Der Iran-Krieg hat für Anleger vor allem eine wirtschaftliche Dimension: Energie. Steigende Öl- und Gaspreise wirken direkt auf Inflation, Wachstum und damit auf die Bewertung vieler Anlageklassen. Entscheidend ist deshalb weniger die militärische Dynamik als die Frage, ob wichtige Transportwege dauerhaft gestört werden. Für Investoren lassen sich daraus dreivSzenarien ableiten.
Der Markt schaut auf Hormus
Für Investoren ist der wichtigste Punkt die Straße von Hormus. Laut EIA (Energy Information Administration) liefen dort zuletzt mehr als ein Viertel des weltweiten seeseitigen Ölhandels und rund ein Fünftel des globalen Ölverbrauchs in Form von Öl und Ölprodukten durch. Der Krieg hat die Passage weitgehend stillgelegt und der Ölpreis der Sorte Brent ist binnen einer Woche um knapp dreißig Prozent von 72,9 Dollar auf 93 Dollar gestiegen.
Der Ölpreis ist für die Finanzmärkte kein gewöhnlicher Rohstoffpreis. Wenn Energie teurer wird, steigen Transport-, Produktions- und am Ende auch Verbraucherpreise. Das belastet vor allem zyklische Aktien, margenschwache Unternehmen und langlaufende Staatsanleihen. Dagegen gewinnen Sektoren, die direkt von höheren Energiepreisen, höheren Verteidigungsausgaben oder steigender Unsicherheit profitieren.
Die historischen Vorbilder sind die 70er und 90er
Die siebziger Jahre zeigen, wie gefährlich Energieschocks werden können. Nach dem Ölpreisschock 1973 stiegen Inflation und wirtschaftliche Risiken gleichzeitig – eine Kombination, die der IWF (Internationaler Währungsfonds) damals korrekterweise als außergewöhnlich unsicher für die Weltwirtschaft bezeichnete.
Die Periode gilt als klassischer Fall von Stagflation: schwächeres Wachstum bei gleichzeitig höherem Preisdruck. Für Anleger war das historisch ein schwieriges Umfeld für breite Aktienmärkte und für Anleihen mit langer Laufzeit.
Der Vergleich mit den 90ern ist viel freundlicher. Die FRBSF (Federal Reserve Bank of San Francisco) hielt damals fest, dass sich der Ölpreis im Umfeld des Golfkriegs zeitweise etwa verdoppelte, der Schock aber deutlich kürzer war als in den Siebzigern. Für heutige Investoren ist genau das die Trennlinie: Ein kurzer Krieg erzeugt meist nur einen Bewertungs- und Inflationsschreck. Ein längerer Konflikt mit beschädigter Förder-, Export- oder Hafeninfrastruktur kippt das Ganze in eine echte Gewinnrezession.
Was diesmal ähnlich und was anders ist
Ähnlich ist die Abhängigkeit vom Energiefluss. Anders als in früheren Ölkrisen ist die Welt heute etwas flexibler. Die USA fördern deutlich mehr Öl selbst, strategische Reserven können kurzfristig eingesetzt werden, und ein Teil der Handelsströme lässt sich umleiten. Ein vollständiger Ausfall wichtiger Transportwege wie der Straße von Hormus wäre jedoch weiterhin schwer zu kompensieren.
Asien ist besonders anfällig, weil dort die Abhängigkeit von Energieimporten aus dem Nahen Osten hoch bleibt. Wie schlecht informiert und vorbereitet Europa ist, zeigt sich an historisch niedrigen Füllständen der Gasreserven. Das spricht dafür, dass europäische und asiatische Industrieaktien im Fall eines längeren Konflikts stärker unter Druck geraten könnten als ihre US-Pendants.
Ein zweiter Effekt wird oft unterschätzt: die Inflationserwartungen. Wenn der Markt glaubt, dass der Ölpreisschub nicht nur ein paar Wochen anhält, steigen die Renditen nicht trotz der Krise, sondern aufgrund der Krise. Genau das war in den vergangenen Tagen am Anleihemarkt bereits zu sehen. Für aus Aktien und Anleihen gemischte Portfolios, die auf klassische 60/40-Strategien setzen, ist das unangenehm, weil dann Aktien und länger laufende Staatsanleihen gleichzeitig unter Druck stehen . Dann droht eine Wiederholung des Jahres 2022, als Aktien und Staatsanleihen im Gleichklang nach unten rauschten. Klassische Anleihen verloren in einem Jahrhundert-Crash teilweise noch mehr als Aktien.
Was könnte Anlegern heute blühen? Wir haben drei Szenarien und die daraus folgenden Konsequenzen für Wertpapierportfolios aufgemacht.
