Ali Masarwah Morningstar

Ali Masarwah

In Europa und den USA jagen die Aktienmärkte von einem Rekordhoch zum nächsten. Gemessen an praktisch allen gängigen Kennziffern liegen die Bewertungen dieser Märkte deutlich über ihren historischen Durchschnitten. Über eine mögliche Überhitzung der Aktienmärkte, die Situation in der Realwirtschaft und darüber, was Anleger jetzt tun können, sprach Envestor mit Ali Masarwah, Chefredakteur Morningstar Deutschland, Österreich und Schweiz.

 

Envestor: Herr Masarwah, finden Sie die hohen Bewertungen an den Aktienmärkten besorgniserregend?

Ali Masarwah: Ich verstehe, dass viele Anleger Unbehagen verspüren angesichts dieser beeindruckenden Kursrally, die die Kurse seit bald einem Jahr von Hoch zu Hoch treibt. Es waren ja auch sehr bemerkenswerte zwölf Monate. Der Corona-Crash fing mit einer Wucht an, die allenfalls vergleichbar war mit dem Jahrhundert-Crash von 1929. Aber im Gegensatz zur damaligen „Great Depression“ brauchten die Aktienkurse nicht sieben Jahre, um sich wieder auf das Ausgangsniveau zu bewegen, sondern nur sieben Monate!

Vermutlich kontrastieren Anleger die Entwicklung an den Märkten mit der Situation der Realwirtschaft und der geht es nicht gut. Aber die Aktienmärkte spiegeln ja bekanntlich die Erwartungen an die Zukunft wider und deshalb wäre mein Fazit: Das geht schon so in Ordnung. Denn die fiskalpolitische Unterstützung durch die Regierungen und auch die extrem lockere Geldpolitik der Notenbanken sind eine entscheidende Stütze der Realwirtschaft. Nach allem, was man so realistisch modellieren kann, dürfte die Pandemiebekämpfung in diesem Jahr erfolgreich sein und dann steht einer Erholung der Realwirtschaft nichts mehr im Weg. Was die Bewertungen anbelangt, muss man differenzieren. Es gibt natürlich sehr teure Unternehmen da draußen, denken Sie nur an die vielen Tech-Unternehmen, die teilweise kaum Umsätze generieren, geschweige denn Gewinne schreiben. Aber es gibt eben auch viele Marktsegmente, vor allem zyklische Branchen, die günstig bewertet sind.

 

Envestor: Wir haben kürzlich die Entwicklungen rund um die GameStop-Aktie und den Bitcoin kommentiert. Es ist faszinierend zu sehen, welchen Impact eine große Anzahl von Privatanlegern auf bestimmte Marktsegmente haben kann. Verabschiedet sich nicht spätestens hier die Realität von den in den Kursen eingepreisten Wachstumsaussichten?

Masarwah: Ich denke, man muss da unterscheiden zwischen normalem Anlageverhalten, das von der Suche nach Chancen geprägt ist, spekulativen Investments, die durch die exzessive Liquidität befeuert werden, und Liebhaberei, die Anleger zu Aktien wie GamesStop führen kann. Wenn ein Anleger der Meinung ist, dass die Träger der digitalen Transformation in seinem Portfolio wegen Wachstumsphantasien einen größeren Platz haben sollten, dann ist es vollkommen OK, wenn er in einen Tech-Fonds investiert.

Wer hochriskanten Themenfonds nachjagt, die nur sehr spezielle Marktsegmente abdecken, geht dagegen möglicherweise ein zu hohes Risiko ein. Da muss man differenzieren. Grundsätzlich ist halt viel Geld im Umlauf und da sind Übertreibungen normal – zumal die Zinsen niedrig bis negativ sind, was bedeutet, dass immer mehr Anleger sich in Richtung Risiko-Anlagen bewegen, auch wenn sie eigentlich nicht dazu neigen, riskant anzulegen. Es gibt angesichts des Nullzins-Umfelds keine realistische Alternative zu Aktien, deshalb finde ich es grundsätzlich prima, dass immer mehr Anleger ins Risiko gehen. Übertreibungen und Blasenbildungen sind Teil des Marktgeschehens. Die hat es immer gegeben und wird es auch in Zukunft immer geben. Man kann nur hoffen, dass möglichst viele Anleger diversifizieren. Das federt die Risiken vor zu hohen Verlusten bei einer Korrektur ab.

