Traum oder Alptraum? Der iShares Global Clean Energy ETF

Der iShares Global Clean Energy ETF war für einen kurzen Augenblick in der Zeit für wenige Anleger ein Traum, ist dann aber für viele zum Alptraum mutiert. Warum dieser ETF für Clean Energy-Aktien so enttäuscht hat und was Anleger bei Themen-ETFs beachten müssen.

Der iShares Global Clean Energy ETF ist ein Musterbeispiel für ein Investment, das trotz eines viel versprechenden Ansatzes umstandslos gegen die Wand fährt – und das gleich zweimal. Die Geschichte dieses ETFs hat das Zeug, in die Lehrbücher der Finanzwissenschaft aufgenommen zu werden – in der Abteilung Behavioral Finance, wohlgemerkt. Es handelt sich um eine Geschichte von Gier (der Anleger), Hilflosigkeit (des Index-Anbieters) und schlechtem Handling auf Seiten des ETF-Anbieters. Aufstieg und Fall des ETF zeigen abschließend die Nachteile konzentrierter Portfolios, aber auch deren Vorteile. Ein Drama in fünf Akten.

2007 bis 2012: Early Adopter zur falschen Zeit

Man kann den Produktmanagern bei Barclays nur Respekt für ihre Vorausschau zollen. Im Juli 2007 wurde unter der Flagge von Barclays Global Investors (BGI) der iShares S&P Global Clean Energy aufgelegt (BGI wurde 2009 von BlackRock übernommen). Es handelt sich damit um den ältesten Indexfonds in der Fondskategorie „Aktien  alternative Energien“. Unter den existierenden Fonds für Clean Energy ist nur der aktiv verwaltete KBC Eco Fund Alternative Energy Responsible Investing älter. Er wurde bereits im Jahr 2000 aufgelegt. 

Die Benchmark des iShares ETFs ist der S&P Global Clean Energy, seinerzeit ein Index für Small und Midcaps, der 30 Aktien umfasste. Es war ausgesprochenes Pech, dass der Fonds kurz vor der Finanzkrise aufgelegt wurde.  Wer zum Start Anfang August 2007 investierte und drei Jahre lang durchhielt, saß Ende Juli 2010 auf einem Verlust von 62 Prozent. Die schlechteste Erfahrung in einem Dreijahreszeitraum machte, wer zwischen September 2008 und August 2011 investierte. In der Spanne schlug ein Minus von 71,55 Prozent zu Buche. Dieser ETF „war meine endgültige Lektion, was Branchenwetten angeht“, lautete das Fazit eines frustrierten Investors in einem Börsenforum Anfang 2012. Aber halten wir fest, dass das Künstlerpech war. Aus heutiger Sicht schade, denn das Thema war und ist  vielversprechend. 

2012 bis 2019: iShares Global Clean Energy ETF im Dornröschenschlaf

Bis Ende 2018 war nur selten Geld mit dem heute unter dem Namen iShares Global Clean Energy ETF firmierenden Fonds zu verdienen. Ein dreijähriger Anlagehorizont brachte erst zwischen 2011 und 2014 nennenswerte Renditen. Doch die konnten mitunter sehr ordentlich ausfallen. In einer Investment-Periode zwischen 2012 und 2015 sprangen mitunter über 100 Prozent für Anleger heraus. Allerdings waren das nur kurzzeitige Wachphasen in einem per Saldo langen Dornröschenschlaf, wie die untere Grafik zeigt, in der die rollierenden Dreijahres-Renditen zwischen 2012 und Ende 2018 aufgeführt sind. Jeder kleine Punkt zeigt die kumulierte Endrendite eines dreijährigen Investments. Über weite Strecken zwischen 2010 und 2019 erwies sich der iShares Global Clean Energy ETF als Verlustbringer.

iShares Global Clean Energy ETF

Rollierende Renditen in Prozent, Euro und kumuliert, per 31.12.2018, Quelle: Morningstar.

