Die Rentenkommission hat ihre Empfehlungen vorgelegt, und diese enthalten einen Kracher: eine verpflichtende Kapitalrente nach schwedischem Vorbild – das wäre die größte Strukturreform der Staatsrente seit Adenauer. Das schwedische System gilt als Erfolgsmodell. Aber wie gut ist die Kopie?
33 Empfehlungen, ein Staatsfonds
Die Rentenkommission hat vorgeschlagen, einen Teil der gesetzlichen Rente über Erträge am Kapitalmarkt zu bestreiten. Doch die Kapitalrente steht nicht allein. Sie ist Teil eines Pakets aus 33 Empfehlungen, das Kanzler Merz und Sozialministerin Bas vollständig umsetzen wollen, mit ersten Gesetzen noch in diesem Jahr.
Das Renteneintrittsalter soll an die Lebenserwartung gekoppelt werden. Bis Ende des Jahrhunderts würde es Richtung 70 tendieren, die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren fiele weg, und der gedämpfte Nachhaltigkeitsfaktor kehrte nach 2031 in die Rentenformel zurück. Schon ohne die Kapitalrente dürfte der Beitragssatz von 18,6 auf 19,9% bis 2028 klettern. Länger arbeiten, mehr einzahlen, aus der Umlage relativ weniger bekommen – die Differenz soll der Kapitalmarkt schließen.
Der Kracher im Paket: Zwei zusätzliche Prozent des Bruttolohns sollen künftig nicht umgelegt, sondern verpflichtend am Kapitalmarkt angelegt werden, je zur Hälfte von Arbeitnehmer und Arbeitgeber getragen. Eingeführt würde dieser Zusatzbeitrag stufenweise ab 2028 in Schritten von 0,5 Prozentpunkten, bis 2031 die vollen zwei Prozent erreicht sind. Das Geld fließt den Plänen zufolge auf individuelle Kapitalkonten, verwaltet aber nicht vom Sparer, sondern von einem zentral gesteuerten Staatsfonds. Als potenziellen Verwalter nennt der Bericht ausdrücklich den Kenfo, den Fonds, der die Rückstellungen für die Entsorgung des deutschen Atommülls anlegt.
Für diese Aufgabe gibt es ein erprobtes Vorbild: die sogenannte Schwedenrente. Allerdings funktioniert die deutsche Kapitalrente leider anders als das schwedische Original: Eine Auswahl zwischen Fonds sieht sie nicht vor. Der Beitragszahler zahlt ein und muss sich auf die Anlageentscheidungen des Staates verlassen. Doch der Reihe nach.
Das schwedische Original
In Schweden landen 2,5 Prozentpunkte des Rentenbeitrags am Kapitalmarkt. Der Unterschied zur Kapitalrente liegt in der Kontrolle: Jeder Schwede sucht sich seine Fonds aus mehreren Hundert geprüften Angeboten selbst aus und kann sie wechseln, wann er will. Wer nicht wählt, landet automatisch im staatlichen AP7 Såfa, dem günstigen Standardfonds für alle, die sich nicht um ihre Altersvorsorge kümmern wollen.
Dieser schwedische Standardfonds ist ein breit aufgestelltes Aktienprodukt und mit Kosten von rund 0,05% im Jahr extrem günstig; über die vergangenen 25 Jahre erzielte er im Schnitt etwa 11% pro Jahr.
Auch wenn die Mehrzahl der schwedischen Beitragszahler im Zuge der Opting-out-Regel im staatlichen Fonds landen, können sie sich für private Wettbewerber entscheiden. Wer einen besseren Fonds findet als den staatlichen, kann seine Beiträge in diesen fließen lassen. Die Logik dahinter: Schwedische Bürger unterliegen dem Obligatorium Kapitalmarktrente, haben aber ein Wahlrecht: Fonds, die enttäuschen, verlieren Kunden, wer überzeugt, gewinnt sie, egal, ob es der staatliche Fonds ist oder ein Privatangebot.. Dieser Wettbewerb zwingt die Anbieter zu Kostendisziplin und Leistung. Der Zwang zum Sparen wird von der Freiheit begleitet, die Anlage des Ersparten zu steuern. So weit die Schweden. Was macht Deutschland aus dieser Steilvorlage?
Der deutsche Monopolfonds
Deutschland übernimmt nur einen Teil der Schwedenrente, und zwar den Zwang zur Vorsorge; der Wettbewerb um den besten Fonds entfällt, weil es keine Wahlfreiheit gibt. Die Kapitalrente wird einzig und allein vom staatlichen Fonds bestritten werden, der das Geld aller Beitragszahler verwaltet. Niemand kann ihn verlassen.
Ob dieser Staatsfonds gut oder mittelmäßig anlegt, wird sich erst über Jahrzehnte zeigen, und der Sparer trägt das Ergebnis, ohne es beeinflussen zu können. Problematisch erscheint mir, dass ein Anbieter, der keinen Kunden verlieren kann, unter keinem Druck steht, eine besonders gute Leistung zu erbringen – das ist kein Generalverdacht an die staatlichen Manager, die den Fonds führen werden, sondern eine Eigenschaft jedes Monopols. In Schweden steht der Markt als Korrektiv für eine schwache Leistung zur Verfügung, im deutschen Modell fehlt dieser Korrekturmechanismus. Wer einzahlt, kann nur hoffen, dass der Staat es gut macht.
Beim Ertrag rechnet die Kommission vorsichtig. Wer mit 22 anfängt und 45 Jahre lang durchschnittlich verdient, käme bei 4,7% Rendite auf rund 777 Euro Kapitalrente im Monat. Ein spürbarer Betrag, der über ein ganzes Erwerbsleben entsteht – und bei dem der Sparer nicht mitredet.
Fazit: Den dritten Pfeiler baut der Anleger selbst
Im Altersvorsorge-Depot gibt es trotz des geplanten staatlichen Standardprodukte diese Wahlfreiheit. Der Anleger kann sich seine Fonds und ETFs selbst aussuchen, schwache Fonds austauschen und schlecht gewichtete Portfolios neu zusammenstellen – das schwedische Prinzip, nur in der dritten Säule statt in der ersten (Die gesetzliche Rente ist wird als die erste Säule, die betriebliche als die zweite, und die private Vorsorge die dritte bezeichnet)
Anleger müssen allerdings aufpassen, dass sie nicht unbedingt bei der eigenen Hausbank fündig werden. Wer bei den geschlossenen Systemen der Sparkassen und Genossenschaftsbanken landet, wird beim Altersvorsorgedepot nur das Fondsuniversum der Deka und Union Investment vorfinden. Den vollen Vorteil der Wahlfreiheit holt sich nur, wer sich produktneutrale Anbieter aussucht, die den Anspruch haben, die besten Lösungen für Anleger zu finden.
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Alle Beiträge ansehenSteffen Gruschka ist CFO und Co-Geschäftsführer von envestor und blickt auf rund 30 Jahre Erfahrung im aktiven Management von Schwellenländer-Aktienfonds zurück. In seiner Laufbahn wurde er mehrfach als Fondsmanager des Jahres ausgezeichnet. Zuletzt erreichte er 2025 in der Kategorie Aktien Emerging Markets die Spitzenposition und gehörte damit laut Handelsblatt zu den besten Fondsmanagern Deutschlands.