht im Vergleich zu aktiv verwalteten Fonds der Kategorie, die stärker auf großkapitalisierte Werte wie BHP, Rio Tinto oder Glencore ausgerichtet sind, die zuletzt weniger stark verloren bzw. von einer überdurchschnittlich guten Dreijahres-Performance zehren. Hier waren also Large Caps Trumpf.

Bei Bond-Kategorien EUR diversifizierte Anleihen, Euro-Inflationsanleihen oder global investierende Inflations-Anleihe-ETFs schlugen die lange Laufzeiten negativ zu Buche. Während aktiv verwaltete Fonds der Kategorie die Laufzeitrisiken reduziert hatten, sind die in den Kategorien vertretenen ETFs die Spiegel der Indizes, und die hatten per saldo über die Zeit hohe Zinsänderungsrisiken aufgebaut, die sich in der historischen Anleihen-Baisse mit massiven Kursverlusten manifestierten.

Auch bei ETFs, die ausgewogen bzw. defensiv in Aktien und Anleihen investieren, gingen die Kurzfrist-Ratings stark zurück – auch diese ETFs ließen in der Bond-Baisse 2022 aufgrund der langen Laufzeiten auf der Anleihenseite massiv Federn.

Auch ETFs in der Kategorie Aktien USA Wachstum verzeichnen deutlich schwächere Kurzfrist-Ratings, als es die insgesamt immer noch sehr gute Rating-Bilanz von 4,38 Sternen vermuten lassen würde. Daran sind die ETFs schuld, die den NASDAQ 100 abbilden. Diese ETFs verloren aufgrund der hohen Konzentration von Big Tech Aktien wie Apple, Microsoft, Meta oder Alphabet 2021 viel mehr als aktiv verwaltete Fonds der Kategorie.

Rating-Momentum - welche Perspektive?

Nachdem wir das Rating-Momentum von ETFs in verschiedenen Kategorien analysiert haben, stellt sich die Frage für Anleger, welche Erkenntnisse sie daraus ziehen können. Zum einen ist die Sache recht einfach: Wer Ratings als Gütesiegel sieht und auf ETFs setzen will, die gute Ratings haben, der kann das positive Momentum als Indikator für die Rating-Richtung von ETFs verwenden. Aber das ist eine relativ krude Verwendung, die wir nicht als Kaufsignal werten würden, sondern sollten das sich abzeichnende Momentum als Anlass für eine weitere Analyse nehmen.

Nehmen wir das Beispiel der Downgrade-Tendenzen bei verschiedenen Renten-ETFs. Diversifizierte Renten-ETFs haben aktuell mit durchschnittlich 2,8 Sternen ein unterdurchschnittliches Rating. Weil das Momentum stark negativ ist, ist zu vermuten, dass klassische Euro-Renten-ETFs künftig noch schwächere Ratings aufweisen könnten. Das ist Ausdruck der Katastrophen-Performance von Renten-ETFs 2022. Wer glaubt, dass dies ein Alarmsignal ist, geht implizit davon aus, dass Anleihen weiter schwach performen werden, etwa dann, wenn die Inflation weiter steigt und die Zinsen weiter erhöht werden. Aber das ist eine Minderheitenmeinung, die von der realen Entwicklung an der Inflationsfront konterkariert wird. Schwächt sich die Konjunktur ab, wie es sich derzeit abzeichnet, dann haben Anleihen eine eher positive Performance-Prognose. Das gilt insbesondere für eher langlaufende Anleihen-ETFs. Die schwachen und schwächeren Ratings könnten dann eher als Ausdruck einer Bodenbildung zu verstehen sein. Dann wäre die Rating-Entwicklung ein eher nachlaufender Indikator.

In anderen Kategorien könnten man dagegen stärkere oder schwächere Ratings dagegen schon als Signal verstehen. Das sich abzeichnende stärkere Rating in Dividenden-Strategien ist etwa Ausdruck der besseren Performance von Dividenden-Aristrokraten. Hinter diesen Produkten stehen qualitativ hochwertigere Dividendenstrategien, die sich nicht an der Maximierung der Ausschüttungen orientieren, sondern den Schwerpunkt auf Dividendenqualität. Bei Schweizer ETFs resultieren die Ratings von der besseren Bilanz breiter streuenden und weniger kopflastigen Indizes. Das könnten Anleger zum Anlass nehmen die überaus kopflastigen ETFs auf den SMI oder MSCI Switzerland zu hinterfragen.

Die sehr deutlich rückläufigen Ratings bei Rohstoff-ETFs, die aktuell 4-Sterne-Ratings Ratings könnten Anleger zum Anlass nehmen, die Produkte auf hohe Risiken zu screenen. Insbesondere Indizes, die in hohem Maße auf kleinere Minenbetreiber setzen, sind deutlich riskanter als Indizes, die eher auf Large-Caps setzen. Als Warnsignal sind auch die sich abschwächenden Ratings bei Euro-Immobilienaktien-ETFs zu verstehen: Diese bilden hochkonzentrierte Indizes ab, in denen einige deutsche Immobiliengesellschaften sehr hoch gewichtet sind – etwa Vonovia, von der aktiv verwaltete Immobilien-Aktienfonds zumeist Abstand nehmen. Wer in solche ETFs investiert setzt bewusst oder unbewusst auf gefallene Stars von gestern.

Dann gibt es noch die Zwitter: Anleger könnten das negative Momentum bei den Ratings der NASDAQ 100 ETFs als Warnsignal sehen: Der Absturz der Big-Tech-Aktien in der zweiten Jahreshälfte 2022 hat gereicht, um einen starken Rating-Abwärtstrend zu erzeugen. Mit der Kurserholung bei Meta, Apple, Tesla und dem dramatische Aufschwung von NVIDIA ist absehbar, dass sich die Ratings vermutlich in den nächsten Monaten stabilisieren werden. Optimistische Stimmen gehen von einer weiteren Erholung von den Big Techs aus. Solche Anleger werden Rating-Downgrades bei den NASDAQ-Trackern ignorieren. Vorsichtigere Anleger werden die hohen Verluste der schlecht diversifizierten NASDAQ-100-ETFs und die daraus resultierende starke Rating-Abwärtstendenz als Warnsignal sehen – und die Rating-Volatilität zum Anlass nehmen, das Gewicht dieser Produkte in ihrem Portfolio zu reduzieren.

Als Fazit würden wir also das formulieren, was man generell für Fonds- und ETFs-Ratings festhalten kann, die auf Vergangenheitsdaten basieren: Schönheit oder Hässlichkeit liegen in den Augen des Betrachters.

* In der ursprünglichen Fassung des Artikels wurde fälschlicherweise ein 1-Sterne Morningstar Rating als sehr gut und das 5-Sterne-Rating als sehr schwach bezeichnet. Aufmerksame Leser haben gemerkt, dass es genau andersherum ist: Das beste Morningstar Rating lautet auf 5 Sterne, das schwächste auf 1 Stern. Wir bitten das Versehen zu entschuldigen. 

Über den Autor

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Ali Masarwah

Ali Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor. Er beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar.
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