Russlands Armee ist in der Ukraine eingefallen, der russische Präsident hat seine Nuklearstreitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt, und der Westen zeigt sich kämpferisch. Der Konflikt eskaliert. Entsprechend nervös reagieren die Märkte, die seit Donnerstag vergangener Woche Verluste verzeichnet haben. Russische Aktien sind schier ins Bodenlose gefallen. Wir beantworten zehn Fragen, die uns Anleger in den vergangenen 20 Jahren immer wieder bei Kapitalmarktkrisen gestellt haben.

1)  Märkte im Krieg, in Europa wird geschossen. Muss ich jetzt Aktien verkaufen?

Wir meinen: nein. Die Aktienmärkte haben zwar seit Donnerstag vergangener Woche, als die russische Armee ihren Angriff begann, nachgegeben. Aber man muss die Politik jetzt im Blick behalten. Wir bewerten die bisher getroffenen Maßnahmen seitens der internationalen Staatengemeinschaft gegenüber Russland als positiv, weil sie einer eklatanten Aggression die Stirn bieten. Russland wird für seinen Angriffskrieg bestraft, und es wurden klare rote Linien gezogen. Entsprechend waren die Verluste am heutigen Montag recht gering. Der Nikkei hat sogar im Plus geschlossen, und bei DAX lagen die Tagesverluste heute bei gerade einmal zwei Prozent. Das soll nicht heißen, dass die Krise bald beendet ist. Es ist gut möglich, dass es noch sehr ruppig an den Märkten zugehen wird. Aber schwierige Märkte gehören nun mal zum Geschäft. Anleger mit einem vernünftig diversifizierten Portfolio und ausreichend langem Anlagehorizont sollten investiert bleiben und sogar über Zukäufe nachdenken. Das mag für viele schwer vorstellbar sein; viele Anleger kennen nur steigende Kurse. Gerade Growth-Fans sollten überprüfen, ob ihr Portfolio als Ganzes richtig aufgestellt ist und es gegebenenfalls auf breitere Füße stellen. Aber das gilt unabhängig von der aktuellen Lage in der Ukraine.

2) Soll ich jetzt erst mal meine Sparpläne stoppen?

Auf keinen Fall! Fallen die Kurse, kaufen Sie die Fondsanteile zu einem günstigeren Preis. Selbst wenn der Aktienmarkt weiter fällt, ist das für Sparpläne, die noch nicht lange laufen, positiv. Anlegerinnen und Anleger bekommen jetzt für den Betrag, den sie monatlich investieren, mehr Fondsanteile. Gegebenenfalls sollten Sie die monatliche Sparrate sogar erhöhen. Das zahlt sich langfristig aus.

3)  Soll ich jetzt in Gold investieren?

Gold ist eine gute Absicherung von Aktiendepots in Krisenzeiten. Das haben unsere Analysen sehr deutlich gezeigt . Wer über die nächsten Jahre diese Absicherung in seinem Depot haben möchte, kann diese Position auch jetzt aufbauen. Unter kurzfristigen Gesichtspunkten hingegen, also auf Sicht von wenigen Wochen oder Monaten, kann es aber riskant sein, diese „Wette“ einzugehen. Es gibt zu viele Faktoren, die den Goldpreis kurzfristig – auch negativ – beeinflussen können. Ein Beispiel: Die russische Zentralbank sitzt auf einem enormen Goldvorrat. Sollte Russland Gold in größerem Umfang auf den Markt werfen, um Liquiditätsengpässe auszugleichen, wird sich dies negativ auf den Goldpreis auswirken.

4) Und was ist mit Rohstoffen?

Auch Rohstoffe sind aus Diversifikationsgesichtspunkten eine gute Wahl, wenn sie auch in den vergangenen Krisen Aktienrisiken nicht ganz so gut wie Edelmetalle ausgleichen konnten. Dazu muss man wissen, dass sie im Gegensatz zu Gold kein Katastrophen-Hedge sind. Breit aufgestellte Rohstoff-Körbe werden von Energie und Industriemetallen dominiert. Der Wert dieser Rohstoffe hängt am Konjunkturzyklus. In der heutigen Situation trifft auf das Angebot eine hohe Nachfrage. Daher entwickeln sich Rohstoffe u.a. wie Öl, Gas, Benzin, Kupfer, Zink derzeit sehr gut. Das sieht in einer Rezession ganz anders aus. Wer heute einsteigen will, muss sich bewusst sein, dass Rohstoffe in den vergangenen Monaten schon in Erwartung steigender Zinsen gestiegen sind. Angesichts der hohen Volatilität von Rohstoff-Investments sollte man die Verlustrisiken beachten und auch kurzfristig keine Wunder erwarten.

