Welcher Anlegertyp erzielt die beste Rendite Kapitalmarkt? Wir identifizieren drei Haupttypen, die entlang einer rational‑emotionalen Skala angeordnet sind. Welche Eigenschaften sie haben und welche Zwischenschattierungen es gibt.
1. Der systematische Langfristanleger
Der systematische Langfristanleger steht ganz am rationalen Ende der Skala der Anlegeremotionen. Er denkt in Jahrzehnten, und auf der Suche nach Renditen geht er systematisch unterschiedliche Risiken ein. In der Fachsprache sagt man dazu: Er vereinnahmt Risikoprämien. Im einfachen Modell setzt unser langfristiger Prämieninvestor auf die zwei Urprämien in der Kapitalanlage: Aktien und Renten. Doch ist er von der Erfolgsaussicht überzeugt, geht er auch weitere, ganz unterschiedliche Risiken ein. Er verzichtet mitunter gezielt auf tägliche Liquidität und erwartet dafür höhere Renditen. Oder er arbeitet sich in den hochkomplexen Markt für strukturierte Anleihen ein und vereinnahmt eine Komplexitätsprämie.
Der systematische Langfristanleger investiert meist in kostengünstige Standardprodukte wie ETFs oder Indexfonds oder aber in breit gestreute Fonds. Er glaubt weniger an Timing‑ oder Stock‑Picking‑Fähigkeiten als an die langfristige Effizienz des Kapitalmarkts. Erfolg bedeutet für ihn nicht unbedingt, den Markt zu schlagen, sondern ihn möglichst sauber im Portfolio abzubilden.
Seine Investment‑Bilanz: In seiner Reinform ist der systematische Langfristanleger ein Bilderbuch‑Investor. Er investiert stoisch und in der Regel erfolgreich. Weil er in der Regel ein striktes Rebalancing betreibt, weicht er nicht weit von seinem Risikoprofil ab. Gefährdet wird der Erfolg dann, wenn er zu lange an seiner Strategie festhält und wichtige Markttrends nicht im Portfolio umsetzt – in der Annahme, dass er ja alles richtig mache. Es gehört sehr viel Übersicht dazu, seismografische Änderungen an den Märkten korrekt zu analysieren und die richtigen Schlüsse zu ziehen. Beispiele gibt es einige: Den Zinsanstieg 2022 und die hohe Konzentration von US‑Aktien in den großen Indizes sitzt auch unser systematischer Anleger mitunter wider besseres Wissen aus.
Interessanterweise grenzt ein Untertyp an das rationale Ende dieser Skala. Der sicherheitsorientierte Systematiker zeichnet sich nicht durch Risikofreude, sondern durch Vorsicht aus. Er sucht allerdings ebenfalls systematisch nach Stabilität und - erst in zweiter Linie - Rendite. Der reale Kapitalerhalt hat Vorrang; hohe Schwankungen meidet er. In Zeiten hoher Bewertungen fühlt sich dieser Typ unwohl – zu riskant erscheint der Markt, zu unattraktiv die Verzinsung. Langfristig bleibt er daher oft hinter dem allgemeinen Markt zurück. Doch durch seine Vorsicht vermeidet er die negativen Folgen spekulativer Blasen. Dieser Anleger ist ein wichtiger Bestandteil der Anlegelandschaft, da er Stabilität und Liquidität beisteuert – und dabei wegen seiner (begrenzten) Risikobereitschaft eine für seine Bedürfnisse ordentliche Bilanz aufzuweisen hat.
Der sicherheitsorientierte Systematiker
2. Der selektive Stockpicker
Hier handelt es sich um einen Überzeugungstäter, der auf Einzeltitel setzt. Dieser Anlegertyp findet sich oft in einer reiferen Alterskohorte – in den 1980er‑ und 1990er‑Jahren waren Investments in Aktien und auch einzelnen Anleihen eher die Regel als die Ausnahme. Fonds gab es zwar, dominierten aber längst nicht wie heute den Markt für Privatanleger‑Investments. Unser Stockpicker glaubt an den Mehrwert individueller Analyse und ist bereit, dafür Konzentrationsrisiken zu tragen. He investiert in wenige Unternehmen, die er versteht, und er investiert mit langem Atem und Überzeugung. Häufig dienen altgediente Starinvestoren wie Warren Buffett oder André Kostolany als Vorbilder.
Qualität, Geduld und innere Überzeugung ersetzen Diversifikation und abstraktes Investieren in Indizes über ETFs. Dabei nutzt er – bewusst oder unbewusst – dieselben langfristigen Faktorprämien wie häufig der systematische Anleger: Value und Quality. Doch statt sie über Märkte einzusammeln, sucht er sie in einzelnen Unternehmen. Das kann gut gehen, birgt aber auch das Risiko, in eine der vielen Anlegerfallen zu tappen.