In die Zeit ab 2010 fiel der kurzzeitige Aufschwung und der tiefe Fall der europäischen Solarbranche, die von der hoch subventionierten Konkurrenz aus China regelrecht platt gemacht wurde. Der Wegfall der Subventionen für die deutsche Solarindustrie führte zum regelrechten Exitus einer weltmarktführenden Branche, deren Player entweder übernommen wurden (Q-Cells) oder in die Insolvenz gingen (Solarworld).

2019 bis 2022: Wachstum, Corona-Irrsinn und Indexchaos

Die Klimabeschlüsse von Paris 2015 markierten den Startschuss für ein rasantes Wachstum der Branche der alternativen Energien. Vor allem die Bereiche Wind und Solar wurden als die Energien der Zukunft ausgemacht, die einen Abschied von fossilen Energieträgern ermöglichen und damit zur Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels entscheidend beitragen würden. Dies wird in der Performance des iShares Clean Energy ETF reflektiert, der sich ab 2019 zum Rendite-Renner entwickelte. Zwischen Anfang 2019 und Ende 2022 stieg der Fondspreis um 165 Prozent. In der Spitze hatte er zwischen 2019 und Ende 2020 um gut 220 Prozent zugelegt.

Performance in Euro und kumuliert in Prozent, per 31.12.2022, Quelle: Morningstar

Es ist hochspannend, wie sich in der Zeit das Fondsvermögen entwickelte. Anfang 2019 war der iShares Global Clean Energy ETF mit einem Vermögen von rund 100 Millionen Euro ein ziemlich unauffälliger Typ, was angesichts der schwachen Renditen in den ersten zwölf Jahren seines Bestehens kein Wunder war. Doch als die Performance anzog, fingen die Neugelder an zu strömen. Im Juni 2019 durchbrach der Fonds die 200-Millionen Euro Schallmauer. Danach ging es ziemlich schnell. Im Dezember 2019 waren es bereits 4,4 Milliarden Euro. Das maximale Vermögen erreichte der ETF im November 2021 bei 6,1 Milliarden Euro. Doch da war bereits etwas ganz Entscheidendes aus den Fugen geraten: der Index, den der ETF (und sein US-Zwilling, in dem auch Milliarden steckten) abbildete. 

Clean Energy Themenfonds waren Teil des  Meme-Aktien-Hypes, der 2020 auch Clean Energy-Aktien in die Höhe trieb. Der iShares Global Clean Energy ETF hatte im Jahr 2020 mit einem Plus von 120 Prozent die Lichter ausgeschossen. Zum Teil waren die Kurszuwächse der Aktien im S&P Global Clean Energy durch den ETF getrieben worden. Die beiden iShares ETFs in Europa und den USA hielten zeitweilig jeweils acht Prozent bei sechs von 30 Index-Unternehmen. Bei einem kombinierten Vermögen von über zehn Milliarden Dollar wurde das Rebalancing der beiden iShares ETF 2020 und 2021 zum Kursbewegenden Event – die beiden ETFs fingen an „den Markt zu machen“, wie Bloomberg Intelligence nachwies. 

2021 musste S&P gleich zweimal die Notbremse ziehen, im März sowie im August. Die Zahl der Indexbestandteile wurde von 30 auf 100 erweitert, es wurden in Emerging Markets kotierte Aktien in das Anlageuniversum aufgenommen, die thematische Definition wurde erweitert, es wurden auch breiter diversifizierte Unternehmen aufgenommen, die nicht ausschließlich im Renewables-Bereich aktiv sind, und es wurden Limits (Caps) sowie Mindestliquiditätsgrenzen eingeführt. Es ist unverständlich, dass diese Diskussion weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit blieb und nur in Fachmedien und unter Experten diskutiert wurde. Eine derart bedeutsame Änderung des Investmentprozesses hätte vom Anbieter iShares ausführlich kommuniziert werden müssen, gerade angesichts des investierten Milliardenvermögens. Die untere Grafik zeigt die quartalsweise Entwicklung des ETF-Vermögens zwischen 2008 und September 2023 und liefert Zeugnis über die irre Nachfrage seit der Corona-Zeit ab.

