Der S&P 500 legte im letzten Jahrzehnt 249% zu, die Unternehmensgewinne aber nur rund 100% – ein Teil der Differenz erklärt sich durch einen Mechanismus, dessen Effekt kaum jemand bemerkt hat: US-Unternehmen haben mehr Aktien zurückgekauft als neue ausgegeben. Ab 2026 geht die Zahl der Aktien-Rückkäufe zurück und die Emissionen nehmen stark zu. Wie wirkt sich das auf die Märkte aus?
Rückkäufe als unsichtbarer Kurstreiber
Kauft ein Unternehmen eigene Aktien zurück, verringert sich die Zahl der umlaufenden Aktien – damit erhöht sich der Gewinn je verbleibender Aktie automatisch. S&P-500-Unternehmen haben laut S&P Dow Jones Indices in jedem der vergangenen Jahre rund eine Billion USD eigene Aktien zurückgekauft – 943 Milliarden USD in 2024, 795 Mrd. USD in 2023, gut eine Bio. USD in 2022. Das entspricht rund 2% der gesamten Marktkapitalisierung des S&P 500 – jedes Jahr seit mehr als einem Jahrzehnt. Auch wenn bei den größten Rückkäufern – Nvidia, Amazon, Meta, Microsoft – gleichzeitig erhebliche Mengen an Aktien als Mitarbeitervergütung ausgegeben werden, was den Nettoeffekt bei manchen Tech-Firmen schmälert, ist der Netto-Effekt bemerkenswert.
Die Börsengeschichte von Meta ist ein Extremfall: Beim Börsengang 2012 sammelte Meta 16 Mrd. USD ein und gab 421 Millionen neue Aktien aus. Bis 2026 hat Meta über 180 Mrd. USD für Rückkäufe ausgegeben – das Elffache des IPO-Erlöses. Zwischen 2018 und 2024 kaufte Apple eigene Aktien sogar für über 500 Mrd. USD zurück.
Der Effekt der Rückkäufe wurde in diesem Jahrtausend durch einen zweiten Umstand verstärkt: den Rückgang der Zahl an börsennotierten Unternehmen. Deren Zahl hat sich an der New Yorker Börse (NYSE) und der Nasdaq seit 2000 von rund 8.000 auf etwa 4.000 halbiert. Die wachsende Bedeutung von Private Equity als Quelle von Unternehmensfinanzierungen hat dazu geführt, dass Unternehmen wie SpaceX, Stripe oder Databricks viel länger privat bleiben als das früher der Fall gewesen wäre. Die Goldman-Sachs-Messung der US Net Equity Supply – das Netto-Neuangebot an Aktien als Prozentsatz der Russell-3000-Marktkapitalisierung – war von 2004 bis 2025 fast jedes Jahr negativ: zwischen -0,5% und -2,5% pro Jahr.
Sportliche Bewertung
Das schrumpfende Aktien-Angebot hatte auch Folgen für die Bewertungen. Laut einer Analyse der S&P-500-Renditen über 140 Jahre war Bewertungsexpansion – also KGV-Anstieg ohne entsprechendes Gewinnwachstum – im Jahrzehnt bis 2024 einer der größten Einzeltreiber der 249% Gesamtrendite. Das Shiller-KGV liegt heute bei rund 37 – nur während der Dotcom-Blase war es höher. Die Angebotsverknappung dürfte ein wichtiger, oft unterschätzter Faktor gewesen sein: Wenn weniger Aktien im Umlauf sind und gleichzeitig mehr Kapital in den Markt fließt, steigen Kurse auch ohne bessere Gewinne. Daneben haben Zinsrückgang, Tech-Profitabilität und globale Kapitalzuflüsse in den US-Markt zur Bewertungsexpansion beigetragen.
Die Equity Risk Premium – die Mehrrendite, die Aktien gegenüber Anleihen rechtfertigen muss – liegt laut PIMCOs Secular Outlook vom Juni 2026 nahe dem unteren Ende der Nachkriegsspanne. Der Puffer ist deutlich kleiner geworden. Steigt das Angebot jetzt, könnte ein wichtiger Bewertungsstützungsfaktor an Bedeutung verlieren. Der MSCI World besteht zu gut 70% aus US-Aktien, die auch deswegen teuer geworden sind, weil das Angebot knapp war.
Super-IPOs treffen auf Rekord-Rückkäufe
Doch die Zeiten ändern sich. Private Equity gerät wegen der seit 2022 gestiegenen Renditen am Anleihenmarkt unter Druck. Goldman erwartet für 2026 erstmals seit zwei Jahrzehnten ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Aktienangebot und -nachfrage; für 2027 könnte das Angebot erstmals überwiegen. Die Zahl der Börsengänge nimmt wieder zu.
Der gerade erfolgte Börsengang von SpaceX ist der größte Börsengang der Geschichte und Startschuss für eine IPO-Welle, die den Markt 2027 vor einen echten Test stellen dürfte. OpenAI und Anthropic haben im Juni 2026 vertrauliche S-1-Unterlagen bei der SEC eingereicht. Goldman Sachs prognostiziert für 2026 rund 160 Mrd. USD IPO-Erlöse aus etwa 100 Transaktionen – nach Erlösen wäre das ein historischer Rekord. Noch nicht eingerechnet sind Wandelanleihen: 2025 war mit 120 Mrd. USD das Rekordjahr für Convertible-Emissionen weltweit, 2026 liegt auf Rekordkurs. Wenn diese Bonds bei steigenden Kursen konvertiert werden, kommen zusätzliche Aktien auf den Markt.
