Viele Anleger achten vor allem auf die Performance eines Fonds. Doch langfristig kann gerade der Erfolg eines Fonds zum Problem werden. Denn mit steigenden Anlegergeldern werden mitunter die Grenzen der Fondskapazität erreicht. Dann kann die Anlagestrategie in Gefahr geraten. Unsere Kolumnistin Natalia Wolfstetter, Fondsanalystin bei Morningstar, sagt Anlegern, worauf es beim Thema Fondsgröße ankommt.
Auf den ersten Blick scheint die Frage einfach: Ab welchem Volumen wird ein Fonds zu groß? Hier gibt es keine allgemein gültige Grenze. Zwei Fonds können in derselben Anlageklasse investieren und dennoch völlig unterschiedliche Kapazität für neue Anlegergelder haben. Kapazität bezeichnet im Fondsmanagement das maximale verwaltete Vermögen, mit dem eine Anlagestrategie noch so umgesetzt werden kann wie ursprünglich geplant. Entscheidend ist aber nicht die absolute Fondsgröße. Es kommt nicht nur darauf an, in welchem Marktsegment ein Fonds investiert, sondern wie er investiert. Faktoren wie die Konzentration des Portfolios, die Liquidität der Zielunternehmen, die Handelsaktivität des Managers und die Größe des Anlageuniversums bestimmen maßgeblich, wie viel Kapital eine Strategie verwalten kann, ohne ihre ursprüngliche Charakteristik zu verändern.
Besonders relevant ist dies bei aktiven Strategien in kleineren Marktsegmenten, etwa bei Small-Cap- oder Micro-Cap-Fonds. Hier kann zusätzliches Kapital die Auswahl geeigneter Investments deutlich einschränken.
Schnelles Wachstum wirft Licht auf Fondskapazität
Nicht nur die Höhe der Mittelzuflüsse spielt eine Rolle, sondern auch deren Geschwindigkeit. Wenn ein Fonds innerhalb kurzer Zeit sehr viel neues Geld einsammelt, ist es manchmal schwieriger als es klingt, alle Gelder unterzubringen. Besonders in weniger liquiden Marktsegmenten kann es dazu führen, dass Fondsmanager gezwungen sind, mehr Liquidität halten, stärker auf größere Unternehmen auszuweichen oder zusätzliche Titel ins Portfolio aufzunehmen. Dadurch droht eine Verwässerung der ursprünglichen Anlagestrategie.
Hinzu kommt ein weiteres Risiko: Geld, das schnell in einen Fonds fließt, verlässt ihn häufig ebenso schnell wieder. Solche Zuflüsse werden oft von kurzfristiger Performancejagd ausgelöst. Dreht die Wertentwicklung, können darauf erhebliche Mittelabflüsse folgen, die den Fonds zusätzlich unter Druck setzen.
Wenn das Anlageuniversum zu klein wird
Ein wichtiges Warnsignal ist für Morningstar die sogenannte „Market-Cap Drift“. Darunter versteht man die Tendenz eines Fonds, zunehmend größere Unternehmen zu kaufen als ursprünglich vorgesehen.
Ein Small-Cap-Fonds kann beispielsweise mit wachsendem Vermögen gezwungen sein, sich immer stärker auf Mid Caps oder sogar noch größere Unternehmen zu verlagern. Das muss kurzfristig nicht zu schlechteren Ergebnissen führen. Langfristig kann es jedoch bedeuten, dass der Fonds seine eigentliche Stärke verliert, nämlich die Fähigkeit, attraktive Chancen im kleineren Unternehmenssegment zu nutzen.
Auch andere Veränderungen können auf Kapazitätsprobleme hinweisen: eine steigende Anzahl an Positionen, sinkender Portfolioumschlag oder ungewöhnlich hohe Kassenbestände. Für sich genommen sind diese Kennzahlen noch nicht unbedingt alarmierend. Treten sie jedoch gemeinsam auf, kann dies ein Hinweis darauf sein, dass die Fondsgröße die Umsetzung des Investmentprozesses beeinträchtigt.
Liquidität wird oft überschätzt
Ein weiteres Augenmerk sollte auf der Liquidität liegen. Dabei geht es nicht nur darum, ob ein Fonds bestimmte Wertpapiere erwerben oder wieder veräußern kann, sondern zu welchem Preis dies möglich ist.
In normalen Marktphasen erscheinen viele Aktien ausreichend liquide. Kritisch wird die Situation häufig erst in schwachen Marktphasen oder bei größeren Rückgaben durch Anleger. Dann kann ein Fonds gezwungen sein, Positionen mit deutlichen Preisabschlägen zu verkaufen oder zunächst nur die am leichtesten handelbaren Aktien abzubauen. Die verbleibenden Anleger sitzen anschließend möglicherweise auf einem Portfolio mit schlechterer Liquiditätsstruktur als zuvor.
Morningstar bezeichnet dieses Risiko als „Discount Risk“. Es beschreibt die Gefahr, dass ein Fonds Vermögenswerte nur mit Abschlägen verkaufen kann oder das Portfolio verändern muss, um Liquidität bereitzustellen.
Warum große Positionen ein Problem sein können
Ein weiteres Risiko entsteht, wenn ein Fonds (oder mehrere vergleichbar verwaltete Fonds eines Anbieters) einen bedeutenden Anteil an der verfügbaren Marktkapitalisierung einzelner Unternehmen halten. Je größer die Beteiligung ist, desto schwieriger wird es, die Position auf- oder abzubauen, ohne den Aktienkurs zu beeinflussen.