Drei Szenarien für Anleger
Szenario I: kurzer Konflikt, begrenzter Energieschock
Im ersten Szenario bleibt der Krieg zeitlich begrenzt. Die Passage durch die Straße von Hormus ist nach einigen Wochen offen und die Förderanlagen in der Region bleiben unbeschädigt. Dann wäre der aktuelle Sprung beim Ölpreis bald Geschichte. Historisch zeigt sich in solchen Situationen häufig, dass Märkte zunächst stark reagieren, sich aber relativ schnell wieder stabilisieren, sobald klar wird, dass das physische Angebot an Energie weitgehend intakt bleibt.
Für Anleger würde das bedeuten: die Füße stillhalten. Zwar profitieren Energieproduzenten, Tankerunternehmen und Verteidigungswerte zunächst von höheren Preisen, steigenden Frachtraten und höheren Rüstungsausgaben. Aber dies wäre ein Strohfeuer, auf das Investoren nicht reagieren sollten. Breite Aktienmärkte hätten nach der ersten Schockphase gute Chancen, sich zu erholen, sobald klar wird, dass der Konflikt nicht zu einem strukturellen Energieschock eskaliert. Hier würde eine “Buy-the-Dip”-Strategie, die in den vergangenen Jahren so gut funktioniert hat, naheliegen
In diesem Szenario lohnt sich ein Blick auf die kurzfristigen Verlierer: Vor allem Branchen mit hohem Energieverbrauch. Airlines, Teile der Chemieindustrie, Logistikunternehmen und andere energieintensive Geschäftsmodelle könnten nach einem anfänglichen Abverkauf schnell wieder steigen.
Szenario II: längerer Konflikt bei intakter Infrastruktur
Im zweiten Szenario zieht sich der Krieg über mehrere Monate hin, ohne dass die gesamte Energieinfrastruktur der Region zerstört wird. Die Unsicherheit bleibt hoch und Energiepreise verharren auf einem erhöhten Niveau. In diesem Umfeld verschieben sich die makroökonomischen Erwartungen: Höhere Energiepreise belasten den Konsum und drücken auf die Gewinnmargen, während Notenbanken vorsichtiger werden, wenn es um Zinssenkungen geht.
Für Investoren wird das Umfeld damit deutlich anspruchsvoller. Aktienmärkte reagieren in solchen Phasen selektiver. Unternehmen mit stabilen Geschäftsmodellen, hoher Preissetzungsmacht und robusten Margen sind dann klar im Vorteil. Dazu gehören häufig große Technologieplattformen, defensive Konsumgüterkonzerne oder Anbieter kritischer Infrastruktur. Parallel bleiben integrierte Öl- und Gasunternehmen sowie Verteidigungswerte strukturell begünstigt. Auch Gold kann in einem solchen Umfeld als Absicherung gegen geopolitische Risiken und Inflationssorgen gefragt sein.
Airlines, Teile der Chemieindustrie, Logistikunternehmen und andere energieintensive Geschäftsmodelle geraten in solchen Phasen unter Margendruck, weil steigende Treibstoff- und Transportkosten nicht sofort vollständig an Kunden weitergegeben werden können. Unter Druck geraten ebenfalls Small Caps und zyklische Industriewerte, deren Gewinne stark von der globalen Konjunktur abhängen. Ebenfalls anfällig sind Regionen mit hoher Energieimportabhängigkeit, etwa Teile Europas oder einige asiatische Volkswirtschaften. Langlaufende Staatsanleihen könnten in diesem Szenario ebenfalls unter Druck geraten, wenn steigende Energiepreise die Inflationserwartungen nach oben treiben.
Zeichnet sich ein derartiges Szenario ab, sollten Anleger eine Anpassung ihres Portfolios in Richtung stabilerer, defensiver Sektoren auf der Aktienseite erwägen. Wegen der steigenden Teuerung wäre auf Seite der Anleihen eine Verkürzung der Laufzeiten zu erwägen. Sollten FED und EZB die Geldpolitik straffen, könnten Geldmarktfonds eine gute Wahl sein, um Turbulenzen ohne zu hohe Opportunitätskosten abzufedern, sofern die Inflation nicht zu hoch steigt . Für Bond-Investoren könnte die Empfehlung lauten: Kurzlaufende Unternehmensanleihen in den Gewinner-Branchen toppen wegen Renditevorteilen und geringeren Verlustrisiken Staatsanleihen. Zu den klaren Gewinnern gehören Rüstungsunternehmen. Historisch steigen in Phasen geopolitischer Eskalation nicht nur kurzfristig die Aufträge, sondern vor allem die langfristigen Verteidigungsbudgets. Staaten reagieren auf neue Bedrohungslagen in der Regel mit strukturell höheren Ausgaben für Luftabwehr, Überwachungssysteme, Drohnen, Cyberabwehr und militärische Infrastruktur. Für börsennotierte Rüstungsunternehmen bedeutet das eine ungewöhnlich hohe Visibilität zukünftiger Einnahmen – ein Faktor, der gerade in unsicheren konjunkturellen Phasen von Investoren stark bewertet wird.
