Die Russland-Krise zieht immer weitere Kreise. Inzwischen wurden alle Russlandfonds am deutschen Markt geschlossen. Und dabei ist es nicht geblieben. Auch andere Marktsegmente sind betroffen. Eine Übersicht über einen Kollateralschaden der russischen Aggression und  warum dieser Schaden länger anhalten könnte, als es Anlegern lieb ist.

Russlandfonds machen in großem Stil dicht

Fonds für russische Aktien sind in großem Umfang Anfang des Monats dicht gemacht worden. Auch Osteuropafonds, die einen hohen Russland-Anteil aufweisen, haben die Tore geschlossen. Vereinzelt könnten auch andere Fonds dichtmachen, die einen hohen Anteil russischer und / oder ukrainischer Wertpapiere aufweisen. (Auch die Börse in Kiew ist bis auf Weiteres geschlossen.)

Fondsanbieter haben die Ausgabe und die Rücknahme der Anteile dieser Fonds und ETFs ausgesetzt. Anleger können also nicht kaufen und, wichtiger natürlich in der heutigen Zeit, sie können ihre Fondsanteile auch nicht verkaufen. Der wichtigste Grund ist, dass die Börse in Moskau seit Montag dieser Woche geschlossen ist. Und wo nicht gehandelt wird, ist auch keine Preisfeststellung möglich.

Aber ganz so einfach ist es nicht. Fangen wir mit folgender Information an, die Fondsanbieter ihren Anlegern, so oder ähnlich, in diesen Tagen verschicken:

„Aufgrund der aktuellen politischen Lage und den dadurch verbundenen Unsicherheiten betreffend die Fungibilität der Moskauer Börse wird für die angeführten Fonds ab sofort die Preisberechnung und das Anteilscheingeschäft ausgesetzt. Die Wiederaufnahme des Anteilscheingeschäfts wird gesondert bekannt gegeben.“

Diese Nachricht ist für Investoren natürlich ein Ärgernis. Sie kommen nicht an ihr Geld heran. (Dass sie nicht in russische Aktienfonds investieren können, ist hingegen vermutlich keine schlechte Sache, wie wir bereits erläutert haben). Doch es kommt noch schlimmer für Investoren, deren Geld in solchen Fonds gefangen ist: Es ist mitnichten klar, wann die Fonds wieder geöffnet werden. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Wiederöffnung von Russlandfonds hängt nicht nur an der Börse Moskau

Die Wiedereröffnung der Fonds hängt nicht nur an der Frage, wann die Börse in Moskau wieder öffnen wird. Denn inzwischen greifen die Sanktionen der internationalen Staatengemeinschaft. Russland ist der Paria der Welt, und die Finanzinstitutionen des Westens haben mehr oder weniger umfassend die Verbindungen zu Russland gekappt. Dazu gehört, dass die Abwicklungsplattformen Clearstream und Euroclear keine Aufträge in Rubel denominierte Aktien und Anleihen mehr durchführen. Die Verbindungen der Plattformen zu ihren russischen Korrespondenzbanken wurden gekappt. Russland wiederum hat Anlegern den Verkauf russischer Wertpapiere verboten. Auch die Konvertierung von Rubel zu Hartwährungen ist verboten.

Folglich haben die meisten Marktplätze den Handel mit Zertifikaten auf russische Aktien ebenfalls ausgesetzt. Weil russische Aktien nur in Russland gehandelt werden können, erhalten Anleger einen Zugang über sogenannte europäische (GDR) bzw. US-amerikanische (ADR) Verbriefungsurkunden. Diesen Urkunden liegen die Aktien der jeweiligen Unternehmen zugrunde. Die Deutsche Börse machte am gestrigen Dienstag den Anfang und setzte den Handel mit allen russischen Aktien, Anleihen und Zertifikaten aus. Die meisten anderen Handelsplätze, etwa die Regionalbörsen und die außerbörslichen Handelsplattformen, haben inzwischen nachgezogen.

Nur in London und in New York werden bis auf Weiteres noch GDR und ADR gehandelt. Auch der Handel mit ETFs ist dort – im Gegensatz zur Eurozone – weiter möglich. Die meisten Fondsgesellschaften in Europa sehen die Wiederaufnahme des Handels mehr als „theoretische Möglichkeit denn als reale Option“ an, wie uns der Sprecher einer Fondsgesellschaft sagte. Der Hintergrund: Einmal ist die Liquidität begrenzt, und der Absturz russischer Zertifikate so total, dass sie diese Marktplätze offenbar nicht als realistische Möglichkeit einer Preisfindung („price discovery“) ansehen. Angesichts dieser verwirrenden Lagen von Sanktionen, Gegensanktionen und kriegsbedingten Handelsunterbrechnungen verwundert es nicht, dass die Fondsanbieter hierzulande erst einmal alles auf Eis legen.

Die Sanktionen schieben Russlandfonds einen nachhaltigen Riegel vor

Selbst wenn die Börse Moskau wiedereröffnet, ist es längst nicht ausgemachte Sache, dass dann russische und osteuropäische Fonds mit hohem Russland-Anteil zügig wiedereröffnen. Derzeit meiden Broker und Fondsmanager russische Aktien, weil die Märkte nicht nur gestört sind, sondern weil ihnen durch die Sanktionen zudem ein Riegel vorgeschoben wurde.

Das erklärt übrigens auch, warum der Handel mit ETFs auf russische Aktien ebenfalls ausgefallen ist. Theoretisch wäre nämlich der Handel mit ETFs durchaus möglich, da bei einem Match zwischen Angebot und Nachfrage kein Handel mit den zugrunde liegenden Aktien nötig wäre, da der „Aktien-Korb“ ETF dann keinen Creation-Redemption-Prozess durchlaufen müsste. Und so bleiben auch ETFs wie die MSCI Russia-Tracker von HSBC iShares, Lyxor oder Xtrackers als totes Kapital in den Anlegerdepots liegen.

Wie tot das Kapital ist, wird sich zeigen. Derzeit werden die russischen Aktien-Zertifikate, die an der Börse London noch gehandelt werden, regelrecht pulverisiert. So ist der Kurs des Sberbank ADRs in London von 21 Dollar im Herbst 2021 auf zwischenzeitlich einen Cent (sic) pulverisiert worden. Der aktuelle Kurs beläuft sich auf vier Cent, wobei angesichts horrender Geld-Brief-Spannen nicht klar ist, ob derzeit tatsächlich ein ordnungsgemäßer Handel zustande kommt.

Insofern unterscheidet sich die Situation russischer Fonds fundamental von historischen Präzedenzfällen, etwa bei offenen Immobilienfonds. Auch hier wurden im Zuge einer Liquiditätskrise während der Eurokrise reihenweise Fonds geschlossen. Allerdings hatten Anleger immer auch die Möglichkeit, an den regionalen Fondsbörsen – wenn auch zu horrenden Abschlägen – ihre Stücke loszuschlagen. So frustrierend es auch für Russlandfonds-Anleger sein mag, es bleibt ihnen derzeit nur eine Option: Abwarten und Tee trinken.

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