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KI-Aktien: Wie umgehen mit der Herausforderung aus China?

KI-Aktien: Hat China die besseren Karten? Wer zuletzt die Nachrichten verfolgte, könnte meinen, der technologische Vorsprung der USA sei dahin. Chinas neue LLMs und die Fortschritte bei der Entwicklung von Lithografiemaschinen beeindrucken auch Experten. Wie sich Anleger jetzt positionieren sollten.

Mit Kimi K3 rückte ein weiteres chinesisches KI-Modell an die Weltspitze heran, kurz darauf folgten Fortschritte bei eigener Lithografietechnik für die Halbleiterproduktion. Die Quartalszahlen von Microsoft, Alphabet und Amazon zeigen dagegen, dass die Nachfrage nach KI-Infrastruktur noch stärker wächst, als viele Analysten erwartet hatten. Wohin bewegt sich die KI-Ökonomie, und wie sollten sich Anleger positionieren?

KI-Aktien: Der Vorsprung der USA schmilzt

Die Geschichte des KI-Booms schien zunächst einfach erzählt: Die USA entwickeln die leistungsfähigsten Modelle, kontrollieren die modernste Halbleitertechnologie und verdienen das große Geld. China schien hoffnungslos abgehängt. Die ersten Risse tatten sich mit DeepSeek im Februar 2025 auf. Der Schock: Ein chinesisches LLM-Billigmodell ließ die Aktien von Nvidia, Broadcom und Taiwan Semiconductor an einem Tag zweistellig abstürzen. Danach lautete der Vorsprung Amerikas nach Schätzungen von des Epoch Capabilities Index immerhin noch sechs bis neun Monate.

Mit Kimi K3 wiederholt sich das Muster – diesmal mit einem ganzen Aktienmarkt als Kollateralschaden. Das Modell von Moonshot AI landet in unabhängigen Tests wie dem Artificial-Analysis-Index auf Platz drei bis vier der Welt, knapp hinter den Spitzenmodellen aus den USA, und führt beim Frontend-Code-Ranking sogar die Tabelle an. Der Philadelphia Semiconductor Index rutschte binnen einer Woche um rund 20% unter sein Juni-Hoch und damit offiziell in einen Bärenmarkt, Nvidia verlor zweimal innerhalb weniger Tage kurzzeitig die Krone als wertvollstes Unternehmen der Welt an Apple.

Gut zwei Wochen später folgte der zweite Streich: Ein staatlich unterstütztes Unternehmen aus Shanghai hat die Serienfertigung eigener Immersions-DUV-Lithografiemaschinen aufgenommen – dem teuersten Werkzeug jeder Chipfabrik, das bislang faktisch nur von der niederländischen ASML kam. Fünf Systeme sollen noch 2026 an SMIC, Hua Hong und CXMT gehen, rund zwanzig im Jahr darauf. Gegen ASMLs Auslieferungsvolumen von jährlich rund 130 Systemen ist das eine Randnotiz. Noch. Als Signal ist es das nicht: Jede Fertigungsstufe, die China selbst beherrscht, senkt die Verwundbarkeit gegenüber künftigen Exportkontrollen.

Beide Nachrichten erzählen dieselbe Geschichte aus zwei Richtungen. China baut nicht mehr nur Anwendungen auf fremder Technologie, sondern zunehmend die gesamte Kette selbst – von den Modellen bis zur Chipfertigung. Das heißt nicht, dass die USA ihren Vorsprung verloren haben. Es heißt, dass er kleiner wird. Wie schnell, ist eine offene Frage: Kimi K3 ist keine drei Wochen, Chinas DUV-Fertigung erst wenige Tage alt.

Mit Vollgas Richtung Überkapazität?

Die amerikanische KI-Maschine läuft noch immer auf vollen Touren. Microsoft begrenzte seine Investitionsplanung für 2026 zwar auf rund 175 statt 190 Milliarden Dollar, Alphabet und Amazon erhöhten dagegen: Alphabet hob die Capex-Prognose auf 195 bis 205 Milliarden Dollar an, Amazon von 200 auf 220 Milliarden Dollar. Bei Alphabet wuchs die Cloud-Sparte im selben Zeitraum um 82%, das schnellste Tempo seit mindestens 2020, während der freie Cashflow erstmals in der Firmengeschichte ins Minus rutschte, weil praktisch jeder verfügbare Dollar in neue Kapazität fließt. Amazon finanziert sein Budget inzwischen zu einem erheblichen Teil über frisches Fremdkapital: rund 89 Milliarden Dollar seit Jahresbeginn, mehr als jeder Wettbewerber der Branche.