Szenario III: schwerer Energieschock durch zerstörte Infrastruktur
Im dritten Szenario eskaliert der Konflikt deutlich stärker. Export-Terminals, Raffinerien oder Förderanlagen werden beschädigt und die Passage durch Hormus bleibt über längere Zeit gestört. In diesem Fall würde sich der Konflikt von einer geopolitischen Krise zu einem echten Angebotsschock für den globalen Energiemarkt entwickeln.
Die Konsequenzen wären erheblich. Rohölpreise könnten stark steigen, ebenso die Preise für LNG (Flüssiggas) und verarbeitete Ölprodukte.
Am deutlichsten profitieren in einem solchen Umfeld klassische Energieproduzenten. Unternehmen entlang der Energie- und Transportwertschöpfungskette – etwavBetreiber von Tankern oder Anbieter von Energieinfrastruktur – dürften ebenfalls profitieren. Auch Verteidigungsunternehmen und klassische Krisenabsicherungen wie Gold dürften in diesem Szenario gefragt bleiben.
Für die meisten anderen Anlageklassen wäre das Umfeld katastrophal. Breite Aktienindizes leiden unter der Kombination aus schwächerem Wachstum und höheren Energiekosten. Besonders anfällig wären hoch verschuldete Unternehmen sowie der Markt für Hochzinsanleihen. Insbesondere langlaufende Staatsanleihen würden unter Druck geraten, wenn steigende Energiepreise die Inflation dauerhaft nach oben treiben und die Erwartungen an die Geldpolitik verändern.
Derzeit deutet wenig darauf hin, dass sich das dritte Szenario eines schweren Energieschocks verwirklicht. So heißt es aus dem Iran, dass die Nachbarstaaten nicht mehr angegriffen werden sollen. Das würde verhindern, dass die arabischen Golfstaaten ihrerseits als Reaktion auf die iranischen Angriffe in das Kampfgeschehen eingreifen und zusätzlich eskalieren. Spiegelbildlich dazu hat eine Sprecherin des Weißen Hauses verkündet, Iran müsse nicht die Kapitulation offen aussprechen, maßgeblich sei vielmehr Trumps Einschätzung, dass der Iran kapituliert habe.
Fazit
Für Investoren ist der Iran-Krieg vor allem ein Energiemarkt-Thema mit makroökonomischen Nebenwirkungen. Solange die Passage durch die Straße von Hormus gestört bleibt, bleiben hohe Energiepreise ein Risiko für weite Teile der Wirtschaft. Der Markt geht derzeit noch davon aus, dass der Konflikt begrenzt bleibt.
Das macht Sinn: Am wahrscheinlichsten erscheint aktuell das Szenario eins eines kurzen Konflikts mit begrenzten Störungen der Energieversorgung. Szenario zwei – ein länger anhaltender Konflikt mit dauerhaft höheren Energiepreisen – ist unseres Erachtens weniger wahrscheinlich, bleibt allerdings ein Risiko, das Anleger im Blick behalten sollten. Im dritten Szenario könnte Cash der einzig sichere Portfolio-Retter sein, allerdings eher als punktuelle Schutzmaßnahme. Auch mittelfristig wären die Opportunitätskosten ziemlich hoch.
Die historische Lehre ist recht klar. Kurze Ölkrisen erzeugen heftige, aber oft überwindbare Marktverwerfungen. Lange Ölkrisen mit realen Infrastrukturschäden kippen das Umfeld in Richtung Stagflation, und dann werden breite Aktienindizes und klassische Langläufer im Rentenmarkt schnell ungemütlich. Genau deshalb lohnt der Blick auf 1973 mehr als auf geopolitische Schlagzeilen. Am Ende entscheidet eine einfache Frage: Fließt wieder Öl durch Hormus oder nicht?
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Alle Beiträge ansehenSteffen Gruschka ist CFO und Co-Geschäftsführer von envestor und blickt auf rund 30 Jahre Erfahrung im aktiven Management von Schwellenländer-Aktienfonds zurück. In seiner Laufbahn wurde er mehrfach als Fondsmanager des Jahres ausgezeichnet. Zuletzt erreichte er 2025 in der Kategorie Aktien Emerging Markets die Spitzenposition und gehörte damit laut Handelsblatt zu den besten Fondsmanagern Deutschlands.