Die Riester-Rente hat über 20 Jahre lang viele Sparer trotz staatlicher Förderung versagt. Garantien bremsen die Rendite und hohe Kosten haben die Förderung aufgezehrt. Mit dem Altersvorsorgedepot kommt 2027 nun eine neue staatlich geförderte Altersvorsorge. Wir schauen kritisch hin: Wurden die Schwächen von Riester ausreichend adressiert? Und welchen Platz sollte es künftig in einer durchdachten Altersvorsorge einnehmen?
Garantiepflicht frisst Riesters Rente
Die Beitragsgarantie war das Herzstück der Riester-Rente – und ihr schwerster Geburtsfehler. Wer garantiert, dass am Ende der Ansparphase mindestens das eingezahlte Kapital herauskommen wird, muss einen erheblichen Teil der Beiträge in sichere, renditeschwache Anlagen parken. In der Niedrigzinsphase bedeutete das: fast alles in Niedrigzins-Anleihen, kaum Aktien und im Ergebnis keine Rendite.
Selbst wer tapfer gespart hat, kommt in der Auszahlphase laut Bundesfinanzministerium im Schnitt auf weniger als 150 Euro Monatsrente.
Das neue Altersvorsorgedepot (AV-Depot) streicht den Garantiezwang – der wichtigste Schritt dieser Reform.
- Wer 100% Aktienquote will, kann sie haben.
- Wer dagegen Sicherheit will, wählt weiterhin zwischen einer 80%- oder 100%-Kapitalgarantie. Auch diese Anleger zahlen dafür wieder den Renditepreis, aber dieses Mal aus eigenen Stücken.
Kein anderes Reformelement könnte mehr bewirken: Wer mit einem breit diversifizierten Aktien-Fonds oder ETF über 30 Jahre spart, blickt historisch auf eine Rendite von durchschnittlich 7–10% pro Jahr zurück. Klassische Riester-Verträge mit Garantie kamen auf rund 2%. Diese Differenz hat über Jahrzehnte enorme Vermögen vernichtet, wie unser Artikel zu Lebensversicherungen zeigt, in dem wir den Mechanismus für kapitalbildende Versicherungen durchrechnen.
Was der Staat zahlt – für wen es sich rechnet
Die Förderung des Altersvorsorgedepots ist der Riester-Förderung deutlich überlegen;
- Für Eigenbeiträge bis zu 360 Euro jährlich zahlt der Staat 50 Cent pro eingezahltem Euro – eine Förderquote von 50%.
- Für Beiträge zwischen 360 und 1.800 Euro sinkt die Förderung auf 25 Cent pro Euro.
Wer also 1.800 Euro pro Jahr einzahlt – 150 Euro monatlich – erhält die maximale Grundzulage von 540 Euro, eine Verdreifachung gegenüber der bisherigen Riester-Zulage von 175 Euro.
Für Familien ist das Modell besonders attraktiv. Laut Bundesfinanzministerium erhält ein zulageberechtigter Elternteil für jedes Kind bis zu einem Eigenbeitrag von 300 Euro eine Kinderzulage von 1 Euro pro gesparten Euro – also 100% Matching bis zu dieser Grenze. Und es gibt ein Sahnehäubchen für jüngere Anleger: Wer unter 25 mit dem Altersvorsorgedepot startet, bekommt einen einmaligen Berufseinsteigerbonus von 200 Euro. Besonders wichtig ist die Lücke, die das AV-Depot schließt: Der Kreis der Empfänger wird ausgeweitet. Die rund 3,6 Millionen Selbstständigen sind nun auch förderberechtigt. Ihnen stand bisher nur eine geförderte Vorsorgeform zur Verfügung: die Rürup-Rente. Doch auch die hat sich als völliger Ladenhüter entpuppt.
Die Förderung beim neuen AV-Depot lohnt sich vor allem für Geringverdiener, Familien mit mehreren Kindern und Berufseinsteiger – das zeigt auch unsere Förderübersicht zum Altersvorsorgedepot. Das ändert sich mit steigendem Einkommen. Für Gutverdiener entscheidet die Günstigerprüfung durch das Finanzamt, ob Sonderausgabenabzug oder Zulage greifen. Anleger müssen mit spitzem Bleistift rechnen. Bei sehr hohen Grenzsteuersätzen in der Auszahlphase kann ein ungefördertes Fondsdepot mit Abgeltungssteuer am Ende attraktiver abschneiden. Wer im Ruhestand ins außereuropäische Ausland zieht, muss außerdem die Förderung zurückzahlen. Für Spitzenverdiener, die vielleicht 5,000 oder 10.000 im Monat sparen können, ist der maximal förderfähige Betrag von 570 Euro im Monat ohnehin nicht sonderlich relevant.
Die Kosten sind entscheidend
Laut Altersvorsorgereformgesetz muss jeder Anbieter eines AV-Depot mindestens ein sogenanntes Standardprodukt mit maximal 1% Effektivkosten bereitstellen. Gemessen an der Riester-Rente ist dies ein Fortschritt: Die BaFin hat errechnet, dass die Durchschnittskosten fondsgebundener Riester-Produkte bei 1,9% lagen, die Kosten einzelner Versicherungstarife überstiegen sogar die 4%-Marke. Damit war Riester nichts anderes als ein Geschenk an die Versicherungsbranche und ihrer Annex-Vertriebe.
Aber auch 1% Kosten sind keine Bagatelle. Bei einer Laufzeit von 40 Jahren und 6% jährlicher Bruttorendite werden noch rund ein Drittel der gesamten Kapitalmarkterträge durch 1% Kosten aufgezehrt. Bei guten Produkten und guter Beratung fahren Anleger damit dennoch gut.
Das Problem bei Riester war, dass die hohe Kosten auf renditeschwache Produkte trafen. Bei Geldanlagen gilt wie in vielen anderen Bereichen: Nicht der niedrigste Preis entscheidet über den Erfolg, sondern die Qualität der Lösung. Ein gut konstruiertes Portfolio kann deutlich wertvoller sein als ein günstiges Standardprodukt von der Stange.
Der Kostendeckel von 1% gilt nur für Standardprodukte. Für individuell gestaltete Depots und Garantieprodukte können höhere Kosten anfallen – und Versicherungsmäntel mit Garantie werden deutlich oberhalb von 1% Kosten angesiedelt sein. Wer ein Nicht-Standardprodukt kauft, sollte genau hinschauen, was die Mehrkosten rechtfertigt.
Offene Auswahl schlägt Hausmarke
Die meisten Anbieter werden beim Altersvorsorgedepot ihr eigenes Produktuniversum in den Vordergrund stellen — nicht weil das Gesetz es vorschreibt, sondern weil es in der Natur des Eigenvertriebs liegt.
Wer zur Volksbank geht, bekommt Fonds von Union Investment.
Wer zur Sparkasse geht, bekommt Deka-Fonds.
So verbleibt die gesamte Marge beim jeweiligen Finanzkonzern.
Der Preis dieser Einschränkung ist für den Anleger messbar: Der Unterschied zwischen dem besten und einem durchschnittlichen globalen Aktienfonds beträgt über 20 Jahre mindestens 1–2 Prozentpunkte jährliche Rendite – bei einem Endkapital von 100.000 Euro macht das bis zu 50.000 Euro aus. Wer also nur aus dem Universum eines Anbieters wählen kann, verschenkt bares Geld.
Ein wirklich offenes Depot erlaubt, aus jeder Anlageklasse den jeweils besten und günstigsten Fonds zu wählen — unabhängig vom Anbieter. Bei envestor ist dieses Modell für Beratungskunden bereits Standard — wir arbeiten jetzt daran, eine Lösung für Anleger zu ermöglichen, die auch im AV-Depot nur die besten Fonds sehen möchten. So kann aus einer guten Lösung eine sehr gute Lösung werden. Wer zeitnah informiert werden möchte, kann sich hier vormerken lassen.
Viele Spezialitätenfonds bleiben außen vor
Ein Manko hat der Gesetzgeber eingebaut: Das Gesetz lässt nur Fonds bis Risikoklasse 5 nach dem EU-Risikoindikator SRI zu – Risikoklasse 6 und 7 sind ausgeschlossen. Für die meisten Standard-ETFs auf den MSCI World ist das aktuell kein Problem, sie fallen in Klasse 4 oder 5. Aber wer einem langfristigen Altersvorsorgeportfolio mit einem Schwellenländerfonds oder einer renditestarken Nischenstrategie in Klasse 6 die entscheidende Beimischung geben wollte, darf das im AVD nicht. Ob das sinnvoll ist, darf bezweifelt werden: Bei einem Anlagehorizont von 30 oder 40 Jahren ist eine höhere kurzfristige Volatilität kein Risiko, sondern eine Renditequelle. Eine Fußnote ist auch der Hinweis wert, dass bei steigender Marktvolatilität auch Produkte der Kategorie 5, im Extremfall auch Produkte der Klasse 4, in die SRI-Klasse 6 “kippen” können. Dann könnte das AV-Depot mutmaßlich zur Unzeit prozyklisch umgeschichtet werden.Umso wichtiger ist es also, mit den Möglichkeiten effizient zu haushalten und das Maximum an Flexibilität, dass das AVD bietet, auszunutzen.
Was tun mit dem alten Riester?
Anleger, die aktuell noch einen Riester-Vertrag besparen, stehen jetzt vor einer Entscheidung — lohnt sich der Wechsel in das neue Altersvorsorgedepot ab 2027? Die richtige Antwort hängt vom Riester-Typ und von persönlichen Rahmenbedingungen und Zielen ab – und von der verbleibenden Zeit in der Ansparphase. Riester gab es in drei relevanten Varianten:
- Als klassischen Versicherungsvertrag mit Garantiezins und teurem Versicherungsmantel.
- Als Fondssparplan ohne Versicherungsmantel, und
- Als Banksparplan, der allerdings heute kaum noch eine Rolle spielt.
