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Totgesagte leben länger: Warum Sie Öl-Aktien nicht abschreiben sollten

Der Iran-Krieg hat den Ölmarkt und damit auch Öl-Aktien abrupt zurück in den Fokus der Anleger gerückt. Steigende Preise und geopolitische Risiken zeigen, wie sensibel das globale Energiesystem weiterhin ist. Doch kurzfristige Schocks sind nur ein Teil der Geschichte. Warum der Comeback von Öl-Aktien mehr als nur temporärer Natur sein könnte. 

Der Aufstieg alternativer Energien, die nicht auf fossilen Brennstoffen basieren, ist nachhaltig und unumkehrbar: Der Hunger nach Strom wird zunehmend von Wind- und Solarenergie gedeckt, und auch die Kernenergie gewinnt sie im globalen Kontext – ungeachtet der deutschen Skepsis – wieder an Bedeutung. 

Allerdings: Die Energiewende verläuft nicht linear. Die neuen Technologien wachsen schnell, doch bestehende Energieträger verschwinden nicht. Ein ehemaliger Rohstoffhändler hat mir dazu einmal einen Satz mitgegeben, der bis heute erstaunlich belastbar ist: “In der Geschichte der Menschheit hat keine neue Energieform die Nutzung der vorherigen in absoluten Zahlen reduziert”. Die spannende Frage für Öl-Aktien ist daher nicht, ob Elektroautos die Verbrenner zunehmend ersetzen – sondern wie stark die Nachfrage nach Öl künftig sein wird. 

China als Realitätscheck

Wer verstehen will, ob Elektroautos Öl tatsächlich verdrängen, sollte nicht auf den globalen Durchschnitt schauen, sondern auf den fortschrittlichsten Markt: China. Dort lag der Anteil von Elektroautos an den Neuzulassungen 2024 bereits bei rund 35 Prozent, während er 2020 noch unter 6 Prozent lag. Das ist eine der schnellsten Transformationen eines Massenmarktes in der Industriegeschichte.

Wer den Ölmarkt verstehen will, muss auf den Fahrzeugbestand schauen – nicht auf die Neuzulassungen. In China lag der Anteil von Elektroautos an der gesamten Pkw-Flotte 2024 bei rund 8 Prozent, Ende 2025 könnte Sie bei 10 Prozent gelegen haben. Das ist eine beachtliche Steigerung, aber in Summe ist die Quote noch immer überschaubar.

Allerdings ist gleichzeitig die Fahrzeugflotte seit 2020 von circa 280 auf 330 Millionen Fahrzeuge angewachsen. Der Kuchen wird also insgesamt größer, und ungeachtet des stark wachsenden E-Auto-Markts steigt in China noch immer die Zahl der Verbrennermotoren. Die Nachfrage nach deutschen Verbrennerautos schwächt sich in China ab, aber die Zahl der deutschen Autos auf chinesischen Straßen steigt absolut nach wie vor. 

Dementsprechend bleibt auch die Nachfrage nach klassischen Kraftstoffen wie Diesel und Benzin bestehen, während der Bedarf an Kerosin im Luftverkehr gleichzeitig ebenfalls wächst. Die chinesische Nachfrage lag 2024 bei rund 16,4 Millionen Barrel pro Tag und damit deutlich über dem Niveau von etwa 14 Millionen Barrel im Jahr 2020.

Und was für China gilt, gilt auch für den Globus: Für 2025 taxiert die Internationale Energieagentur eine globale Ölnachfrage von rund 104 mb/d, Zum Vergleich: Im Jahr 2019 – dem letzten „normalen“ Jahr vor der Pandemie – lag die weltweite Nachfrage bei rund 100 mb/d,t der Ölverbrauch liegt also heute um etwa 4 Millionen Barrel pro Tag höher als vor 5 Jahren. Es gilt also festzustellen: Die massive Ausweitung der Elektroauto-Flotte führt bislang mitnichten zu einem Rückgang der absoluten Ölnachfrage.

Wachsender Bedarf überlagert Substitution

Das zentrale Missverständnis in der öffentlichen Debatte liegt in der Annahme, dass Energieformen pauschal austauschbar sind. In der Praxis ist das nicht der Fall. Öl ist zudem nicht nur ein Energieträger für Mobilität, sondern ein zentraler Rohstoff für Industrie und Chemie.

Gerade in China zeigt sich dieser Effekt deutlich. Während der Kraftstoffverbrauch im Straßenverkehr stagniert, wächst die Nachfrage nach petrochemischen Produkten weiter. Die chinesische Nachfrage nach Benzin, Diesel und Kerosin lag 2024 bei knapp 8,1 mb/d und damit 2,5 Prozent unter dem Niveau von 2021. Gleichzeitig stieg der Ölbedarf für petrochemische Rohstoffe um fast 5 Prozent.

Dementsprechend sollten wir kein baldiges Öl-Endgame erwarten. Die IEA erwartet in ihrem mittelfristigen Ausblick, dass die globale Ölnachfrage bis 2030 noch um 2,5 Millionen Barrel pro Tag steigt und sich erst gegen Ende des Jahrzehnts bei rund 105,5 mb/d ein Plateau bildet. Die OPEC ist noch deutlich optimistischer und prognostiziert eine steigende  Nachfrage bis 2050 – auf rund 123 Millionen Barrel pro Tag.

Es stellt sich also nicht die Frage, ob Öl morgen verschwindet. Die Diskussion dreht sich eher um das Tempo der Verlangsamung und um die Frage, ob der Markt überhaupt irgendwann schrumpft. Wenn mein alter Gefährte am Ende recht bekommt, passiert das gar nicht. Für Investoren ist das ein entscheidender Unterschied, denn am Kapitalmarkt zählt nicht das Narrativ, sondern die tatsächliche Dauer der Cashflows.