iShares Global Clean Energy ETF AUM

Vermögen in Milliarden Euro, Stand: 30.9.2023, Quelle: Morningstar

2023: Der Absturz des iShares Global Clean Energy ETF

Was die Gesundheit des Index sicherte, konnte nicht den ETF retten. Die steigende Inflation, die das Ende des Growth-Zyklus 2021 markierte, der Beginn rasanter Zinserhöhungen ab 2021 weltweit, die Lieferkettenproblematik: all das brachte viele Themenfonds ins Wanken. Es zeigte sich erneut die riskante Natur von Themeninvestments. Der Kelch ging 2021 zwar nicht am iShares Global Clean Energy ETF vorbei, der um gut 18 Prozent nachgab. Allerdings waren diese Verluste im Vergleich zu manch anderen Highgrowth-Fonds und -ETFs moderat. 2022 konnte der ETF sogar ein minimales Plus von 0,7 Prozent erzielen,  ein Jahr, in dem die meisten Aktienmärkte in den Industrieländern zweistellige Verluste verbuchten. Growth-Indizes wie der Nasdaq 100 brachen sogar um 30 Prozent und mehr ein. Der Tenor noch vor rund einem Jahr: Wind- und Solar-Energiehersteller genießen eine Sonderkonjunktur und können aufgrund hoher staatlicher Investitionen dem zyklischen Abwärtstrend widerstehen.

Doch das änderte sich 2023 – ausgerechnet im Jahr, in dem die Aktienkurse bei Growth-Unternehmen eine starke Erholung zeigten. Die hohen Zinsen machen vielen der aufwendigen Windkraft-Projekte einen Strich durch die Rechnung, die Installation insbesondere der Windkraftanlagen hat sich wegen der stark gestiegenen Rohstoffpreise deutlich verteuert. Zudem fehlt es an der nötigen Infrastruktur, etwa Leitungen bzw. Stromtrassen, sowie an Speicherkapazitäten für die schwankenden Energiequellen Wind und Sonne.

In den vergangenen Wochen hagelte es Hiobsbotschaften – ausgerechnet in den USA, wo das staatliche IRA-Programm Investitionen von über 370 Milliarden Dollar in die Dekarbonisierung der US-Wirtschaft anschieben wird. Anfang November kündigte Orsted an, Projekte vor der Küste New Jerseys im Umfang von 2,2 Gigawatt aufzugeben. Aktuell sind nach Schätzungen von BloombergNEF rund die Hälfte der Offshore Projekte in den USA auf der Kippe. Weil die Konditionen der Windkraftbetreiber im Vorhinein fixiert werden, bringen die gestiegenen Kosten viele Betreiber in Schwierigkeiten. Hinzu kommen die bereits oben angedeuteten Probleme bei der Schaffung der nötigen Infrastruktur.

Mit dem Problem steigender Kosten sehen sich Windkraft- und Solaranbieter weltweit betroffen. Siemens Energy gab Ende Oktober bereits die zweite Gewinnwarnung in nur vier Monaten heraus und macht den Weiterbetrieb von Langfristprojekten offenbar von Staatsgarantien abhängig. Auch der Windkraft-Musterschüler Großbritannien sieht sich mit der Stornierung von Projekten betroffen – was auch daran liegt, dass im Zuge der Haushaltskonsolidierung nach der Chaos-Premierministerin Liz Truss ein “Windfall Tax”-Regime für Windkraftbetreiber eingeführt wurde. 

Die Folge der sich häufenden schlechten Nachrichten lassen sich an den Aktienkursen vieler Solar- und Windkrafthersteller im laufenden Jahr ablesen. Der iShares Global Clean Energy ETF brach in diesem Jahr bisher um rund ein Drittel ein. Aktien wie Enphase Energy oder Orsted, zwei feste Größen in dem ETF, verloren 70 bzw. 55 Prozent.

