Der Chatbot Claude wartet mit neuen KI-Funktionen auf, und der Anthropic-Schock lässt Software-Aktien taumeln. Sterben die hoch lukrativen Software-Subscriptions-Geschäftsmodelle (SaaS) aus wie die Dinosaurier? Eröffnet der Abverkauf Chancen für den smarten Anleger? Und wie gefährlich ist KI für etablierte Unternehmen?
Diese Woche hat Anthropic für seinen Chatbot Claude ein neues Set an Tools für juristische Anwendungen vorgestellt. Dazu zählen Funktionen zur Vertragsprüfung, zur Zusammenfassung juristischer Briefings und zur Strukturierung von Compliance-Themen. Anthropic betont ausdrücklich, dass es sich dabei nicht um Rechtsberatung handelt und die Ergebnisse von zugelassenen Anwälten geprüft werden müssen.
Die Neuigkeit führte zu einem dramatischen Abverkauf von Software-Aktien. Das Barometer für sogenannte SaaS-Aktien, der BVP Nasdaq Emerging Cloud Index, brach im Wochenverlauf um gut 12 Prozent ein. Im bisherigen Jahresverlauf steht ein Minus von 20 Prozent unterm Strich. Der Schock ist so schmerzhaft, dass sich Nvidia-Chef Jensen Huang, der einflussreichste Manager der KI-Industrie, um Schadensbegrenzung bemüht: Der Ausverkauf der Software Aktien sei die “unlogischste Sache auf der ganzen Welt”. Huang ist kein neutraler Marktbeobachter und hat viel zu verlieren, sollte der AI-Hype abbrechen. Zuletzt strauchelte die Nvidia-Aktie, und bei Oracle stellt sich die Frage, ob die Zahlungsverpflichtungen überhaupt bedient werden können. An einer starken Korrektur von Technologieaktien hat er kein Interesse.
Bisher fiel die Performance des Nasdaq 100 mit minus 1,4 Prozent in diesem Jahr noch ziemlich unverdächtig aus. Der S&P 500 liegt in diesem Jahr mit 0,6 Prozent im Plus. Stand 4. Februar.
Halten wir fest, dass viele Anleger in diesen Tagen damit rechnen, dass jederzeit die technologisch nächste große KI-Innovation um die Ecke kommen und alles revolutionieren könnte. Das ist kurzfristig gedacht, mitunter atemlos und von Affekten getrieben, aber andererseits absolut richtig. Zumindest mittelfristig. KI verändert nicht nur Produkte, sondern Bewertungslogiken in einem atemberaubenden Tempo – und bringt neue Gewinner und Verlierer auf die Bühne der Märkte. Das fordert Investoren und Unternehmen mehr Nerven und Zeit ab.
Ein Wettbewerbsimpuls mit Signalwirkung
Im ersten Moment hat der Markt die Claude-Ankündigung nicht als isoliertes Feature-Update gelesen, sondern als Beschleuniger struktureller Disruption. Und zwar dort, wo bislang stabile Geschäftsmodelle mit wachsenden Cashflows und tiefen Burggräben (Warren Buffett) vermutet wurden. Besonders betroffen waren Software- und Datenanbieter, die proprietäre Inhalte, eingebettet in komplexe Workflows, über hochpreisige Abonnements verkaufen. Das Betraf Medienfirmen wie Thomson Reuters, Inhaber der Jura-Datenbank Westlaw. Die Aktie brach am Mittwoch um 16 Prozent ein. Konkurrent Relx (LexisNexus) schmierte um 14 Prozent ab.
Das Drehbuch der Anleger: Wenn ein Foundation-Model-Anbieter revolutionär anmutende Funktionen anbietet, disruptiert das Geschäftsmodelle. Der Wettbewerbsvorteil der SaaS-Anbieter würde schwinden, wenn auch nur halbwegs gut promptende Praktikanten komplexe juristische Analysen anstoßen würden. Wer braucht dann noch die Anbieter von hochpreisigen Datenbanken?