Übertragen auf den Finanzsektor: Märkte neigen dazu, langfristige Trends zu überschätzen und die Übergangsphase zu unterschätzen. Die Klimabeschlüsse von Paris 2015 markierten den Startschuss für ein rasantes Wachstum der Branche der alternativen Energien. Vor allem die Bereiche Wind und Solar wurden als die Energien der Zukunft ausgemacht, die einen Abschied von fossilen Energieträgern ermöglichen und damit zur Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels entscheidend beitragen würden. An der Börse haben Solar- und Windkrafthersteller zwischen 2015 und 2021 rauschende Parties gefeiert, Fonds und ETFs, die auf Wind- und Solar-Energie setzen, waren die Stars der Manege. Mein Kollege Ali Masarwah hat in mehreren Beiträgen die Euphorie wie die tiefe Depression von Anlegern in Produkten wie den iShares Clean Energy ETF laufend analysiert und dabei auch typische Anlegerfehler identifiziert. 

Genau in solchen Phasen entstehen oft Fehlbewertungen. Wer nur das Endbild einer dekarbonisierten Welt betrachtet, kann leicht übersehen, dass die Weltwirtschaft in der Zwischenzeit noch viele Jahre mit fossilen Molekülen arbeitet. Als 2022 mit der Invasion Russlands  die Preise für Öl und Gas in die Höhe schossen und parallel die steigenden Zinsen den schnell wachsenden Herstellern alternativer Energien zu schaffen machten, wurde Anlegern klar, dass nachhaltige Energien zwar wachsen, aber dass auch diese Branche Zyklen unterworfen ist und dass ungeachtet des Wachstums tiefe Täler der Tränen vorprogrammiert sind.

2026 hat Donald Trumps Venzuela- und Iran-Abenteuern Öl-Aktien zu einem neuen Schub an der Börse verschafft. ExxonMobil liegt im Jahr 2026 bislang bei einem Kursplus von rund 18 Prozent, während Chevron etwa 27 Prozent zugelegt hat. Die europäischen Ölkonzerne folgen dicht dahinter: Shell verzeichnet ein Plus von etwa 24 Prozent, TotalEnergies rund 19 Prozent und BP etwa 26 Prozent. Deutlich dynamischer entwickeln sich stärker zyklische Titel: Occidental Petroleum kommt auf ein Plus von rund 42 Prozent seit Jahresbeginn, während Equinor etwa 23 Prozent zulegt. Damit gehört der Energiesektor im laufenden Jahr zu den klaren Gewinnern am globalen Aktienmarkt. Steigende Renditen am Anleihenmarkt setzen Clean-Energy-Aktien dagegen derzeit erneut zu, nachdem sie sich 2024 und 2025 deutlich erholt hatten.

Öl-Aktien werden stiefmütterlich behandelt 

An der Börse wird der Energiesektor, auch aufgrund von ESG-Beschränkungen institutioneller Investoren, trotz hoher Cashflows und seit Jahren disziplinierter Kapitalallokation weiterhin mit einem deutlichen Bewertungsabschlag gehandelt. Die Analysten erwarten laut Konsensdaten (S&P Global und FactSet) für us-amerikanische Energieunternehmen in den nächsten 12 Monaten ein  Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13, während das KGV des Gesamtmarkt (S&P 500) bei rund 20 geschätzt wird. Nimmt man globale Zahlen, liegen beide Zahlen etwas niedriger, aber der Bewertungsabschlag bleibt gleich. Damit bleibt Energie einer der günstigsten Sektoren – obwohl die zugrunde liegenden Cashflows robuster sind, als viele Investoren erwarten.

Aus Anlegersicht bleiben fossile Brennstoffe ein zentraler Bestandteil der globalen Wirtschaft. Es spricht deshalb einiges dafür, Öl-Aktien selektiv beizumischen. Sie können in Phasen geopolitischer Spannungen, höherer Inflation oder überraschend robuster Rohstoffnachfrage eine nützliche Diversifikationsfunktion erfüllen. Entscheidend ist, dass solche Bausteine dosiert eingesetzt werden. Für unsere Beratungsportfolios heißt das: Wir mischen Rohstofffonds mit Schwerpunkt auf Öl und Gas bei. 

Energiewende: kein Endgame für Öl-Aktien

Öl wird nicht nur im Verkehr genutzt, sondern in weiten Teilen der Industrie. Die Nachfrage verschwindet also nicht einfach durch technologische Substitution.

Für Anleger ergibt sich daraus eine klare Schlussfolgerung. Die Energiewende ist ein Umbau des Systems, kein abruptes Ersetzen. Genau in solchen Übergangsphasen entstehen oft die interessantesten Opportunitäten – insbesondere dort, wo der Markt das Ende bereits eingepreist hat, die Realität aber noch Jahre braucht, um dorthin zu gelangen. Öl-Aktien bleiben damit auch langfristig spannend.

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Autor

  • Steffen Gruschka ist CFO und Co-Geschäftsführer von envestor und blickt auf rund 30 Jahre Erfahrung im aktiven Management von Schwellenländer-Aktienfonds zurück. In seiner Laufbahn wurde er mehrfach als Fondsmanager des Jahres ausgezeichnet. Zuletzt erreichte er 2025 in der Kategorie Aktien Emerging Markets die Spitzenposition und gehörte damit laut Handelsblatt zu den besten Fondsmanagern Deutschlands.

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