Für viele Anlegende sind ETFs auf den MSCI World das Maß aller Dinge. Doch das ist er nicht. Unsere Kritik richtet sich in Teil 1 unserer Serie auf Marktteilnehmer, die sich in einer Art Nibelungentreue zum Index üben. Eine Replik auf einen Beitrag von Finanztip.
Es ist erstaunlich, wie ein schnöder Algorithmus, der Unternehmen aus 23 Ländern zusammenbringt und nach ihrem Börsenwert gewichtet, einen regelrechten Glaubenskrieg auslösen kann. Die Rede ist natürlich vom MSCI World. Dieser Index hat sich innerhalb weniger Jahre von einer wenig beachteten Messlatte für aktiv verwaltete Fonds zum Lieblings-ETF-Investment vieler Anlegerinnen und Anleger entwickelt. Auch Ihr envestor-Kolumnist zählte lange Zeit zu den bekennenden MSCI-World-Freunden, hat sich aber in den vergangenen fünf Jahren zum wohlwollenden Kritiker entwickelt (ja, es gibt sie noch in diesen polarisierten Zeiten: die wohlwollenden Kritiker!). Warum?
Es ist recht einfach: Als ich gegen 2006, damals noch unter der Flagge des portfolio Verlags, dann ab 2011 beim Research-Haus Morningstar MSCI-World-ETFs unter die Lupe nahm, fand ich diese richtig gut. Es dominierten damals aktiv verwaltete Fonds den Markt. Über ETFs sprach kaum jemand. Sehr viele dieser aktiv verwalteten Fonds waren überteuert, und viele waren kaum aktiv. Fonds, die am Index kleben, werden in der Fachsprache auch verkappte Indexfonds genannt. ETFs auf den MSCI World waren schlicht die bessere Alternative. Damals war der Index recht gut diversifiziert. Die USA machten damals knapp 50 Prozent des Gewichts aus, und auch auf Branchenebene war die Streuung ordentlich.
Mit zunehmender Dauer der USA-Tech-Hausse hat sich das Bild geändert: Die USA machen inzwischen 73 Prozent des Gewichts des MSCI World aus, Tech-Aktien kommen auf einen Anteil von offiziell 28 Prozent. Faktisch sind es rund 40 Prozent, da Meta, Alphabet und Netflix der Kommunikationsbranche zugeschlagen werden; Tesla und Amazon sind laut Index-Methodologie zyklische Konsumwerte.
Seit 2021 machen wir darauf aufmerksam, dass der MSCI World eine Tech-USA-Unwucht hat. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wir haben unsere Warnungen seitdem von Fall zu Fall wiederholt, weil wir sehen, dass Anleger MSCI-World-ETFs kaufen, als gäbe es kein Morgen. Bis auf den S&P 500 ist kein Index so beliebt unter ETF-Anlegenden. Viele setzen ausschließlich auf ETFs auf den MSCI World als Aktienbestandteil ihres Portfolios. Doch diese ETFs sind mitnichten die ideale One-Stop-Shop-Lösung. MSCI-World-ETFs sind keine perfekte Ein-Produkt-Lösung für unser Anlageproblem.
(Dass sich dieses Problem sehr einfach und auch pragmatisch lösen lässt, führen wir weiter unten auf.)
Finanztip: MSCI-World-Nibelungentreue
Die Reaktionen auf die vollkommen plausible Kritik am MSCI World werden vor allem von Verbraucherschützern kategorisch zurückgewiesen. Sie erstaunen mich immer wieder, weil die Argumentation oft lautet: Es kann nicht sein, was nicht sein darf! Erst jüngst hat das Portal Finanztip die Kritik am MSCI World als „Finanzmärchen“ abgetan. Den Artikel, der Anfang November erschien, nehmen wir zum Anlass einer Replik auf die Thesen von Finanztip, die stellvertretend für viele Meinungsartikel auf Ratgeber-Portalen stehen. Im zweiten Teil der Serie werden wir auf die Performance-Eigenschaften des MSCI World eingehen, die bisher selten thematisiert wurden.
These Finanztip: Der MSCI besteht faktisch nicht zu 73 Prozent aus USA, weil die US-Konzerne starke Umsätze im Ausland erzielen.
Auch wenn 30–40 Prozent der Umsätze globaler US-Konzerne nicht in den USA erzielt werden, sind es zutiefst amerikanische Unternehmen. Die Notierung an den Börsen in den USA bringt zunächst das Dollar-Risiko mit sich. Der Dollar hat 2025 bis zu 12 Prozent gegenüber dem Euro nachgegeben. Das war Underperformance „Made in USA“. Außerdem unterliegen US-Konzerne dem Regulierungsregime in den USA – und, gravierender noch, dem Einfluss der Trump-Administration. Sie sind auch von den konjunkturellen, geldpolitischen und steuerlichen Bedingungen in den USA abhängig.