Zugleich hat die Welle der Aktienrückkäufe ihren Scheitelpunkt erreicht. S&P-500-Unternehmen kaufen 2026 prognostiziert für 1 Bio. USD eigene Aktien zurück. Aber das Gleichgewicht verschiebt sich – ausgerechnet bei den Unternehmen, die den Rückkauf-Boom angeführt haben. Meta, Alphabet, Amazon und Microsoft lenken 2026 zusammen über 650 Mrd. USD in KI-Infrastruktur um – Kapital das bisher in Rückkäufe geflossen wäre. Die ehemaligen Könige der Buyback-Rally werden zu Kapitalverbrennern für Rechenzentren.
Der eigentliche Test: Umschichtung 2027
Mit auslaufenden Lockup-Perioden könnte das Gleichgewicht 2027 kippen. SpaceX hat beim IPO nur 4 bis 5% seiner Aktien als Streubesitz ausgegeben. Bei einer aktuellen Marktkapitalisierung von rund 2,4 Bio. USD entspricht das rund 120 Mrd. USD handelbarem Angebot – nicht die Billionenzahlen die die Gesamtbewertung suggeriert. Der frühere Nasdaq-Chef Robert Greifeld erklärte, SPCX handle auf Hoffnungen statt auf Fundamentals – getrieben von dem minimalen Streubesitz und Momentum-Trading. Das Lockup läuft gestaffelt ab: erste Tranchen ab August 2026, der Rest nach 180 Tagen. Musk selbst ist für 366 Tage gesperrt – aber die übrigen Insiderpositionen umfassen Hunderte Milliarden USD, die schrittweise auf den Markt kommen. OpenAI und Anthropic mit kombinierten Bewertungen von knapp 2 Bio. USD folgen im Frühjahr 2027.
Ein großer Teil des Kapitals, das in neue Listings fließt, kommt aus bestehenden Portfolios – und die Magnificent Seven machen dort den größten Anteil aus. Staatsfonds, aktive Fonds und ETFs nach Indexaufnahme könnten als neue Käufer einspringen. Aber Indexaufnahmen brauchen Zeit.
Akademische Studien belegen konsistent: Wenn Lockups auslaufen, fallen Kurse – unabhängig von der Qualität der Unternehmen. Aktuell gibt es genug Käufer, die SpaceX zu einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von rund 126 kaufen – dem höchsten im gesamten S&P 500. 2027 wird sich zeigen, ob es wesentlich mehr solcher Käufer gibt, wenn erstmals Insider auf der Verkäuferseite stehen.
Fazit: Der Rückenwind schwächt sich ab
Der Mechanismus der zwei Jahrzehnte lang Kurse getrieben hat – weniger Aktien, mehr Kapital, steigende Bewertungen – läuft allmählich aus. Mit der IPO-Welle 2026 kommen Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht. 2027 wird erstmals ein echter Belastungstest: Dann dürfte das Angebot die Nachfrage zum ersten Mal übersteigen.
Sektoren, die weiterhin stark zurückkaufen – Finanztitel, Energie, Healthcare – werden interessanter als die Magnificent Seven, deren Cashflows zunehmend in Infrastruktur gebunden werden. Anleihen mit attraktiven Realrenditen werden konkurrenzfähiger, wenn die Bewertungsexpansion bei Aktien als Kurstreiber wegfällt – PIMCO stellt fest, dass der prospektive Sharpe Ratio hochwertiger Anleihen erstmals seit Jahren höher ist als die risikoadjustierte Rendite von Aktien, und konstruiert heute Portfolios mit 5–7% Rendite bei potenziell niedrigerer Volatilität. Dazu tragen interessanterweise auch die Anleihen von Hyperscalern bei, die ihre KI-Investitionen auch über den Bond-Markt finanzieren und ordentliche Kupons bieten (müssen). Wer darüber hinaus höhere Bond-Renditen sucht, die zudem vom Aktienmarkt vollständig entkoppelt ist, findet sie in Nischen wie Konsumentenkrediten und Versicherungsanleihen in Gestalt von CAT-Bonds vor. Diese Kredit-Instrumente sind nahezu unkorreliert mit Aktien und klassischen Anleihen und weisen Coupons von 10% und mehr auf.
Diese Umschichtungen – weg von Tech-Konzentration, hin zu Anleihen, Value-Sektoren und alternativen Anlageklassen – sind für Privatanleger schwer allein umzusetzen. Der Zugang zu CAT-Bonds ist begrenzt, das Rebalancing eines konzentrierten Portfolios komplex. Eine unabhängige Beratung setzt hier an.
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Alle Beiträge ansehenSteffen Gruschka ist CFO und Co-Geschäftsführer von envestor und blickt auf rund 30 Jahre Erfahrung im aktiven Management von Schwellenländer-Aktienfonds zurück. In seiner Laufbahn wurde er mehrfach als Fondsmanager des Jahres ausgezeichnet. Zuletzt erreichte er 2025 in der Kategorie Aktien Emerging Markets die Spitzenposition und gehörte damit laut Handelsblatt zu den besten Fondsmanagern Deutschlands.