Risiken und Chancen thematischer Investments

Am Beispiel des iShares Clean Energy ETF zeigt sich das Risiko von Themen-Investments. Sie sind oftmals so eng definiert, dass das Risiko hoher Verluste mangels Portfolio-Diversifikation sehr hoch ist. Und als wäre das Portfolio-Risiko nicht hoch genug, tragen Anleger oft das ihres dazu bei, die Rendite zu verschlechtern. Sie kaufen und verkaufen insbesondere volatile Investments (lies: Themen-Fonds und -ETFs) zur Unzeit. Das Researchhaus Morningstar erhebt regelmäßig die Folgen des prozyklischen Investierens, indem die geldgewichtete mit der zeitgewichteten Rendite von Fonds verglichen wird. Erstere spiegelt die Buy-and-Hold-Erfahrung wider, die zweite berücksichtigt die Mittelflüsse in Fonds bei der Renditeberechnung. Sie wird auch als Dollar-weighted Return bezeichnet. Sie bildet die Erfahrung des Durchschnittsanlegers in Fonds ab. 

Interessanterweise wird in der diesjährigen “Mind the Gap”-Studie ausgerechnet der iShares Global Clean Energy ETF hervorgehoben. Aus gutem Grund: Zwischen 2018 und 2023 brachte der Fonds nach BVI-Performance-Methode, also gemäß der zeitgewichteten Rendite, eine jährliche Performance von 17 Prozent pro Jahr. Das klingt nach einer tollen Rendite. Allerdings kam die zustande, als nur wenige Anleger in dem Fonds investiert waren. Die meisten stiegen nach dem Jahr 2020 ein (Sie erinnern sich: plus 120 Prozent), als die gute Performance bereits gelaufen war. Im Schnitt mussten Anleger ein Minus von 3,0 Prozent pro Jahr hinnehmen, wie Morningstar ermittelte. Die untere Grafik zeigt den Zusammenhang zwischen Rendite (rote Linie) und die monatlichen Mittelflüsse in den ETF (blaue Balken) – erstere ist der perfekte Frühindikator für letztere – Performance-Chasing ist der englischsprachige Begriff für dieses Phänomen. 

iShares Global Clean Energy ETF Gap

Leider zeigt sich, dass Anleger die spiegelbildlichen Chancen selten nutzen: In Zeiten hoher Verluste investieren sie nicht und verpassen damit die Renditechancen der Zukunft. Denn eng konzentrierte Themenfonds, die eine stringente, nachvollziehbare Strategie verfolgen, können in der richtigen Marktlage hervorragende Renditen abliefern. Dafür müssen aber Anleger die Nerven behalten. Hat der iShares Global Clean Energy ETF das Zeug für eine gute Performance? Vieles spricht dafür. 

Angesichts der fortschreitenden Dekarbonisierung der Wirtschaft sind die Solar- und Wind-Energiebranchen alles andere als tot. Sie konsolidieren vielmehr, und Anleger sind bereit, abzeichnende Erholungstendenzen zu honorieren. So konnte etwa Vestas Wind in den vergangenen zehn Tagen um rund 14 Prozent an der Börse zulegen, weil sich andeutet, dass der dänische Konzern über die Preissetzungsmacht verfügt, die es ihm ermöglicht, die gestiegenen Kosten an Kunden weiterzugeben. Mit anderen Worten: Anleger sollten in einen Fonds dann investieren, wenn er bereits 30 Prozent verloren hat und nicht, wenn sich die ihm zugrunde liegenden Wertpapiere langjährige Hochs markieren. Weil die meisten aktiv verwalteten Fonds der Kategorie alternative Energien ihren thematischen Fokus breiter fassen als der S&P Global Clean Energy Index, konnten sie besser durch das Krisenjahr 2023 navigieren. Sie sind mutmaßlich für viele Anleger deshalb die bessere Wahl, weil sie diese bei der Stange halten.

In der nächsten Woche werden wir auf drei große Clean Energy-Fonds näher eingehen und schauen, was sie anders als die typischen ETFs für alternative Energien gemacht haben.

Über den Autor

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Ali Masarwah

Ali Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor. Er beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar.
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