Anleger sollten innehalten und nachdenken
Nach dem Schrecken des Augenblicks, der sich anfühlt wie der sogenannte Deep-Seek-Schock vor fast einem Jahr, wird die Zeit der Differenzierung kommen, bzw. es ist schon mancherorts zu sehen, dass aufmerksame anfangen zu differenzieren. Ja, die Aktien von Snowflake, HubSpot, Altassian, Shopify oder MongoDB haben diese Woche zwischen 18 und 24 Prozent verloren. Andere Software-Hersteller wie Okta, Qualys, Palo Alto Networks oder Data Dog haben sich indes relativ stabil gehalten. Halten wir also fest, dass Anleger auch unter dem Eindruck der Claude-Neuigkeiten nicht alle Software-Geschäftsmodelle gleichermaßen abstrafen.
Die Financial Times machte am Donnerstag darauf aufmerksam, dass schon im frühen Stadium der Internet-Revolution Mitte der 1990er Jahre Fragezeichen hinter das Geschäftsmodell von Print-verlagen gesetzt wurden. Vor allem Reed Elsevier galt als angezählt. Das Verlagshaus verdiente damals mit hochpreisigen Wissenschafts-Magazinen viel Geld. Heute, so die FT, macht das Verlagshaus nur noch vier Prozent seines Umsatzes mit Print-Produkten. Legacy-Unternehmen haben nicht nur die Ressourcen, sondern auch fachliche Kompetenz, sich auf den technologischen Fortschritt einzustellen – sofern sie die Zeichen der Zeit erkennen. “Unterstützt” werden sie dabei vom Kapitalmarkt, der auf Veränderungen drängt. Es lohnt sich daher, die Mechanik des Marktes in Umbruchsituationen näher zu analysieren.
Multiple-Kompression bei Long-Duration-Assets
Finanzwissenschaftlich lässt sich die Zeitraffer-Reaktion der Märkte gut erklären. Viele US-Softwaretitel sind Long-Duration-Assets. Ein großer Teil ihres Unternehmenswerts basiert auf Gewinnen, die erst weit in der Zukunft erwartet werden. Sinken der erwartete Umfang bzw. die erwartete Dauer dieser Cashflows, fällt der heutige Barwert überproportional.
Die bloße Annahme, dass KI Preisdruck erzeugen oder das Wachstum früher abflachen könnte, reicht aus, um die Kurse und damit die Bewertungsmultiplikatoren zu senken. Dafür braucht es keine neuen Quartalszahlen. Es genügt eine veränderte Erwartung über die Nachhaltigkeit zukünftiger Margen.
Steigende Risikoprämien durch Unsicherheit
Technologische Umbrüche erhöhen die Unsicherheit. In der Kapitalmarkttheorie zeigt sich das im Anstieg der Risikoprämie für Aktien. Die Spannbreite möglicher Szenarien reicht von moderaten Effizienzgewinnen bis hin zu echter Disintermediation ganzer Wertschöpfungsstufen.
In solchen Phasen reagieren Anleger häufig reflexartig. Erst wird das Risiko durch Verkäufe reduziert, die Nachfrage sinkt, die Kurse fallen. Differenziert wird später. Erhöhte Unsicherheit führt kurzfristig zu sektorweiten Abverkäufen, selbst bei intakten Geschäftsmodellen.
Warum das kein reines Software-Thema ist
Entscheidend ist jedoch: Dieser Mechanismus wird sich nicht auf Software beschränken. KI wirkt als Querschnittstechnologie. Überall dort, wo Unternehmen bislang über Informationsvorsprung, Prozesskomplexität oder regulatorische Reibung Preissetzungsmacht hatten, kann ein ähnlicher Effekt auftreten.
Das betrifft Beratung, Finanzdienstleistungen, spezialisierte Industriezulieferer, Logistik, Teile des Gesundheitswesens oder informationsintensive Konsumsegmente. Die Gemeinsamkeit ist nicht die Branche, sondern die Struktur der Cashflows und die Annahme langfristig stabiler Margen.