5) Wie hat sich eigentlich der Bitcoin in den letzten Tagen entwickelt?

Der Bitcoin verlor in der letzten Woche knapp zwei Prozent, in diesem Jahr sogar rund 20 Prozent (Stand: 12 Uhr MEZ, 28.2.2022). Damit unterscheidet sich die Wertentwicklung nicht von anderen riskanten Assets. Die Aufgabe als „Krisenwährung“ hat der Bitcoin offensichtlich nicht erfüllt. Für uns bleiben Bitcoin und Co. reine Spekulationsobjekte. Das ist Gold zwar auch, aber Bitcoin muss noch den Beweis antreten, dass er mehr ist als ein Nebeneffekt der Politik des billigen Geldes, der zusammenfällt wie ein Soufflé, wenn sich Bedingungen am Kapitalmarkt verändern.

6) Welche Fonds und ETFs retten meine Performance, wenn Märkte im Krieg sind?

Tatsächlich waren es die beiden oben schon besprochenen Anlageklassen, die bisher am besten über die Krise kamen. Auch Anleger, die in Fonds für Rohstoff-, bzw. Goldförder-Aktien investiert haben, können sich im laufenden Jahr über eine positive Wertentwicklung freuen. Bundesanleihen waren einmal mehr der sichere Hafen für Anleger in Krisenzeiten. Auch wenn ein Investment auf lange Sicht beim aktuellen Zinsniveau unattraktiv erscheint, als Hedge des Aktienanteils des Depots haben Bunds einmal mehr ihre Schuldigkeit getan. Langweilige Rentenfonds oder sehr defensiv aufgestellte Mischfonds können Ruhe also ins Depot bringen. Wobei defensive Mischfonds aus unserer Sicht zumindest die Chance haben, in einem normalen Marktumfeld durch aktives Management eine positive Wertentwicklung zu erzielen. Das wird bei langlaufenden, Benchmark-orientierten Rentenfonds oder Anleihen-ETFs, die nur in Papiere mit bester Bonität investieren, eher schwierig.

7) Was ist das Schlimmste auf was ich mich einstellen muss?

Nicht jede Korrektur an den Märkten ist so schnell wieder aufgeholt wie die Corona-Krise. Anleger, die in Aktien investieren, sollten einen mindestens zehnjährigen Anlagehorizont mitbringen. So unpopulär diese Aussage im Kontext der jahrelang steigenden Aktienmärkte auch war – sie hat nichts an Relevanz eingebüßt. Die Älteren unter uns haben zwei große Finanzkrisen miterlebt. Verluste zwischen 50 und 60 Prozent und mehr kamen 2000 bis 2003 bzw. 2007 bis 2009 zusammen. Es dauerte Jahre, bis die Verluste wieder aufgeholt waren. Während der Finanzkrise erreichte der MSCI World sein letztes Hoch Ende November 2007. Das Kurstal war im März 2009 erreicht. Sein Vorkrisen-Niveau erreichte der MSCI World erst wieder im Juli 2013, also knapp sechs Jahre später.  Noch schlimmer sah es beim NASDAQ 100 aus. Er konnte den Stand vom April 2000 erst wieder im August 2014 erreichen. Das sind mehr als 14 Jahre! Das soll nicht heißen, dass wir mit dem Schlimmsten rechnen. Aber jeder Anleger sollte generell nur so viele Aktien im Depot haben, dass er nachts ruhig schlafen kann. Und das Schöne an Fonds und ETFs ist, dass man mit diesen Instrumenten jedes gewünschte Risikoprofil abdecken kann.

8) Bieten sich jetzt Einstiegschancen bei russischen Aktien?