Seine Investment‑Bilanz: Langfristig feiert unser selektiver Stockpicker großartige Erfolge, die sich aus Kursgewinnen und – für Qualitätsaktien typisch – üppigen Dividenden speisen. Sein Aktienportfolio gewinnt mitunter ohne sein Zutun an Breite. Ein Buy‑and‑Hold‑Anleger in Siemens etwa konnte unter Einschluss aller Abspaltungen ein kleines Konglomerat aus Siemens, Infineon, Osram (bis zur Übernahme), Siemens Healthineers und Siemens Energy im Depot haben – ohne aktiv zu traden. Doch getrübt werden kann der Erfolg durch ein allzu langes Festhalten an den alten Favoriten. Für klassische Quality‑Anleger ist es typisch, viel zu konzentriert in Industrie‑, Konsum‑ und Gesundheitsaktien unterwegs zu sein – oft ist der Übergang von Asset‑Heavy‑ zu Asset‑Light‑Geschäftsmodellen komplett an ihnen vorbeigegangen. Das passiert durchaus auch den Besten: Warren Buffett etwa zog 2011 IBM Apple vor, weil er das Geschäftsmodell von „Big Blue“ besser verstand als Apple – er brauchte bis 2017, um den Fehler zu erkennen, und 2018, um den Switch von IBM zu Apple zu vollziehen.
Zwischen Typ 1 und 2 liegt jener Anleger, der zwar diszipliniert und faktorbasiert vorgeht, aber selektive Elemente zulässt. Er nutzt quantitative Modelle, setzt systematisch auf Faktorprämien (z. B. Value, Size, Momentum). Er ist dabei nicht nur auf Smart‑Beta‑ETFs fokussiert, sondern nutzt auch aktiv verwaltete Fonds, häufig mit professioneller Unterstützung. Damit verbindet er systematische Struktur mit eigenem Gestaltungsanspruch – rational in der Methodik, kreativ in der Umsetzung. Je nach Zugang zum Markt kann die Bilanz bescheiden oder spektakulär erfolgreich sein.
Der institutionelle Optimierer
Der impulsive Opportunist
Am anderen Ende der Skala, regelrecht Welten entfernt, finden wir den emotional gesteuerten Investor. Vornehm formuliert, handelt es sich um einen naiven Trendfolger. Brutal ehrlich gesprochen ist unser Opportunist ein Getriebener. Er folgt jedem Trend, hegt wilde Kursfantasien, erleidet Höllenängste oder wird bei Aufwärtsmärkten euphorisch‑gierig. Seine Anlageentscheidungen entspringen kurzfristigen Impulsen und sozialem Herdentrieb – getrieben von Schlagzeilen und Marktstimmungen.
Unser Opportunist agiert gänzlich unsystematisch. Doch er erfüllt – wider Willen – eine wichtige Funktion am Kapitalmarkt: Er sorgt für Liquidität und Volatilität, aus denen rationale Marktteilnehmer profitieren.
Seine Investment‑Bilanz: Katastrophal. Der Opportunist tappt laufend in jede Psycho‑Falle, die man sich vorstellen kann. Verluste werden ausgesessen, Gewinne zu früh realisiert. Oft ist er ein Meister im Verdrängen. Die wenigen Erfolge, die er erzielt, sieht er als Beleg für den Erfolg seiner Strategie. Seine Fehler? Werden unter den Tisch gekehrt. Die Lernkurve bleibt auch deshalb flach, weil der Opportunist oft dazu neigt, konsequent den Fehler nicht bei sich, sondern bei anderen zu finden. Im schlimmsten Fall landet der entnervte und demoralisierte Opportunist beim Dirk‑Müller‑Fonds. Damit lässt er zwar auch reichlich Rendite liegen, aber immerhin stimmt hier die Schwurbel‑Story.
Dieser Anleger steht auf der Brücke zwischen Typ 2 und 3. Er teilt die individuelle Auswahlhaltung, doch sein Kompass ist ethisch oder gesellschaftlich geprägt: Nachhaltigkeit, technologische Innovation oder soziale Wirkung bestimmen die Auswahl. Rational und idealistisch zugleich, bewertet er Erfolg nicht allein am Ertrag, sondern auch an der Übereinstimmung mit eigenen Werten. Visionäre Tech‑Anleger und unbedingte Verfechter nachhaltiger Investments zählen zu diesem Zwischentyp. Oftmals gelingen diesem Anlegertyp spektakuläre Einzelerfolge, die seine nicht unbedingt sehr gute Bilanz immerhin aufpeppen.
Der visionäre Investor
Für Leser, die etwas mehr Zwischentöne suchen, haben wir einige Zwischentypen identifiziert. Diese finden sich in den Kästchen. Vielleicht kennen Sie ja noch weitere Typen? Ich freue mich auf Ihre Anregungen und Kommentare! .
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Autor
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Alle Beiträge ansehenAli Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor. Er beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar.