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Kapitalrente: Was gibt die deutsche Schwedenrente her?

Die unabhängige Rentenkommission hat ihre Empfehlungen zur gesetzlichen Rente vorgelegt, und diese enthalten einen Kracher: eine verpflichtende Kapitalrente nach schwedischem Vorbild. Für die Kapitalrente stand die Schwedenrente Pate. Das schwedische System gilt als Erfolgsmodell. Aber wie gut ist die Kopie, hinter der die größte Strukturreform der gesetzlichen Rente seit Adenauer steht?

Hinweis: In der ersten Fassung des Beitrags konnte der Eindruck entstehen, dass die Kapitalrente, die als Teil der ersten Säule der Altersversorgung fungieren wird, ausschließlich von einem öffentlich-rechtlichen Vermögensverwalter gemanagt wird. Im Zuge einer Opting-Out-Lösung können sich tatsächlich jedoch auch private Anbieter in Stellung bringen und sich um Vermögensverwaltungs-Mandate auf Fondsbasis bewerben. Wir bedauern die Ungenauigkeit.

Rentenkommission: 33 Empfehlungen

Die Kapitalrente steht nicht allein. Sie ist Teil eines Pakets aus 33 Empfehlungen, das Kanzler Merz und Sozialministerin Bas vollständig umsetzen wollen, mit ersten Gesetzen noch in diesem Jahr.

Das Paket bündelt die bekannten Maßnahmen, um das Umlagesystem zu stabilisieren: längeres Arbeiten, weniger Frührente, ein wieder schärferer Nachhaltigkeitsfaktor ab 2031. Minijober sollen in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, neue Selbstständige verpflichtend ab einem Stichtag. Da die Kapitalrente erst nach Jahrzehnten die volle Wirkung entfaltet, soll ein Übergangsfaktor die ersten Rentnerjahrgänge ab 2032 absichern: Wer noch kaum Kapital ansparen konnte, bekommt einen Zuschlag aus Bundesmitteln – schrittweise abgebaut, wenn die Kapitalrente das Niveau selbst trägt. Länger arbeiten, mehr einzahlen, aus der Umlage relativ weniger bekommen – die Differenz soll der Kapitalmarkt schließen.

Der Kracher im Paket: Zwei zusätzliche Prozent des Bruttolohns sollen künftig nicht umgelegt, sondern verpflichtend am Kapitalmarkt angelegt werden, je zur Hälfte von Arbeitnehmer und Arbeitgeber getragen. Eingeführt würde dieser Zusatzbeitrag stufenweise ab 2028 in Schritten von 0,5 Prozentpunkten, bis 2031 die vollen zwei Prozent erreicht sind. Das Geld fließt den Plänen zufolge auf individuelle Kapitalkonten, verwaltet aber nicht vom Sparer, sondern von einer staatlichen Institution, die eine entsprechende Fondslösung auflegen wird. Als potenziellen Verwalter nennt der Bericht ausdrücklich den Kenfo, den Fonds, der die Rückstellungen für die Entsorgung des deutschen Atommülls anlegt und bereits als heißer Kandidat für die Aktien-Rente, das Projekt des Lindner-Ministeriums 2024, galt.

Für diese Aufgabe gibt es ein erprobtes Vorbild: die sogenannte Schwedenrente. Die neue Kapitalrente soll der Rentenkommission zufolge auch eine Alternative zur staatlichen Lösung möglich machen – offenbar aber in nur begrenztem Maße. Auch hier stand Schweden Pate: Wer nicht im staatlichen Standardfonds landen will, kann aus einer „möglichst begrenzten Anzahl zertifizierter Anlagefonds“ wählen. Die Rahmenbedingungen und die Vorgaben für die Zertifizierung privatwirtschaftlicher Alternativen stehen noch nicht fest.