 

Envestor: Was würden Sie einem Anleger raten, der heute ein Portfolio aufbauen möchte?

Masarwah: Wer langfristig investieren kann, der sollte einen Großteil seines Portfolios in Aktien investieren – man kann hier durchaus von Aktienquoten von 65 Prozent und mehr ausgehen. Das Aktienportfolio sollte breit gestreut sein und die Kosten sollten niedrig gehalten werden, damit der Anleger so viel wie möglich vom Zinseszins-Zauber einfangen kann.

Etwas problematisch sieht es heute mit Blick auf den Sicherheits-Baustein im Portfolio aus. Zuletzt haben sichere Anleihen Kursverluste erlitten und angesichts der derzeitigen Inflationserwartungen könnten Staatsanleihen – vor allem Langläufer – noch weiter Federn lassen. Hier sollte man gegebenenfalls über Inflationsschutzanleihen nachdenken. Aber auf keinen Fall würde ich mich ganz von sicheren Anleihen verabschieden, auch wenn die Performance künftig nicht gut sein dürfte angesichts der immer noch tiefen Renditen. Sichere Anleihen sind eine gute Diversifikation von Aktien-Risiken, sodass es hier nicht um die Rendite-Maximierung gehen sollte. Wer heute riskante Unternehmensanleihen kauft, der geht faktisch Aktienrisiken ein, und dann ist das Portfolio nicht länger diversifiziert.

 

Envestor: Morningstar gilt als ein Haus, das – im Sinne der Anleger – sehr auf die Produktkosten achtet. Dies wird häufig als ein reines Plädoyer für ETFs wahrgenommen. Ist das so oder täuscht dieser Eindruck?

Masarwah: Wir sind agnostisch, was die Wahl der Vehikel angeht. Das mag erstaunen, weil wir bekanntermaßen ständig die Vorteile von ETFs hervorheben. Aber wir mögen auch aktiv verwaltete Fonds – vorausgesetzt sie sind fair gepreist, also günstig für den Anleger. Und da liegt auch der Hase im Pfeffer: Wir mögen ETFs nicht deshalb, weil es Indexfonds sind, sondern weil sie billig und in der Regel gut diversifiziert sind. Sofern auch aktiv verwaltete Fonds diese Merkmale aufweisen, kommen sie auf jeden Fall als Alternative zu Indexfonds in Frage.

Auch wenn am Markt inzwischen der gegenteilige Eindruck entstanden ist: Aktive Fondsmanager können auch Werte schaffen durch ihr Handeln. Die Crux ist die: In Deutschland haben Anleger kaum die Chance, an günstige aktiv verwaltete Fonds heranzukommen. Das ist vor allem für Selbstentscheider höchst ärgerlich. Auch wenn sie keine Beratung brauchen und auch keine wahrnehmen, so bezahlen sie doch Beratungsgebühren, die in den Fondskosten enthalten sind. Es gibt aber keinen Grund, an eine Direktbank oder an eine Fondsplattform, die keinerlei Beratungsdienstleistungen erbringt, Retros zu berappen. Daher investieren solche Anleger immer stärker in ETFs, und das tun sie zurecht, denn ETFs sind fast die einzigen Investment-Vehikel, die Privatanlegern die Konditionen anbieten, die sonst nur institutionellen Großanlegern offenstehen. Daher begrüßen wir es, dass es inzwischen Plattformen wie Envestor oder Rentablo gibt, die Anleger, die keine Beratung wünschen, die Vertriebsgebühren größtenteils erstatten.

 

Envestor: Ihr Haus unterstützt Anleger bei der Fondsauswahl mit konkreten Ratings. Bei Envestor zeigen wir das Sterne-Rating und das Analyst-Rating an. Fangen wir mit dem Sterne-Rating an. Was sagt es aus?

Masarwah: Die Sterne-Ratings sind quantitative Ratings, die die Vergangenheits-Renditen ins Verhältnis zu den Abwärts-Risiken eines Fonds setzen – und zwar im Kontext vergleichbarer Fonds. Das Sterne-Rating wird innerhalb einer Kategorie vergeben. Dieses Rating ermöglicht es dem Anleger, die Gewinner der Vergangenheit auf einen Blick zu identifizieren. Es eignet sich am besten, um die Fonds im eigenen Portfolio zu überprüfen. Sie zeigen an, wie sich ein Fonds gegenüber der Konkurrenz geschlagen hat.