Vom Sektor-Risiko zum Modell-Risiko
Es wird zunehmend deutlich, dass wir vor dem Anfang einer neuen Ära stehen. Es gilt für Unternehmen und Anleger daher darauf einzustellen, dass sich die Bewertungslogik an den Märkten verschiebt. Die zentrale Frage lautet künftig weniger: „Welche Branche profitiert von KI?“ und stärker: „Welche Geschäftsmodelle sind durch KI strukturell angreifbar?“. Risiko wird nicht mehr primär sektoral, sondern modellbasiert bepreist. Das sehen wir übrigens bei Big Tech schon heute. Am Mittwochabend haben Anleger die Ankündigung von Alphabet, in diesem Jahr 185 Milliarden Dollar in KI zu investieren – 55 Prozent mehr als allgemein erwartet – mit Verkäufen quittiert. Nachbörslich verlor die Aktie bis zu sieben Prozent.
Investitionen in die Zukunft werden dann nicht mehr goutiert, wenn unklar ist, ob sich diese amortisieren werden. Abschreibungs-Desaster sind bei Fortschrittstechnologien übrigens häufiger als viele denken. Eisenbahnen haben die Weltwirtschaft im 19. Jahrhundert revolutioniert, aber dennoch sind hunderte Eisenbahngesellschaften mangels Rentabilität pleitegegangen.
Fazit: Ein frühes Signal für eine breitere Neubewertung
Die Marktreaktion auf die juristischen Claude-Erweiterungen war vermutlich übertrieben. Aber sie war auch ein Frühsignal, das, wie es an der Börse üblich ist, zunächst für Panik sorgt, mittelfristig aber durchaus Wirklichkeit werden kann. Doch auch ein neues Bewertungsregime wird nicht etablierte Geschäftsmodelle von heute auf morgen verschwinden lassen. Gerade bei heiklen juristischen Fragen werden sich Unternehmen nicht blind auf KI-Applikationen verlassen und Anwaltskanzleien und die Anbieter juristischer Datenbanken heute über die Klippe stoßen (Womit werden KI-Jura-Applikationen nochmal gefüttert?). Man kann trefflich über die Job-Chancen für Junior-Consultants bei den großen Unternehmensberatungen und Anwaltskanzleien spekulieren. Aber dann befindet man sich bereits mitten in der Detailanalyse, die in den nächsten Wochen und Monaten verstärkt anstehen wird.
Nicht jede Branche wird gleichermaßen von der KI-Revolution betroffen sein, und nicht jedes Unternehmen verliert seinen “Moat”. Aber die Annahme dauerhaft stabiler Cashflows wird kritischer hinterfragt.
Für Anleger wird es entscheidend, zwischen KI als Effizienztreiber und als potenziellem Margen-Disruptor zu unterscheiden – unabhängig von der Branche. Wer Geschäftsmodelle stärker nach ihrer strukturellen Verteidigungsfähigkeit analysiert, kann Portfolios robuster aufstellen und wird weniger von plötzlichen Narrative Shifts überrascht. Dabei gilt es gleichzeitig, zwischen dem Lärm der Märkte, der zunächst wenig zwischen Gewinnern und Verlierern differenziert, von den fundamentalen Treibern der Veränderung zu unterscheiden.
Gerade weil Anleger wegen der hohen Bewertungen von US-Tech verunsichert sind, wird es in der nächsten Zeit immer wieder zu nervösen Schüben bei den Magnificent Seven kommen – mitunter auch nach oben, Tendenz aber überwiegend nach unten. Wir setzen in unseren Beratungsmandaten daher verstärkt auf Aktien aus der zweiten Reihe und haben insgesamt Aktien zugunsten diversifizierender Anleihen untergewichtet.
Die envestor-Expertise für Sie:
Sie sind neugierig geworden, wie wir Anlegerportfolios konstruieren und wetterfest machen?
Ein unverbindliches Gespräch vereinbaren können Sie direkt online.
Mehr über den envestor Cashback, der Investieren günstiger macht, als es Ihre Bank erlaubt, erfahren Sie hier.
Autor
-
Steffen Gruschka ist CFO und Co-Geschäftsführer von envestor und blickt auf rund 30 Jahre Erfahrung im aktiven Management von Schwellenländer-Aktienfonds zurück. In seiner Laufbahn wurde er mehrfach als Fondsmanager des Jahres ausgezeichnet. Zuletzt erreichte er 2025 in der Kategorie Aktien Emerging Markets die Spitzenposition und gehörte damit laut Handelsblatt zu den besten Fondsmanagern Deutschlands.
Alle Beiträge ansehen