Das schwedische Original und die deutsche Kopie

Schauen wir uns das schwedische Original etwas genauer an. In Schweden landen 2,5 Prozentpunkte des Beitrags zur gesetzlichen Rente am Kapitalmarkt. Jeder Schwede kann seine Beiträge in einen von rund 400 geprüften privaten Fonds lenken und jederzeit wechseln. Wer nicht aktiv wählt, landet automatisch im staatlichen AP7 Såfa, dem günstigen Standardfonds für alle, die sich nicht um ihre Altersvorsorge kümmern wollen. Aktuellen Daten zufolge lassen gut 70 Prozent der Beschäftigen in Schweden ihre Kapitalrente vom schwedischen Staatsfonds managen; knapp 30 Prozent haben für eine private Alternative optiert. Allerdings gingen nach der letzten Statistik 2025 knapp 50 Prozent der Zuflüsse in die schwedische Kapitalrente in private Fonds.

Der schwedische Standardfonds ist ein breit aufgestelltes Aktienprodukt und mit Kosten von rund 0,05% im Jahr extrem günstig; über die vergangenen 25 Jahre erzielte er für alle Sparer als Gruppe im kapitalgewichteten Durchschnitt etwa 11% pro Jahr – jüngere Sparer mit höherer Aktienquote mehr, ältere weniger. Ab Alter 55 werden nach und nach Gelder vom AP7 Aktiefond in einen Rentenfonds umgeschichtet. Allerdings bleibt ein substanzieller Anteil der individuell geführten Depots in Aktien investiert – 33% für Rentnerinnen und Rentner über 75.

Wer eine eigene Wahl treffen will, kann bis zu fünf Fonds kombinieren. Die Abwicklung läuft vollständig über die staatliche Rentenbehörde Pensionsmyndigheten – die Fondsanbieter wissen nicht einmal, wer bei ihnen investiert ist. Seit seiner Auflage hat der AP7 Aktiefond besser abgeschnitten als der Durchschnitt der aktiv gewählten Privatvonds. Letztere kosten im Schnitt 0,17% pro Jahr, dreimal so viel wie der AP7. Wer aktiv wählt, hat also nicht automatisch die bessere Wahl getroffen.

Beim Preis liegt Deutschland nah am schwedischen Vorbild: Der Bericht der Kommission bringt einen Kostendeckel von maximal 0,1% pro Jahr für den öffentlichen Fonds ins Spiel. Der AP7 kostet 0,05% – beide deutlich günstiger als klassische Altersvorsorgeprodukte.

Der dritte Unterschied ist die Wahl. In Schweden sind rund 400 Fonds von privatwirtschaftlichen Vermögensverwaltern zertifiziert, die sehr unterschiedliche Strategien abdecken. Deutschland will das explizit nicht: „möglichst begrenzt“ steht im Bericht. Wie viele es am Ende genau werden, wird sich erst im Laufe der Zeit entscheiden. Der auffälligste Unterschied ist allerdings einer, den der deutsche Bericht komplett ausspart: der Hebel, hinter dem ein ordentlicher Teil der Langfristrendite des Schwedenfonds AP Aktiefond liegt.

Ist der Schweden-Hebel nachahmenswert?

Der AP7 Såfa arbeitet bei jüngeren Sparern (bis 55 Jahre) mit einem Hebel von rund 150%: Wer 100 Euro einzahlt, ist faktisch mit 150 Euro am Aktienmarkt investiert. Das Modell baut den Hebel mit dem Alter schrittweise ab, ab 55 Jahren schichtet der Fonds in ein konservativeres Portfolio um. Bei steigenden Märkten verstärkt dieser Hebel die Rendite erheblich, was die historischen 11% pro Jahr zumindest teilweise erklärt. 

Würde dies bei der Kapitalrente umgesetzt, könnten sich Kritiker, die pauschal vor „Zockerei mit der Rente“ warnen, bestärkt. Befürworter dürften entgegnen: Wer jung ist und 40 Jahre Zeit hat, kann Schwankungen aussitzen und verzichtet ohne Leverage auf erhebliche Renditechancen. 

Was sagt die Kommission zu den Ertragschancen der Kapitalrente? Sie rechnet sehr konservativ. Wer mit 22 Jahren ins Berufsleben einsteigt und 45 Jahre lang den Durschnittslohn verdient, käme bei 4,7% Rendite auf rund 777 Euro Kapitalrente im Monat. Ein spürbarer Betrag – aber einer, der auf Annahmen beruht, die der AP7 mit seinem Leverage-Modell historisch deutlich übertroffen hat.

Rechnet die Kommisssion also übervorsichtig? Mutmaßlich nicht. Denn für den schwedischen Helbelfonds sah es nicht immer so rosig aus wie heute – vom seinem Start im Jahr 2000 war die Performance bis Ende 2011 überwiegend negativ. Es gab zwei schwere Börsen-Crashs und eine mittelschwere Korrektur (Euro-Krise). Es war ein verlorenes Jahrzehnt für Aktienanleger, und hier war der AP7 keine Ausnahme. Der Erfolg des AP7 basiert auf der sensationellen Aktien-Performance seit 2012. Für Anleger waren die Crashs im Nachhinein betrachtet ein Segen, weil sie das perfekte Cost-Averaging-Szenario einfingen: Eine lange Korrektur, in der günstig eingekauft wurde, gefolgt von 1,5 Dekaden stetig steigender Kurse. 

Natürlich kann es sein, dass auch die deutsche Kapitalrente von der Marktvolatilität profitieren wird, aber der Renditepfad kann auch ganz anders ausfallen. Außerdem ist das Thema Rente hochpolitisch. Es geht um den Wohlstand der Generationen, die in den nächsten Jahrzehnten die Mehrheit der Bevölkerung bilden werden und gegen die schon heute keine Bundestagswahl gewonnen werden kann.

Die Schwedenrente war für Vorsorgende in Schweden eine Glücksrente, weil der Aktienmarkt historisch hohe Renditen in den vergangenen 15 Jahren abwarf. Das war nicht dem Können der Fondsmanager geschuldet. Daher ist der deutsche Gesetzgeber gefordert, eine möglichst breite Diskussion vor der Verabschiedung des Reformgesetzes anzustoßen. Eine Kapitalmarkt-Orientierung der Rente ist schön, aber ein Systembruch erfordert ein Verständnis der Börsenmechnik in der Breite. Analysen über das Finanzwissen der Deutschen fördern oft Begriffe wie „Finanzanalphebetismus“ zutage. 

Fazit: Im dritten Pfeiler entscheidet der Anleger 

Auch wenn die Details der neuen deutschen Kapitalrente fehlen, ist absehbar, dass der deutsche Staat wegen der politischen Brisanz den Daumen auf die gesetzliche Rente halten wird. Das Wahlrecht der Sparer dürfte begrenzt sein, und der staatliche Standardfonds dürfte erhebliche Startvoraussetzungen haben, die mutmaßlich dazu führen werden, dass nur wenige Anleger eine Opting-out-Lösung anstreben werden, zumal die Liste zertifizierter Alternativen klein sein wird. ETFs oder Fonds nach eigener Wahl zu bewirtschaften und dabei langfristig auch in hochriskante Fonds auf eigene Fonds zu investieren, dürfte kaum möglich sein. Diese Freiheit gibt es nur im Altersvorsorge-Depot.

Im Altersvorsorge-Depot, der dritten Säule neben gesetzlicher und betrieblicher Rente, hat der Anleger freie Wahl aus dem gesamten Markt. Er kann sich seine Fonds und ETFs selbst aussuchen, schwache Fonds austauschen und das Portfolio jederzeit anpassen – ohne Einschränkung durch eine staatliche Liste.

Wer bei der eigenen Hausbank bleibt, schränkt diese Freiheit allerdings sofort ein. Wer bei den geschlossenen Systemen der Sparkassen und Genossenschaftsbanken landet, wird beim Altersvorsorgedepot nur das Fondsuniversum der Deka und Union Investment vorfinden. Die volle Wahlfreiheit gibt es nur bei Anbietern, die nicht an ein eigenes Produktregal gebunden sind.

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Autor

  • Steffen Gruschka ist CFO und Co-Geschäftsführer von envestor und blickt auf rund 30 Jahre Erfahrung im aktiven Management von Schwellenländer-Aktienfonds zurück. In seiner Laufbahn wurde er mehrfach als Fondsmanager des Jahres ausgezeichnet. Zuletzt erreichte er 2025 in der Kategorie Aktien Emerging Markets die Spitzenposition und gehörte damit laut Handelsblatt zu den besten Fondsmanagern Deutschlands.

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