Das Rating zeigt auch, wie gut Indexfonds innerhalb einer Kategorie sich gegenüber aktiven Fonds geschlagen haben. Wenn Indexfonds Fünf-Sterne-Ratings haben, dann weiß der Investor, dass die aktiven Fonds in der Kategorie vermutlich keinen so guten Job gemacht haben. Wir empfehlen unser Sterne-Rating aber ausdrücklich nicht als Tool zur Auswahl eines konkreten Fonds. Wie gesagt, sind Sterne-Ratings zu sehr vergangenheits-orientiert. Zwar haben unsere Untersuchungen gezeigt, dass Fünf-Sterne-Fonds künftig bessere Erfolgsquoten haben als Ein-Sterne Fonds – auch weil sie seltener liquidiert werden, aber das ist nicht statistisch signifikant.

 

Envestor: Und dann kommt das Analyst-Rating ins Spiel?

Masarwah: Ganz richtig. Genau aus diesem Grund haben wir ein zweites Rating-System: das qualitative Morningstar Analyst Rating, das den Anspruch hat, die künftigen Gewinner zu identifizieren. Hier werden alle Aspekte gemessen, die für den Erfolg eines Fonds relevant sind: Die Qualität des Fondsmanagers, die Ressourcen, die ihm zur Verfügung stehen, inwiefern das Fondshaus im Sinne der Anleger handelt – ist es eher vertriebs- und marketing-orientiert oder legt es nur dort Fonds auf, wo es die nötige Kompetenz besitzt. Auch die Kosten spielen hier eine sehr wichtige Rolle. Leider sind viele Fonds, die wir für viel versprechend halten, so teuer, dass sie die Chance des Investors auf Outperformance minimieren – was dann ein Rating „Neutral“ oder sogar „Negative“ nach sich zieht.

 

Envestor: Eine abschließende Frage: Was ist aus Ihrer Sicht der größte Fehler, den ein Anleger bei einem Investment machen kann und wie wäre der Fehler zu vermeiden?

Masarwah: Anleger denken leider oft, dass sie durch Aktivität, also durch Portfolio-Umschichtungen, etwas in ihrem Sinne bewirken können. Das ist aber leider meistens ein Trugschluss, denn der Drang, auf ein Marktereignis zu reagieren, bringt oft schlechte Ergebnisse. Wer beispielsweise im März 2020 als Reaktion auf den Corona-Crash aus dem Markt ausgestiegen ist, hat aus theoretischen Verlusten reale gemacht. Wer dagegen nichts gemacht hat, konnte schon nach vier, fünf Monaten die gröbsten Verluste ausgleichen. Und wer nachgekauft hat, war der König. Anleger müssen sich vergegenwärtigen, dass sie Geschehenes nicht durch Aktionismus ungeschehen machen können. Wenn man ein Portfolio strategisch angelegt hat, es also so aufgestellt ist, dass es den Zielen des Anlegers entspricht, dann braucht man unterjährig nicht daran herumzuschrauben. Wenn man einmal im Jahr das Portfolio durch Rebalancing auf die Ausgangslage zurückführt, dann ist das in aller Regel genug Aktivität.

Envestor: Herr Masarwah, wir danken Ihnen ganz herzlich für das Gespräch!

 

Zitate

Was die Bewertungen anbelangt, muss man differenzieren. Es gibt natürlich sehr teure Unternehmen (…). Aber es gibt eben auch viele Marktsegmente, vor allem zyklische Branchen, die günstig bewertet sind.

Übertreibungen und Blasenbildungen sind Teil des Marktgeschehens. Die hat es immer gegeben und wird es auch in Zukunft immer geben.

Es gibt angesichts des Nullzins-Umfelds keine realistische Alternative zu Aktien, deshalb finde ich es grundsätzlich prima, dass immer mehr Anleger ins Risiko gehen.

 

Wir mögen ETFs nicht deshalb, weil es Indexfonds sind, sondern weil sie billig und in der Regel gut diversifiziert sind.

 

Anleger müssen sich vergegenwärtigen, dass sie Geschehenes nicht durch Aktionismus ungeschehen machen können.

Wenn man ein Portfolio strategisch angelegt hat, braucht man unterjährig nicht daran herumzuschrauben!

 

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