Auch Meta baut seit Anfang Juli ein eigenes Cloud-Geschäft auf, um Rechenkapazität an Drittkunden zu vermieten, ein direkter Angriff auf die etablierten Cloud-Anbieter Amazon, Alphabet und Microsoft, ähnlich wie einst bei Amazon, als aus überschüssiger interner Kapazität die eigenständige Sparte AWS wurde. Dass Meta die eigene Investitionsplanung für 2026 zeitgleich weiter erhöhte, spricht dabei eher für einen geplanten Markteintritt als für eine verschätzte Nachfrage. Welche Szenarien tun sich für Anleger auf, die auf KI setzen wollen?

Szenario 1: Die US-Konzerne verteidigen ihre Marge

In diesem Szenario holt China zwar technologisch auf, doch die amerikanischen Plattformkonzerne bleiben die eigentlichen Gewinner, weil sie diesen Fortschritt wirtschaftlich besser monetarisieren als die chinesischen Anbieter selbst. Der Grund liegt im Geschäftsmodell: Microsoft verdient nicht am Sprachmodell, sondern an Azure, Office und der Integration von KI in bestehende Unternehmenssoftware. Alphabet verbindet KI mit Werbung und Cloud. Amazon profitiert über AWS von praktisch jeder zusätzlichen KI-Anwendung, weil jede neue Anwendung zusätzliche Rechenleistung braucht. Moonshot AI verdient mit Kimi K3 dagegen vor allem an API-Gebühren von 3 bis 15 Dollar pro Million Tokens, ein Bruchteil dessen, was ein integriertes Ökosystem abwirft. Damit dieses Szenario aufgeht, müssen Unternehmen auch künftig bereit sein, für die tiefe Integration in Azure, Google Workspace oder AWS einen Aufpreis zu zahlen, statt ein günstigeres Modell einfach per API anzubinden.

Szenario 2: Ein Preiskampf trifft alle

Dagegen steht ein zweites Szenario, das die Monetarisierungslücke nicht schrumpfen, sondern verschwinden lässt. Chinesische Modelle wie DeepSeek, Qwen und Kimi kosten laut einer Citi-Analyse teils nur 18 Cent pro Million Tokens, gegenüber bis zu 4 Dollar bei US-Spitzenmodellen. Der Anteil chinesischer Modelle am Datenverkehr des Router-Dienstes OpenRouter stieg von rund 4,5% in der ersten Jahreshälfte 2025 auf zeitweise 46%im Jahr 2026. Airbnb setzt inzwischen bevorzugt auf Alibabas Qwen, DoorDash routet einfachere Aufgaben an Moonshots Kimi und reserviert teure US-Modelle nur noch für die anspruchsvollsten Fälle.

Der Preisdruck bleibt nicht auf chinesische Anbieter beschränkt, er erreicht inzwischen die US-Labore selbst. OpenAI senkte am 30. Juli die API-Preise für GPT-5.6 Luna um 80% auf 20 Cent pro Million Tokens, praktisch auf Augenhöhe mit den 18 Cent der chinesischen Konkurrenz von oben, und für Terra um 20%, Terra kostet damit inzwischen weniger als Anthropics vergleichbares Sonnet 4.6. Auch Google unterbietet mit Gemini beide Anbieter bei den API-Preisen. Setzt sich dieser Trend fort, wird der Preisboden für KI-Tokens künftig nicht mehr in San Francisco verhandelt, sondern in Peking.