Gerade in Sachen Datenschutz, Nachhaltigkeit sowie Frauen- und Menschenrechte gerieren sich viele US-Unternehmen wie tiefrote texanische Rednecks, was Folgen für ihren globalen Erfolg hat. (Das könnte ein Grund sein, warum der Fahrzeugabsatz des Weltkonzerns Tesla in Europa regelrecht zuletzt eingebrochen ist.)
These Finanztip: Der MSCI World streut breiter als nur auf 23 Länder.
Da sich der Finanztip-Autor auf die Behauptung beschränkt, dass Schwellenländer „sehr wohl eine Rolle für die Entwicklung des MSCI World … spielen“, beschränke ich mich auf ein klares: „Nö“.
(Ich könnte Anleger auffordern, unbedingt in ETFs auf den MSCI Emerging Markets zu investieren, um die Rendite von Aktien vom Schlage von Taiwan Semiconductor, die ja US-Unternehmen seien, einzufangen, aber das wäre kategorischer Unfug, und daher lasse ich das bleiben.)
These Finanztip: Der hohe USA-Anteil im MSCI World ist „kein Naturgesetz“. Der MSCI World werde „laufend so angepasst, dass er immer die weltweit größten Unternehmen enthält“. Gehe es US-Unternehmen „schlechter“, führe das „kurzfristig“ zu niedrigeren Kursen des MSCI World. Auf lange Sicht „purzeln Unternehmen einfach aus dem Index“.
Ich übersetze das einmal für Euch: Wenn Ihr einen ETF auf den MSCI World kauft, dann müsst Ihr unter Umständen wegen des hohen USA-Gewichts eine richtig miese Rendite einstecken. Die Underperformance des MSCI-World-ETF kann dann so lange dauern, bis US-Aktien wegen der schlechten Performance entweder nur noch ein niedriges Gewicht haben oder nach lang anhaltender Underperformance ganz aus dem Index entfernt werden. Aber das ist egal, für Finanztip und Co lautet das Motto: MSCI World: Dabeisein ist alles!
These Finanztip: Das Beispiel Japan zeige, dass der MSCI World gut sei: Man habe trotz des Platzens der Japan-Blase ab 1989, als Japan-Aktien rund 40 Prozent des Index ausmachten, zwischen 1975 und 2024 pro Jahr 9,7 Prozent Rendite erzielt.
Der Counterfactual ist kein Irrealis, sondern ein Potenzialis. Wer 1989 diversifiziert hatte, musste kein Tal der Japan-Tränen durchschreiten, sondern hätte die Folgen der Kursverluste in Japan deutlich reduziert. Vermutlich hätte ich im Jahr 1988 mit Blick auf das Japan-Gewicht im MSCI World ähnliche Argumente vorgebracht wie seit 2021 zum US-Anteil im MSCI World.
These Finanztip: „Dass Du mit den gut 70% US-Anteil im MSCI World einen Großteil Deines Geldes in US-Unternehmen investierst, hat noch einen Vorteil – Du diversifizierst Dein Vermögen besser.“
Damit kein Zweifel aufkommt: Auch ich bin in vielen Dingen pragmatisch. Aber wer ein flammendes Plädoyer für den Algorithmus abgibt, der Aktien aus 23 Ländern nach ihrem Börsenwert gewichtet, sollte doch ein klein bisschen auf Stringenz achten. Ich dachte, US-Konzerne seien wegen ihrer Auslandsumsätze gar keine echten US-Konzerne? Derartige argumentative „Flexibilität“ zeigt, dass hier Ideologen am Werk sind.
Anlegende brauchen Ideologiefreiheit
Stichwort Ideologie: Weil uns bei envestor die Anlegerrendite am Herzen liegt, geben wir uns ganz hessisch geschmeidig: Der MSCI World ist schlecht diversifiziert? Kein Problem: In unseren Beratungsportfolios mischen wir gerne Japan-, Europa- und Emerging-Markets-Aktienfonds bzw. -ETFs den Holdings bei, deren wohlwollende Kritiker wir sind: ETFs auf den MSCI World.
Es gibt viele Alternativen und Ergänzungen zum MSCI World. In Zeiten, in denen Sparpläne nichts kosten und schon ab 1 Euro monatlich investiert werden kann, ist nicht einzusehen, warum Finanztip und Co. Anlegenden nicht zutrauen, statt einen drei, vier oder fünf ETFs zu besparen. Und wer in einem Vier-ETF-Portfolio einmal im Jahr Unwuchten reduzieren will, erhöht den Sparplan auf die Underperformer-ETFs und senkt den Sparplan auf die Outperformer-ETF: Das ist pragmatisches, steuerschonendes und effektives Rebalancing.
In der nächsten Woche zeigen wir, warum die Jahresrendite „von 9,7 Prozent“, die Finanztip beim MSCI World langfristig ausgemacht haben will, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für Anlegende realitätsfern und mithin purer Unfug ist.
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Autor
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Ali Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor. Er beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar.
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