Das ist sehr zweifelhaft. Dass die klassischen Kennzahlen wie Kurs-Gewinn-, Kurs-Buchwert-Verhältnisse eine immense Unterbewertung andeuten, basiert darauf, dass die Zähler (die Kurse) massiv eingebrochen sind, der Nenner (Jahresgewinn) vorerst nicht. Sberbank hat etwa am ersten Tag der Russland-Sanktionen, am 28. Februar, in London einen Tagesverlust von zeitweilig 70 Prozent erlitten. Wer an diesem Punkt einsteigt, wettet darauf, dass die internationalen Sanktionen gegen Russland zeitnah aufgehoben werden. Das erscheint unrealistisch. Vielmehr sehen wir heute erst den Anfang von umfassenden Sanktionen des Westens gegen die russische Wirtschaft. Zumal nicht ausgeschlossen ist, dass der russische Staat gegen ausländische Aktionäre bei einer weiteren Konflikt-Eskalation vorgehen wird. Wie riskant ein Russland-Investment ist, zeigt auch das hohe Insolvenzrisiko russischer Anleihen. Kreditausfallversicherungen (CDS) sind am Montag, 28. Februar, auf 37 Prozent geschossen. Von unter zehn Prozent am Freitag zuvor. Das bedeutet, dass Anleger, die für 100 Millionen Euro russische Bonds kaufen wollen und sich gegen eine Insolvenz Russlands schützen wollen, eine Versicherungsprämie von 37 Millionen berappen müssten. Kein rationaler Anleger sollte sich solchen Risiken aussetzen.

9) ETFs oder aktive Fonds, wer schützt mein Geld besser?

Die Frage ist schwer zu beantworten, weil sie verschiedene Aspekte umfasst. Zunächst die philosophische Seite: Fonds, die auf dem Kapitalmarkt aktiv sind, haben den Auftrag, in unterschiedlichem Maße, gezielt Risiken einzugehen. In Phasen, in denen Risikoprämien steigen, werden Risiko-Fonds und Risiko-ETFs gleichermaßen leiden. Wer also einen riskanten Branchen- oder Themen-Fonds hält, wird, je nach Ausrichtung, mutmaßlich ebenso hohe Verluste erleiden wir ein vergleichbarer ETF. Kommen wir zur praktischen Seite. Da viele aktive Fonds zu viel handeln, werden sie im Schnitt wegen Handels- und Opportunitätskosten im Durchschnitt schlechter abschneiden als vergleichbare ETFs. Insofern sollten Anleger in aktiven Aktienfonds sichergehen, dass der Fondsmanager das macht, wofür er mandatiert wurde: in Aktien investieren und nicht zu viel Cash vorhalten. Da Aktien langfristig steigen und keiner weiß, wann die Märkte crashen und wann sie haussieren, sollten Anleger auf Aktienfonds setzen, die stets voll investiert sind und von erfahrenen Fondsmanagern verantwortet werden. Dann befinden sie sich auf einem Level playing field mit ETFs. Allerdings ist zu beachten, dass ETFs in manchen Märkten zwar Vorteile, in anderen aber durchaus Nachteile haben. Apropos Schutz: Wer keine Verlust ertragen kann, darf nicht in Risikopapiere investieren. Wer sein Geld zum Nominalwert schützen will, muss in Cash investieren. Allerdings drohen dann reale Verluste infolge der schleichenden Inflation.

10) Was glauben Sie, wie es an den Märkten in diesem Krieg weitergeht?

Keiner weiß, was passieren wird, Glaubensfragen sollten in der Kirche geklärt werden. Allerdings zeigen Erfahrungswerte, dass Kriege und schwerwiegende politische Konflikte kurzfristig Aktienkurse unter Druck setzen, langfristig aber weniger dramatische Folgen haben als schwerwiegende Rezessionen. Die Finanzkrise und das Platzen der Tech-Bubble haben Verluste von bis zu 90 Prozent in manchen Märkten verursacht. Derartige Verluste auszugleichen, kann Jahrzehnte dauern (siehe oben). Der Irak-Krieg 1990/91 hat dagegen in der Spitze bei japanischen Aktien Verluste von über 30 Prozent verursacht, an den meisten anderen Märkten war das Minus indes weitaus geringer. Bis Ende 1993 waren die meisten Verluste egalisiert. Allerdings könnte diese Krise tiefgreifender sein, wenn sie in einer Rezession einmündet, was den Druck auf die Märkte noch einmal erhöhen würde. Kommt es nicht zu einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Russland und dem Westen, dann sollten die Verluste an den Märkte überschaubar bleiben, da Russland ökonomisch eine kleinere Mittelmacht ist, die darauf angewiesen ist, dass man ihr Rohstoffe abkauft. Insofern sollten sich Anleger von russischen Aktien fernhalten, aber sonst nicht in Panik verfallen und Aktien auf keinen Fall aus Nervosität ohne guten Grund verkaufen. Im Gegenteil: Langfristige Anleger sollten die niedrigen Kurse zum Einstieg in Aktien aus den Industrieländern nutzen.

 

 

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