Insbesondere bei kleineren Unternehmen können hohe Eigentumsquoten die Flexibilität des Fondsmanagements einschränken. Der Fonds mag auf dem Papier noch genauso aussehen wie früher. Tatsächlich kann sich die Handelbarkeit der Positionen jedoch bereits deutlich verschlechtert haben.
Interessant ist auch das tatsächliche Verhalten der Fondsmanager. Morningstar analysiert dabei historische Bestände und die Handelsaktivität, um zu erkennen, ob sich die Umsetzung der Strategie im Zeitverlauf verändert hat.
Dabei wird beispielsweise untersucht:
- Wie lange dauert es, neue Positionen aufzubauen?
- Wie schnell können Positionen wieder verkauft werden?
- Kommen weiterhin neue Ideen ins Portfolio?
- Werden Positionen länger gehalten als früher?
Solche Veränderungen können erste Hinweise darauf liefern, dass die Fondsgröße die Flexibilität des Managements einschränkt, noch bevor dies in den klassischen Kennzahlen sichtbar wird.
Fondskapazität: Lehren aus einem Praxisbeispiel
Als Praxisbeispiel sei hier ein in den USA angebotener US-Nebenwertefonds genannt, in dem nach einer Phase sehr guter Wertentwicklung das verwaltete Vermögen innerhalb kurzer Zeit von rund 500 Millionen auf mehr als 5 Milliarden US-Dollar anstieg. Im weiteren Verlauf wuchs der Fonds sogar auf über 8 Milliarden US-Dollar an.
Bereits früh waren mehrere Warnsignale erkennbar. Die durchschnittliche Unternehmensgröße im Portfolio stieg deutlich an, der Portfolioumschlag ging zurück und Positionen wurden zunehmend schwieriger handelbar. Spätere Analysen zeigten zudem, dass sich Kauf- und Verkaufsprozesse deutlich verzögerten.
In den folgenden Jahren entwickelte sich der Fonds deutlich schwächer als sein Vergleichsindex und viele Wettbewerber. Gleichzeitig kam es zu erheblichen Mittelabflüssen. Dies ist ein Beispiel dafür, wie eine ursprünglich erfolgreiche Strategie durch ihr eigenes Wachstum an Schlagkraft verlieren kann.
Was Privatanleger daraus lernen können
Die zentrale Botschaft lautet, dass Anleger nicht nur auf die historische Rendite eines Fonds schauen sollten. Ebenso wichtig ist die Frage, ob die Anlagestrategie des Fonds auch bei seiner heutigen Größe noch unverändert umgesetzt werden kann.
Für Privatanleger ist das Kapazitäts- und Liquiditätsrisiko allerdings nicht immer so ohne weiteres zu beurteilen. Dennoch gibt es einige praktische Indikatoren, die sich ohne Spezialwissen beobachten lassen.
Prüfen Sie daher:
- Ist das Fondsvolumen in den letzten ein bis drei Jahren durch Mittelzuflüsse stark gestiegen?
- Hat der Fonds eine besonders erfolgreiche Performancephase hinter sich?
- Wird der Fonds in Medien und Rankings plötzlich stark beworben?
- Ist die Zahl der gehaltenen Positionen deutlich angestiegen?
- Gibt es Veränderungen bei der Konzentration des Portfolios?
- Zeigt sich bei der Kassequote ein ansteigender Trend?
Die absolute Fondsgröße sagt dabei weniger aus als wie groß der Fonds relativ zu seinem Anlageuniversum ist. Beispielsweise kann ein globaler Aktienfonds mit 20 Milliarden Euro völlig unproblematisch sein, während ein deutscher Nebenwertefonds mit 2 Milliarden Euro bereits Schwierigkeiten haben könnte. Je kleiner und weniger liquide der Zielmarkt, desto kritischer wird die Fondsgröße.
Besonders aufmerksam sollten Anleger daher bei Nischenfonds, aber auch bei sehr konzentrierten Aktienfonds sein. Hier können starke Mittelzuflüsse die Anlagechancen sehr schnell einschränken, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden, um die Mittelzuflüsse abzubremsen. Einige Anbieter schließen erfolgreiche Fonds für neue Anleger („Soft Close“), bevor Kapazitätsprobleme entstehen. Eine Schließung ist daher häufig eher ein positives als ein negatives Signal. Sie zeigt, dass das Management die Interessen bestehender Anleger schützt und weiteres Wachstum begrenzen möchte. Idealerweise sollte ein Fonds Fonds bereits geschlossen werden, bevor die Kapazität vollständig ausgeschöpft ist.
Fazit
Privatanleger können Kapazitäts- und Liquiditätsrisiken zwar nicht so präzise messen wie professionelle Investoren, aber sie können wichtige Frühwarnzeichen erkennen. Besonders kritisch ist die Kombination aus starkem Fondswachstum, Investments in wenig liquide Marktsegmente, steigender durchschnittlicher Unternehmensgröße und Veränderungen im Portfolioaufbau. Die wichtigste Erkenntnis dabei: Ein Fonds wird nicht dann problematisch, wenn er groß ist, sondern wenn seine Größe beginnt, die Umsetzung seiner Strategie zu verändern.