Immobilienkäufer konnten ihren (Wohn-) Riester teilweise liquidieren und zur Finanzierung des selbstgenutzten Eigenheims einsetzen. Diesen Fall lassen wir in unserer Betrachtung außen vor (die Möglichkeit soll es auch bei AV-Depot geben – auch hier lassen wir sie außen vor.
Ältere Fondssparplan-Riester-Verträge mit hohen historischen Aktienquoten aus der Frühphase nach 2002 können, wie mein Kollege Ali Masarwah in seiner Riester-Analyse zeigt, trotz gesetzlich vorgeschriebener Garantie noch ordentliche Renditechancen bieten — vor allem wenn die Kosten niedrig sind und die Restlaufzeit lang ist.
Bei den meisten Versicherungs-Riestern ist die Rechnung dagegen eindeutig. Wer diese bespart, zahlt hohe Kosten und die Renditechancen sind zusätzlich durch den Garantiedeckel begrenzt. Genau diese will der Gesetzgeber mit dem neuen System abschaffen. Ein Wechsel in das neue Altersvorsorgedepot ab 2027 dürfte für die allermeisten Anleger die klügere Entscheidung sein. Weg von der Garantie, weg von den hohen Kosten, hin zu einem Produkt, das den Kapitalmarkt arbeiten lässt. Zumal auch bei Riester das Prinzip der nachgelagerten Besteuerung gilt und steuerlich kein Vorteil gegenüber dem AV-Depot besteht. Bei einem Wechsel bleiben die eingezahlten Beiträge und die bereits erhaltene Förderung erhalten. Nach den aktuellen Plänen soll ein Anbieterwechsel beziehungsweise Produktwechsel nach einer Riester-Laufzeit von fünf Jahren kostenlos sein. Innerhalb der ersten fünf Jahre nach Abschluss eines Alt-Riestervertrags könnten dagegen noch Wechselgebühren anfallen — gedeckelt auf maximal 150 Euro. Anleger sollten allerdings immer ihre Entscheidung gut abwägen und im Zweifel einen Berater hinzuziehen. Wir werden uns mit dem Thema noch ausführlich befassen.
Fazit: Die Fondsauswahl entscheidet
Das Altersvorsorgedepot ist kein Wundermittel — aber es kann vor allem für Familien mit Kindern gute Ergebnisse erzielen.
Wer als Familie mit zwei Kindern monatlich 150 Euro spart – 1.800 Euro im Jahr – erhält dazu bis zu 540 Euro Grundzulage plus 600 Euro Kinderzulagen, insgesamt also 1.140 Euro an staatlichem Zuschuss. Das entspricht einem sofortigen Renditeaufschlag von 63% auf den Eigenbeitrag, der bereits im ersten Jahr wirkt. Kombiniert mit 100% Aktienquote und einem Kostendeckel von 1% ist das ein ernstzunehmendes Lösungsmodell für Altersvorsorge.
Die Steuerlogik benachteiligt allerdings Gutverdiener mit hohem Steuersatz im Rentenalter: Keine Abgeltungssteuer in der Ansparphase klingt gut, aber die volle Einkommensteuer auf Auszahlungen frisst den Vorteil weitgehend auf. Wer zudem plant, den Ruhestand im Ausland zu verbringen, muss die Förderung bei Wegzug aus der EU zurückzahlen — ein Punkt, den die wenigsten auf dem Schirm haben.
Wer mehr als 6.840 Euro im Jahr für die Altersvorsorge zurücklegen kann, sollte das Altersvorsorgedepot als geförderten Sockel betrachten — und den Rest in ein freies Depot ohne Produktbeschränkung und ohne nachgelagerte Besteuerung investieren. Für viele vermögende Anleger werden die Beiträge, die beim AV-Depot investiert werden können, keinen bemerkbaren Unterschied in der Vermögensbildung machen.
Neben niedrigen Kosten und einer breiten Diversifikation ist die freie Produktauswahl ein wichtiger Hebel für die Rendite: Die Produktauswahl wird bei den meisten Anbietern begrenzt sein, aber es sollen nach aktuellem Stand auch offene Lösungen angeboten werden. Für den Anleger wäre eine offene Lösung mit dem Zugang zu den besten Fonds am Markt die beste Lösung, sofern die Kosten stimmen.
Es wird ab 2027 mutmaßlich viele Standardprodukte von der Stange geben. Aber auch das prinzipiell gut konzipierte Altersvorsorgedepot wird mit der falschen Produktwahl schlechte Ergebnisse liefern. Spiegelbildlich kann durch eine Auswahl der besten Fonds und ETFs beim Altersvorsorgedepot aus einer guten Lösung eine sehr gute Lösung werden. Eine unabhängige Beratung ist also kein unnötiger Luxus, sondern der entscheidende Hebel für eine gute Rendite.
Wir arbeiten jetzt daran, eine Lösung für Anleger zu ermöglichen, die auch im Altersvorsorgedepot nur die besten Fonds haben wollen. Wer zeitnah informiert werden möchte, kann sich hier vormerken lassen.
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