Seismograf Südkorea

Bei alledem geht es um hohe Einsätze: Microsoft, Alphabet und Amazon werden aktuell im Schnitt mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 25 gehandelt, der S&P 500 im Schnitt der vergangenen zehn Jahre mit rund 19. Wie schnell eine hohe Bewertung trotzdem kippen kann, zeigt Südkorea: Der KOSPI legte in diesem Jahr zeitweise um mehr als 50% zu, fiel anschließend um rund 40% vom Hoch – und liegt trotzdem deutlich im Plus für das Jahr. Samsung Electronics und SK Hynix, zusammen für mehr als 40% der Indexgewichtung verantwortlich, machen den KOSPI zum empfindlichsten Seismografen für jede Nachricht rund um KI-Investitionen, ob aus Peking oder aus den Bilanzen der US-Hyperscaler.

Fazit: KI-Risiko diversifizieren

Die Quartalszahlen von Microsoft, Alphabet und Amazon stützen Szenario 1, sie blicken aber zurück. Die Preissenkungen von OpenAI und Google sowie die Adoption chinesischer Modelle bei Airbnb und DoorDash sind das nach vorn gerichtete Signal, das für Szenario 2 spricht, auch wenn regulatorische Eingriffe oder steuerliche Weichenstellungen, etwa neue US-Exportkontrollen oder chinesische Subventionen, das noch verändern können. Auch die Kapazitätsfrage bleibt offen: Dass Meta zeitgleich ins Cloud-Geschäft einsteigt und die eigenen Investitionen weiter erhöht, passt nicht eindeutig zur Knappheits-Erzählung von Microsoft, Alphabet und Amazon. Wie direkt die US-Zahlen trotzdem auf den Rest der Welt durchschlagen, zeigen die Ausschläge am südkoreanischen KOSPI.

Genau diese Unsicherheit ist der Grund, das Portfolio nicht auf eine einzige Antwort zu verwetten. Chinas KI-Fortschritt lässt sich für Anleger sogar recht direkt einkaufen – nur nicht über Moonshot AI selbst, das nicht börsennotiert ist, sondern über dessen Großaktionäre. Alibaba hält seit einer Finanzierungsrunde 2024 rund 36% an Moonshot AI und bringt mit Qwen zusätzlich ein eigenes Spitzenmodell an den Start, Tencent ist ebenfalls an Moonshot beteiligt und zudem in DeepSeek investiert. Wer breiter diversifizieren will, findet in der Halbleiter-Lieferkette eine zweite, noch direktere Ergänzung: Taiwan Semiconductor, Samsung Electronics und SK Hynix verdienen an jedem zusätzlichen Chip, unabhängig davon, wessen Modell am Ende vorn liegt oder wer den Preiskampf gewinnt.

Diese Ergänzung ist auch eine Bewertungsfrage: Schwellenländer-Aktien notieren mit einem Forward-KGV von rund 12 gegenüber mehr als 20 in den Industrieländern – ein Abschlag, der historisch häufig der Ausgangspunkt überdurchschnittlicher Renditephasen war. Entscheidender ist aber die Ausgangslage der meisten Depots. Die sieben größten US-Technologiewerte stellen mit rund 31,5% inzwischen fast ein Drittel der Marktkapitalisierung des S&P 500, 2018 waren es noch 13%: die höchste Konzentration seit der Nifty-Fifty-Ära der frühen 1970er-Jahre. Wer einen globalen Aktien- oder Welt-ETF hält, ist über diesen Umweg längst massiv in genau den Werten übergewichtet, die ein branchenweiter Preiskampf am härtesten träfe. Für Anleger heißt das konkret: weg von reinen globalen Indexfonds, die dieses Übergewicht blind mitschleppen, und stattdessen einen Teil davon in einen breit diversifizierten Schwellenländer-Fonds umschichten, der sowohl asiatische Halbleiterwerte als auch chinesische KI-Werte enthält, nicht als Wette auf China, sondern als doppelte Absicherung: gegen die eigene, meist unbemerkte Konzentration und gegen das Risiko, dass ausgerechnet diese Werte am stärksten unter einem Preiskampf leiden.

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Autor

  • Steffen Gruschka ist CFO und Co-Geschäftsführer von envestor und blickt auf rund 30 Jahre Erfahrung im aktiven Management von Schwellenländer-Aktienfonds zurück. In seiner Laufbahn wurde er mehrfach als Fondsmanager des Jahres ausgezeichnet. Zuletzt erreichte er 2025 in der Kategorie Aktien Emerging Markets die Spitzenposition und gehörte damit laut Handelsblatt zu den besten Fondsmanagern Deutschlands.

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